Tag 5: Strathyre – Glasgow

Ich muss wieder einmal früh aufstehen. Die Tour, zumindest der erste Teil der Tour, steht unter Zeitdruck. Um 11:30 startet am Loch Lomond eine Fähre, die mich über das Loch bringen soll. Ich hoffe auf gutes Wetter auf dem Loch. Bevor ich starte, bemerke ich aber noch ein Problem. Das überwiegend feuchte Wetter macht meinen mobilen Akkus zu schaffen. Zwei der drei Akkus sollten eigentlich voll geladen sein – sie sind jedoch leer. Der dritte scheint voll zu sein, er lädt aber das Handy nicht mehr auf. Das ist … nicht gut. 120 Kilometer liegen vor mir, die ich eigentlich gerne mitloggen will. Fotos machen möchte ich auch. Und jetzt?

Widerwillig lasse ich komoot bei der Tour heute ausgeschaltet. GPS bleibt auch aus, nur ab und zu schalte ich komoot zum orientieren (quasi als Landkarte) an. Allerdings ist der Weg vergleichsweise einfach. Ich fahre zurück zum Radweg, folge diesem nach Süden. Irgendwann (so weiß ich) ist eine Abzweigung zum Loch Katrine ausgeschildert. Der folge ich. Die Küstenstrecke um das Loch Katrine ist auch nicht weiter kompliziert: immer am Ufer lang. In Stronachlachar am Säd-West-Ufer muss ich der Straße zum Loch Lomond und nach Inversnaid folgen.

Sobald ich dann mit dem Schiff in Tarbert am Loch Lomond ankomme, ist es noch leichter. Der Radweg hinuter nach Dumbarton ist ausgeschildert – und wenn ich Glasgow erreiche, folge ich erst einmal dem Forth-Clyde-Canal. Das wird schon ohne Navi klappen.

Mein letzter Blick im komoot fällt auf das Streckenprofil. Die ersten 55 Kilometer ähneln einer Achterbahn. Dann, vor Inversnaid, geht es steil bergab und ich erreiche das Loch Lomond und eine vergleichsweise flache Strecke

Los geht’s . Mal schauen, ob ich auch ohne ständig laufende Navi am heutigen Ziel ankomme. Ich fahre oberhalb des Loch Lubnaig dahin. Die Strecke bin ich schon gefahren. Ich schaue mich daher natürlich gemütlich um, gönne mir aber den Luxus, dass ich keine Pausen mache. Schließlich will ich pünktlich am Loch Lomond ankommen. (Wenn das nicht klappt, müsste ich die Fähre später um 14:30 Uhr nehmen – das ginge auch. Aber dann verpasse ich Abends den Besuch beim Inder in Glasgow. Also: Gas geben ist die Devise.) Eine kurze Pause muss allerdings sein – von oberhalb des Loch Lubnaig mache ich ein Bild über das Loch.

Schmal wie es am Tag vorher aufgehört hat, geht es heute weiter. Die Strecke ist aber trotz des steinigen Bodens gut befahrbar.

Etwas irritiert bin ich wieder von den Cattle Grids auf meinem Weg. Ich glaube, hier hat wieder jemand den Sinn der Gatter auf dem Boden nicht so ganz verstanden. Auch ich nehme den Umweg über den festen Boden.

Die ersten 8 Kilometer fahre ich leicht oberhalb des Loch Lubhaig entlang, dann folge ich dem Flusslauf des Garbh Uisge weiter, der von hier aus nach Callander fließt. Irgendwo auf der Strecke am Fluss entlang befindet sich eine gedachte Linie auf dem Boden: die Grenze zwischen den Lowlands und den Highlands. Im letzten Jahr habe ich dort auch angehalten – dieses Jahr fahre ich einfach durch. Versehentlich. (Entweder habe ich die Grenze nicht bemerkt, oder es gab keinen Hinweis drauf.)

Wenige Kilometer vor Callander fahre ich vom schmalen Fahrradweg auf die Straße. Damit man nicht ohne Abbremsen durchfährt, gibt es hier sogar ein Gatter. Was es hier auch gibt: Hinweisschilder für Radfahrer: Ein Schild zeigt gen Westen: Loch Katrine: 10 Meilen, Loch Lomond: 28 Meilen. Das deckt sich mit meiner Berechnung – scheinbar führt der Radweg nach Loch Lomond über die von mir geplante Strecke. Passt.
Den Ort Callander (er ist geradeaus ausgeschildert) finde ich schon schnuckelig, aber da ich ohne Navi fahre, möchte ich nichts riskieren. Der Inder in Glasgow wartet schließlich auf mich. Ich biege also gen Osten ab und folge der Straße, die leicht oberhalb des Loch Venchar entlang führt.

