Schottland, Tag 15: Wasser hat Balken 

Gut ausgeschlafen und mit trockenen und sauberen Klamotten ging es heute morgen in Oban aufs Fahrrad. Sogar mein Zelt war trocken wie am ersten Tag der Tour, dank des Dry-Room im Backpackers. 

Ich hatte heute ein wenig Zeitdruck, da ich um 18 Uhr die Personenfähre in Tayvallich erwischen musste. Von der Strecke her (87 Kilometer in 9 Stunden, ca. 800 Höhenmeter) sollte es aber gut möglich sein. Die Navi meinte sogar, ich wäre um 15 Uhr am Ziel – ohne Pausen. Nein, nein. Aus dem Alter bin ich ich raus – ich ziehe die Strecke nicht mehr ohne Unterbrechung durch. Obwohl ich eigentlich nach Süden wollte, ging es erst einmal auf der National Cycling Route 78 nach Osten bzw. Nordosten. Die Strecke passierte Taynuit, ein Örtchen am südlichen Ende des Loch Etive, welches ich gut kannte. Am Nordende hatte ich mit Andrea vor einigen Jahren schon einmal gecampt. 

In Taynuit nahm ich noch ein paar Vorräte auf (Tütennudeln, Brot, Scheiblettenkäse) und erkundigte mich nach einem Campingplatz. Es gab aber keinen. Keine Sorge, ich wollte die Tour nicht nach 20 Kilometern beenden, aber M Freitag Abend komme ich von Kennacraig aus über Inverary hier vorbei und es kann sein, dass ich hier unterbrechen muss, weil die Tagesetappe zu lang ist. 

Weiter ging es, nun Richtung Süden und in eine fast komplett andere Landschaft. 

Beherrschten bisher die üblichen baumlosen Hügel und Schafe die Landschaft, übernahm nun Baumbestand die Charakterisierung der Gegend. (Als ich vor Jahren das erste Mal von Oban aus Richtung Süden fuhr, hatte ich die Gegend mit dem Sauerland verglichen.) 

Hügelig war es auch, dass kannte ich ja. Aber bis auf wenige Minuten blieb dieses Mal der Regen aus. Scheinbar hatte ich Schottland heimlich verlassen. 🙂 

Unterwegs begegnetet mir ein britisches Pärchen auf ihren bepackten Rädern. Nicht das erste Mal bewunderte ich sie für das Zutrauen in die Räder, dem mit Rennrädern würde ich nicht einmal im unbepackten Zustand die schottischen Straßen fahren. 

Rast machte ich zwischendurch in Dalavich (Ortsname kontrolliere ich später noch einmal). Der kleine Ort lag am Westufer des Loch Awe und bestand meiner Meinung nach hauptsächlich aus einer Fetiensiedlung mit angeschlossenen Häusern für Einheimische. Ich kann mich aber auch irren. Dort gönnte ich mir zwei leckere Kugeln Arran – Ice und bestaunte den Shop / den Coffeeshop. Ich habe in meinem Leben noch nie einem kleineren, niedlicheren Laden gesehen wie diesen. (Nicht einmal der Shop in Stampriet in Namibia war kleiner.) 

Eine weitere, typische Begegnung gab es ebenfalls noch. In Ford (ja, der Ort heißt wirklich so) kam ich an einer kleineren Kirche vorbei. Ich hielt für ein Foto an, da rief mir ein Arbeiter am Nachbarhaus zu „The door is open. We take a look at your cycle!“ (Ich habe den schottischen Slang umgewandelt, damit jeder lesen kann, was ich schreibe.) Ich ging kurz in die Kirche, kam wieder raus und er kam auf mich zu, fragte, wo ich herkomme, wo ich hinwill, gab mit Alkoholtipps für Islay und Restauranttipps für Glasgow. Nach 5 Minuten verabschiedeten wir uns mit Handschlag. 

Nun musste ich mich etwas beeilen, denn meine voraussichtliche Ankunftszeit lag inzwischen bei 17 Uhr. Ich gab etwa Gas, was leicht viel, da die Hügel nachließen. Damit auch der Baumbestand. A propos Baumbestand. Die Hügel der Highlands, so heißt es, waren früher nicht so kahl wie heute, sondern baumbewachsen. Die Wälder wurden im 18. Jahrhundert und später für die britische Flotte abgeholzt. (Heißt es.) Die britische Flotte besteht inzwischen wohl nicht mehr aus Holz, aber Immer wieder stößt man beim Radfahren auf große, kahlgeschlagene Flächen. 

Auf dem Weg Richtung Süden stieß ich noch auf eine alte, neolithische  „Kultstätte“ deren kleine Kammer man begehen konnte. Das bot  sich auch am, denn es fing gerade an zu regnen. 🙂 Erst eine französische Familie konnte mich aus der Steinüberdachung vertreiben. 

Die letzten 20 Kilometer bis Tayvallich lagen vor mir. Ich war inzwischen gut in der Zeit, so dass ich den komoot-Umweg am Crian-Canal entlang akzeptierte. Wieder einmal wurde ich belohnt, denn es gab am Kanal viele malerische Stellen. 

Dann erreichte ich Tayvallich und hat sogar noch 30 Minuten Zeit, die ich im Shop verbrachte. Schließlich kam die Personenfähre in Sicht. Es was ein kleines Schnellboot mit einer überdachten Kabine für gut 12 Passagiere. Mein Fahrrad wurde am Heck festgezurrt, saß Gepäck kam in den Innenraum und über einen Monitor beim Kapitän konnte ich das Fahrrad die ganze Zeit im Auge behalten. 

Mit 25 Knoten schossen wir übers Wasser und ich merkte mehrmals, dass Wasser Balken hat. Die immer wiederkehrenden Aufschläge auf Wasser nach sekundenbruchteilen „Schwerelosigkeit“ zu gingen durch den ganzen Körper. Ich habe es aber überlebt.

Die Personenfähre setze mich auf Jura ab und ich ging zum Jura-Hotel .nein, ich war nicht inzwischen verweichlicht, Aber im Hotel musste man sich anmelden, wenn man auf dem anliegenden Wiese übernachten wollte. Das wollte ich. Dabei konnte ich dann auch die Facilities des Hotels mitbenutzen. Nur wifi bekomme ich nicht. Schade. Denn Netzempfang habe ich hier kaum bis nicht. 

Jetzt sitze ich im Pub des Hotels, telefoniere gleich mit Andrea und gehe dann schlafen. 

Ach ja, es gab einen kleinen Verlust bei der Überfahrt. Der Haltering des rechten Lowrider ist wieder gerissen. Ich habe aber noch Ersatz. Ansonsten wäre es hier auf Jura jetzt schlecht.