Schottland, Tag 29: Arran – einmal Schottland zum Mitnehmen

Arran, so heißt es, ist Schottland. Ganz Schottland. Das ganze Land, die ganze Topografie, lässt sich in dieser Insel wiederfinden. Highland, Lowlands, natürlich auch das Meer.

Am gestrigen Tag habe ich mich entschieden, mein Fahrrad nicht in Ardrossan am Hafen stehen zu lassen. Daher schummele ich jetzt und fahre ab Glasgow mit der Bahn nach Ardrossan. Auch der Rückweg von Ardrossan nach Glasgow wird mit der Bahn zurückgelegt, denn am Abend wollen wir uns mit einigen Freunden noch einmal im Baffa treffen.

Im Wunderschönen überdachten Bahnhof von Glasgow geht es also los. Ich liebe diese „alten“ Bahnhöfe. Sie versprühen immer den Duft der weiten Welt, finde ich. Außerdem fühlt man sich in die 1920er Jahre oder so zurückversetzt.

Der Bahnhof in Ardrossan ist kleiner. Nach einer ruhigen Fahrt im Zug erreiche ich Ardrossan Harbour. „Alles aussteigen“, heißt es. Denn hier ist das Gleis zu Ende. Ich schiebe mal Fahrrad aus dem Zug, steige auf und fahre hinüber zum Fähranleger. Wie gewohnt kaufe ich mir eine Karte für die CalMac-Fähre und stelle mich neben den Autos auf. Die Fahrräder kommen wie üblich zuerst an Bord der schwarz-weißen Fähren. Ich verschnüre mein Fahrrad an der Bordwand und gehe ins Innere der Fähre. Zwei unterschiedliche Fähren verkehren im Wechsel zwischen Ardrossan und Brodick auf Arran. Die MV Isle of Arran und die gut 60% größere MV Isle Caledonian . 5300 statt 3300 Tonnen – das macht einen Unterschied. Welchen? Das sollte ich heute nachmittag mitbekommen.

Die Fähre legt ab und macht sich auf dem Weg aus dem geschützten (*hüstel* – später mehr) Hafenbecken hinaus in den Firth of Clyde. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein kreuzten ein Großteil der Schiffneubauten bei ihrer Jungfernfahrt meine Route durch den Firth, da im Mündungsbereich des Clyde einige der größten damaligen Werften lagen. Neben dem üblichen Schiffverkehr trifft man heute noch ab und zu auf Schiffe der Royal Navy, die in den nördlichen Ausbuchungen des Firth of Clyde einige Marinebase hat. Bzw. man trifft sie nicht – den dort liegt ein Teil der britischen U-Boot-Flotte inkl. ihrer atomar bestückten Raketensysteme. Netter Gedanke. #Nicht.

Die Überfahrt ist ruhig, ich unterhalte mich mit ein paar Radfahrern an Bord. Einer fährt einen Teil meiner Route. Er will an der Nordküste von Arran entlang hinüber nach Lochranza, von dort nach Kintyre übersetzen und dann über Tarbet und Argyle (falls die Fähren mitmachen) zurück nach Glasgow fahren. Okay, er hat auch ein Rennrad. Ich nicht. Ich begnüge mich mit der ruhigen und schönen und angenehmen Küstenroute um die Nordhälfte von Arran, bevor ich über „den String“ zurück nach Brodick fahre. Dann geht es mit der Fähre um etwa 15 Uhr (geplant) zurück nach Ardrossan.

In Brodick gehen wir von Bord. Ich fahre gemütlich und ohne Regenjacke um die Bucht herum und gönne mir noch einen Blick nach hinten. Der Rennradfahrer überholt mich nach wenigen Minuten. Ist auch okay. Er will bestimmt dreimal so viele Kilometer fahren wie ich.

Ich komme aber auch recht gut voran. Die Fahrt an der Ostküste ist einfach. Die Straße ist gut (ich fahre an der Hauptstraße, die die Insel umgibt) und halte mich die ersten 13 Kilometer in der Nähe der Küste auf. Die Küste ist flach – die Steigung ist moderat. Eigentlich ist sie nicht vorhanden. Es gibt keine. Erst nach gut 13 Kilometern biegt de Straße ein wenig ins Innere der Insel ab und bildet eine Tangente (ich wusste, irgendwann ist mein Mathe-Studium mal nützlich 😉 ).

Auf der Höhe ist ein Parkplatz, ich mache Rast. Es wird langsam nebliger. Regnerischer. Wobei ich leichten Regen schon länger habe – ich fahre inzwischen in meiner Regenjacke.