Die Umgebung ist oft stark bewaldet, was aber auch nicht verwundert. Immerhin befinde ich mich gerade mitten drin im Loch-Lomond-and-Trossachs-National-Park, dem ersten Nationalpark Schottlands (aus dem Jahr 2002). Wie der Name sagt erstreckt er sich grob über der Gebiet des Loch Lomond und der Trossachs, umfasst etwa 1850 km²und ist überwiegend stark bewaldet. Auch wenn ich die typischen Highlands mag, erfreue ich mich an dem Baumbestand hier. Er schützt mich auch vor dem immer wieder auftretenden Regen. Das Bild unten ist daher eher eine Ausnahme auf der Strecke, auch wenn sich oben rechts im Hintergrund die Baumbestände schon andeuten.

Ich folge weiter dem Loch Venagar. An einem Parkplatz am See sehe ich einen Bulli mit Anhänger, den ich gestern schon mehrmals gesehen habe. Eine Familie mit Kindern reist mit dem Wagen umher. Über Nacht haben sie sich scheinbar hier abgestellt und die Wohnfläche des Wagens dadurch vergrößert, dass sie zwischen dem mannshohen Anhänger und dem Wagen an sich eine Plane eingehängt haben. Sehr praktisch. Die Insassen haben mir zwar gestern immer mal wieder zugewunken, ich möchte trotzdem nicht stören. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass wir erst halb 9 haben. Da sollen die ruhig noch schlafen.

Schon bald liegt das Loch Venachar hinter mir. Ich komme am Byre Inn in Brig o’Turk vorbei. Es öffnet um 9 Uhr und es gibt englisches Frühstück. Fass bin ich gewillt, anzuhalten. Aber es ist noch vor 9 Uhr, das Byre Inn öffnet erst in 15 Minuten und … ich muss doch weiter. Also fahre ich weiter, erreiche bald darauf das kleinere Loch Achray. Immer wieder stehen kleinere Häuser (also nicht sooo große) am Rand der Straße. Kurz vorm Ende des Lochs baut sich rechter Hand dann das Tigh Mor Trossachs auf. In der Hochzeit des Hotels hat hier Queen Victoria übernachtet. Im Laufe der Jahre wurde es heruntergewirtschaftet und inzwischen mit einem Millionen-Aufwand wieder restauriert. Das „Große Haus in den Trossachs“ macht schon was her, auch wenn einige Teile des Gebäudes meiner Meinung nach nicht im Originalzustand wieder hergestellt wurden. Ich male mir aus, wie das Personal reagieren würde, wenn ich Abends nach einer regennassen Tour tropfend mit dem Fahrrad im Foyer stehen würde. Aber das Schwimmbad, dass es dort bestimmt gibt, wäre Abends einmal eine schöne Abwechslung. Anschließend vorm knisternden Kamin im Gesellschaftszimmer gemütlich einen Whisky genießen, der einem vom Personal gebracht … ich höre auf zu träumen und mache lieber mit dem weiter, wofür ich hier bin: Fahrrad fahren auf regennasser Straße, den Blick auf die Straße und die neben der Straße liegende Natur gerichtet.

Von der Abzweigung von der A85 bis zum Loch Katrine sind es 10 Meilen gewesen. 16 Kilometer. Ich kam recht gut voran und erreiche so (gut im Plan fahrend) um 9:15 plötzlich den Parkplatz von Tossachs Pier am Loch Katrine. Das Loch Katrine hatte mich schon im letzten Jahr aus irgendeinem Grunde fasziniert. Vielleicht lag es daran, dass es sowohl von Walter Scott als auch von Theodor Fontane literarisch verarbeitet wurde. Oder weil es in Reichweite vom großen Loch Lomond oberhalb desselben sein beinahe stilles, abgelegenes Dasein pflegt. Oder es lag daran, dass ich gerne Tennents Lager trinke – das Bier aus Glasgow, welches mit dem Wasser vom Loch Katrine gebraut wird. Wer weiß das schon. Auf jeden Fall zog es mich im letzten Jahr schon hier hin. Damals habe ich vom Südwest-Ufer aus eine Tour über den See mit der SS Sir Walter Scott gemacht. Als Alternative hatte ich mir damals schon die See-Umkreisung vorgestellt. Ich war mir damals aber auch nicht sicher, ob die Tour rund um den See überhaupt gut zu fahren sei.

