Sommer 2019, Tag 9: Manchmal gibt es so Tage, da weiß man vorher schon, dass eine Entscheidung falsch ist.

Schon am Vortag waren die Temperaturen abgestiegen. Auch am heutigen Mittwoch sollte es damit weitergehen. Daher war es guter Rat teuer. Wollte ich wirklich mit dem Fahrrad bei den zu erwartenden Temperaturen stundenlang am Kanal entlang fahren? Oder sollte ich in Kehl ruhig und gemütlich starten, nach Strasbourg rüberfahren und von Strasbourg aus direkt den Zug über Mulhouse zur Moselquelle nehmen?

Ich haderte lange mit mir. Ich wusste, wie ich mich entscheiden sollte, es sollte falsch sein. (War es im Endeffekt auch.)

Entschieden habe ich mich schließlich für die Variante „Rhein – Rhone – Kanal“ + Zug nach Fellering. Da mich mein Weg zum Kanal durch Strasbourg führen würde, wollte ich mir dort auch noch etwas Zeit lassen

Ich erreichte den Kanal und nahm Fahrt auf. Die Bäume spendeten mir Schatten. Gleichzeitig hinderten sie mich aber auch an einer durchgehenden hohen Geschwindigkeit, da ihre Wurzeln immer wieder den Asphalt Wellen schlagen ließen.

Trotzdem kam ich gut voran. Die Kilometer schmolzen nur unter mir dahin. Neuf Briash (mein Zwischenziel) kam immer näher.

Auf dem Weg dorthin veränderte sich der Kanal. Hier war er mit Sicherheit nicht mehr befahrbar.

Nun erreiche ich Neuf Briash – eine nette Garnisonsstadt. Ich drehte eine kurze Runde, nahm mir aber nicht viel Zeit. In gut drei Stunden würde mein Zug fahren. (Ohne mich. Aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.) Und in gut drei Stunden sollte ich noch einmal in der Garnisonsstadt sein. (Aber auch das wusste ich jetzt noch nicht.)

Google Maps zeigte mir einen Intermarche Super an. Ich machte kurz halt, holte mir eine kalte Cola und frisches Wasser. Die Cola trank ich gemütlich im Kühlen des Eingangsbereichs des Ladens. Meinen Helm und mein Portemonnaie legte ich dabei auf eines dieser Kinderspielzeug – Fahrzeuge. Anschließend füllte ich die leere Wasserflasche auf. Dass Portemonnaie lag dabei (meines Wissens) auf dem Ragpack. Den Rest des Wassers schüttete ich in mein Buff und mir über den Kopf.

Nun ging es weiter. Ich gab Gas, hatte noch gute 40 Kilometer. Nach 10 Kilometer stand bei komoot, dass es einen Klasse Bäcker gäbe – Zeit für eine Cola. Ich packte in meine Fahrradtasche, um das Portemonnaie rauszuholen, welches nicht da war. Eigentlich, dachte ich mir, kann es nur beim Supermarkt liegen. Viele Möglichkeiten gab es nicht. Kinderfahrzeug oder im Umkreis von wenigen Metern um den Eingangsbereich herum. Ich schaute mich natürlich auch auf dem Weg um.

Auf dem Weg fand ich nichts. Auch vor dem Supermarkt – nichts. Auch innen – nichts. Die Mitarbeiter wussten auch von – nichts. Ein minimaler Anflug von Panik machte sich breit. Aber nur minimal, denn Plan B hatte ich schon im Kopf.

Ich fuhr noch kurz bei der Gendarmerie vorbei (und war wieder in der Garnisonsstadt). Dort verstand man mich nur dank dem Google – Übersetzer. Aber wie ich im Nachhinein erfahren musste, hat man mich vielleicht nicht so ganz richtig verstanden. Zumindest hat man meinen Vorfall nicht aufgenommen, sondern sich nur meine Adresse notiert. (Oder Fundunterschlagung ist in Frankreich keine Aufgabe der Polizei.)

Ich suchte nun noch einmal in Ruhe die Strecke ab, die ich gefahren war. Denn für meinen Plan B hatte ich alle Zeit der Welt. Gegen 22 Uhr – 5 bis 6 Stunden ergebnisloser Suche lagen hinter mir, peilte ich mein neues Ziel an.

Ich würde die Radtour unterbrechen. Ohne Ausweis, Geld und Ec-Karte macht es nicht so viel Sinn. Darauf verlassen, dass ich überall mit Google Pay zahlen könnte wollte ich mich nicht.

Ich peilte daher Müllheim am deutschen Rheinufer an. Von dort würde ich schon einen Weg nach Hause finden. Auf dem Weg zum Bahnhof hielt ich an einer 24-Stunden – Esso-Tankstelle. Ich wollte einmal das Bezahlen mit Google testen. Es lief einwandfrei.

Mit Essen und Trinken ausgestattet kam ich am Bahnhof an. Dort saßen noch Bahnfahrer, die auf den letzten Zug warteten. Ich wollte einen der ersten Züge am kommenden Morgen erwischen. Da es inzwischen spät Nachts war, blieb ich direkt auf dem Bahnhof sitzen. Wollte ich zumindest.

Aber mit der Zeit wurde es immer unheimlicher. Komische Gestalten kamen zum Bahnhof und gingen wieder. Irgendwann packe ich mein Fahrrad, ich war es leid. Mein Weg führte mich zur Tankstelle zurück

Die hatte einen kleinen Raum für die Trucker hinter dem Verkaufsraum. Der Mitarbeiter hatte Mitleid mit mir und so nahm ich dort mitsamt Fahrrad Platz und fiel schnell in einen kurzen, tiefen Schlaf.

(to be continued…)