Drei Kilometer Anstieg bei leichtem Regen und leichtem Nebel habe ich noch vor mir. Dann fahre ich den Berg wieder hinab und erreiche nach anderthalb Stunden Fahrtzeit Lochranza. Ich rolle nach Lochranza rein, komme an der Destillerie und dem Campingplatz vorbei. Im Dunst vor mir erscheint auf seiner Landzunge das Lochranza Castle, eine Ruine.

Im Nebel sieht das Castle geheimnisvoll aus, beinahe unheimlich.
Nach dem Castle kommt der Fähranleger. Ich sehe einen digitalen Hinweis: „Due to weather conditions könnten sich die Abfahrtszeiten der Fähre verschieben!“ Es stand dort natürlich komplett auf Englisch – ich weiß nur nicht mehr genau, wie der Satz hieß.
Ich grinse in mich hinein. Was sollen das schon für „Weather conditions“ sein. DIe Fähre nach Lochranza ist … sehr klein. Kein Wunder, dass die beim leichten Stürmchen schon Probleme bekommt.

An der Sandwich Station im Westen von Lochranza mache ich kurz Halt. Ein Sandwich ist gut – aber gestoppt hat mich das Schild mit der Aufschrift „Arran Ice“. Nehme ich. Danke.

Dann wende ich mich gen Süden, es geht nun wieder an der Küste lang. Leichter Regen begleitet mich noch für einige Minuten. Dann ändert sich das Wetter wieder … und ich bekomme eindrucksvoll präsentiert, warum die Fähre ab Lochranza nicht mehr fährt.

Der normale Südwest-Wind, der mir bisher entgegen wehte, überlegt es sich anders und kommt nun von allen Seiten. Also, nicht gleichzeitig. Aber ich werde von einer starken Böe nach der anderen erwischt – jede aus einer anderen Richtung. Auf Gegenwind kann man sich ja einstellen. Aber auf sowas nicht. Mal scheine ich beim Fahren zu stehen, mal drückt mich der Wind abrupt nach vorne. Dann bin ich wieder froh, dass ich praktisch alleine auf der Straße unterwegs bin (wer ist schon so doof und geht bei dem Wetter raus!!), so dass mich der Wind nicht in fahrende Autos hineindrücken kann. Einen kleinen Eindruck vom Wetter können vielleicht die drei kommenden Bilder vermitteln

Habe ich vor einigen Tagen noch gesagt „Schlimmer als die letzten Kilometer vor Applecross kann es nicht werden“, bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher. Gefühlt prallt der Wind mit Orkanstärke auf mich ein. Als ob das nicht reichen würde, regnet es natürlich auch noch. (Ja, Regen. ich bin mir sicher, dass es nicht das aufgewirbelte Meerwasser war.) Ich beiße die Zähne zusammen, trete in die Pedale, versuche möglichst wenig Widerstand zu bieten und freue mich auf heute Abend. Denn im Gegensatz zur Tortur (nein, so negativ soll es eigentlich gar nicht klingen) bei Applecross weiß ist, dass ich heute Abend ein warmes Bett in Glasgow haben werde. Außerdem eine leckere Pizza im Baffo. Also: weiter geht’s. Nur nicht aufgeben.

Etwas 20 Kilometer folge ich der Küstenlinie, folge dem Hin und Her des Windes. Mit der Zeit merke ich, dass trotz der starken Böen die vorherrschende Windrichtung weiter aus Südwest ist. Das motiviert mich auch etwas, könnte es mir doch beim nächsten Abschnitt meiner Strecke helfen. Auf Höhe der Machie Bay biege ich nämlich ins Landesinnere ab und folge nun dem „String“ quer durch Arran. Naturgemäß geht es in die Höhe. Von etwa Meereshöhe muss ich auf gute 300 Meter Höhe hinauf. Das Ganze mit ein wenig Zeitdruck, damit ich um 15 Uhr die Fähre in Broderick erreiche. Es ist immerhin schon 14 Uhr durch. Wobei – ich bin noch beeindruckt. Wie es aussieht habe ich trotz der widrigen Umstände einen ziemlich guten Schnitt geschafft. Ich habe nur knappe anderthalb Stunden für die 20 Kilometer an der Küste lang gebraucht. Nicht schlecht. Bei gutem Wetter hätte ich es auch noch genossen. (Okay, ich gebe zu – irgendwie habe ich es auch jetzt genossen.)

Der vorherrschende Wind aus Südwest kommt mir jetzt jedenfalls sehr gelegen. Wie der Wind (oh, ein Wortspiel) drückt er mich den Berg hoch und das Fahren fällt mir sehr leicht. Manchmal halte ich trotzdem an. Die rauschen Wassermassen am Wegesrand geben vielleicht einen kleinen Eindruck vom Wetter der letzten Stunden.

Um 14:45kommt Broderick in Sicht – um 14:50 presche ich in den Hafen hinein und halte mit quietschenden Reifen am Terminal. Ich stelle das Rad ab, gehe hinein, frage nach einer Karte für das nächste Schiff … und erfahre, dass die MVIsle of Arran um 15 Uhr „due to weather conditions“ nicht fährt. Das nächste Schiff ist die MV Isle Caledonian um 17 Uhr. Okay, nervös werde ich nicht. Meine Zeitplanung verschiebt sich jetzt etwas nach hinten (um gute 2 Stunden), aber ich sollte immer noch rechtzeitig wieder zurück in Glasgow sein. Und wenn nicht – dann halt nicht. Nur übernachten möchte ich ungerne auf Arran, da ich kein Zelt mithabe. (Ja, ich gebe zu: ein Zelt wäre heute auch eine schlechte Idee.)

Ich ziehe meine nassen Jacken aus und setze mich im Terminal zu den anderen wartenden Reisenden. Vorher hole ich mir noch das Ticket für die Isle Caledonian. Die Mitarbeiter vor Ort sind sich sicher, dass die Caledonian fahren wird, da sie um einigen größer ist und dem Wetter Paroli bieten kann. Nun warte ich. Und warte. Und warte. Zwischendurch hole ich mir in einem Imbiss am Hafen Fish und Chips um mich zu stärken. Neugierig beobachte ich dabei immer die Mitarbeiter im kleinen Terminal und am Hafen. Sind sie nervös? Sind sie gelassen? Man bemerkt zwar eine gewisse Anspannung, aber es sieht dennoch nach Routine aus.

Die Isle Caledonian erreicht Arran auch soweit pünktlich. Wir werden an Bord gelassen. Routinemäßig schnalle ich mein Fahrrad fest. Vorsorglich schnalle ich es dieses Mal aber noch fester an als sonst. Wer weiß schon, was passiert. Dann legt die Fähre ab. Ich setze mich ins Innere. Es ist warm im Aufenthaltsbereich. Das Schiff schaukelt hin und her. Erschöpft fallen mir die Augen zu. Irgendwann wache ich auf, als ein Glas klirrend durch den Raum fliegt. Ich schaue raus. Draußen hebt und senkt sich die Welt. Das Schiff wird ziemlich hin- und hergeschüttelt. Ich hoffe, dass wir bald den sicheren Hafen erreichen … da merke ich, dass wir uns längst im Hafenbecken von Ardrossan befinden. Mit einem lauten „Klonk“ wird das Schiff an die Kaimauer gedrückt. Ich höre die Motoren, wie sie gegen das Wasser ankämpfen um das Schiff sicher an den Anleger zu bringen. Es macht noch einige Male „Klonk“, noch ein weiteres Glas geht zu Bruch. Dann geht ein Ruck durch das Schiff und es wird merklich stiller. Die Stimme einer Mitarbeiterin ist zu hören: „Bitte gehen Sie zu Ihren Autos, wir haben angelegt!“. Ich hatte zwar nicht wirklich Angst, aber mir fällt ein Stein vom Herzen und ich beglückwünsche die Mannschaft still zu ihrer Leistung.

Als einer der letzten schiebe ich mein Rad vom Schiff. Wir sind etwas spät dran, aber den Zug sollte ich noch kriegen. Falls nicht: es fährt später noch einer. Ich schwinge mich aufs Fahrrad und fahre im Wind in Richtung Adrossan. Hinterm Hafengelände geht es nach links zum Bahnsteig. Der Zug steht noch nicht dort. Das ist auch gut so, dann ich nähere mich dem Bahnsteig von der falschen Seite. Also noch einmal ins Hafengelände zurück, eine Runde über den Parkplatz und von der Nordseite her auf den Bahnsteig zufahren. Jetzt geht es. Passenderweise kommt auch gerade der Zug. Ich schiebe mein Rad ins Abteil und genieße die sanfte, nur wenig ruckelnde Fahrt über die Schienen bis hinein nach Glasgow.

Gegen 19 Uhr komme ich in Glasgow an, setze mich kurz aufs Rad und fahre zum AirBnB-Appartment zurück. Andrea wartet schon. Ich schlüpfe in trockene Klamotten und wir fahren los zum Baffo. Die Pizza habe ich mir heute auch verdient.

Aber so nass und stürmisch und anstrengend der Tag auch war – auch für diesen Tag gilt wieder: „Schottland ist bei jedem Wetter schön.“

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