Aus Sicherheitsgründen spreche ich daher heute einen Mitarbeiter eines Fahrradverleihs am Parkplatz an. Er meint, dass ich auch mit meinem Fahrrad die Strecke gut befahren könne. Und er hat recht. Die Loch-Umkreisung am Nordufer ist gut ausgebaut. Nur an einer kleinen Stelle … aber dazu später.

Ich beginne bei immer noch leichtem Regen meine Rundtour um das Loch, verabschiede mich von der am Pier liegenden Sir Walter Scott und folge dem Weg.

Man hat praktisch immer einen guten Blick aufs Loch. Anfangs mehr, hinterher stellenweise etwas weniger. Den Damm, der das Loch Katrine aufstaut und von wo aus das Trinkwasser für Glasgow abgezapft wird, kann ich nicht sehen. Der liegt in einem anderen Seitenarm am Ostende des Lochs. Mein Blick richtet sich auch nach Westen, wo die nun noch folgenden 18 Meilen vor mir liegen.

Nach 3 Kilometern mache ich doch einmal Halt. Immer wieder hatte ich am Wegesrand Hinweistafeln für die Touristen gesehen, hier stand nun auch eine, die sich intensiver mit Walter Scott auseinandergesetzt hat. Immerhin gilt sein „Lady of the Lake“ von 1810 als Initialzündung für den schottischen Tourismus.

Ich rolle mein Fahrrad auf die Landzunge, an der die Tafel steht und lasse mich darauf ein, das Loch zu erfahren, zu genießen, mit allen Sinnen. Zwar ist es etwas nass, aber die Ruhe am Loch tut gut.

Wasserfälle und Flussläufe. die mal Wasserfälle werden wollen, gibt es hier am Nordufer des Loch Katrine natürlich auch.

Etwa 7 Kilometer nach der Abfahrt vom Parkplatz am Trossachs-Pier verwirrt mich die Wegführung für ein paar Momente. Ein grünes Fahrradsymbol zeigt geradeaus. Ist damit nun die leicht nach rechts abdriftende Straße gemeint oder der leicht nach links abdriftende Pfad am Ufer entlang. Ich entscheide mich für den Pfad am Ufer entlang. Dieser ist auch soweit gut zu befahren und sehr angenehm und naturnah.

Als ich nach 300 Metern wieder auf die Straße stoße, sehe ich abermals das Hinweisschild. An dieser Stelle ist es deutlicher, dass der Pfad als Strecke für das Fahrrad gedacht ist. Alles richtig gemacht.

Der nächste Wasserfall, der ins Loch Katrine mündet, gibt sich etwas mehr Mühe als der letzte und sieht dadurch auch gleich dramatischer aus. 😉

Nach 15 Kilometern am Nordufer nähere ich mich dem westlichen Ende des Loch Katrine und dem dortigen Zufluss. Die Straße wurde auf den Kilometern vom Ostende her immer hügliger und hier, kurz vor der Biegung stehen mehrmals Schilder, die mich vor den gefährlichen Autos und Fußgängern warnen, die unvermittelt hinter blinden Hügeln auftauchen könnten. Okay, ich fahre vorsichtig. Versprochen.

Von den Hügeln aus habe ich immer wieder die Straße am südlichen Ufer im Auge. Dort führt ein Weg unten knapp oberhalb des Ufers entlang (so weit ich es erkennen kann) und ein Weg geht den Berg hinauf. Lassen wir uns mal überraschen.

Nachdem ich die Westspitze des Lochs umfahren habe, bin ich beruhigt. Die Strecke steigt zwar etwas an, es handelt sich aber um die untere Strecke. Wobei – rauf muss ich später trotzdem noch. In Stronachlachar am Süd-West-Ufer (der westlichen Anlegestelle der Sir Walter Scott) verliere ich kurz die Orientierung. Auf gut Glück folge ich dem Weg geradeaus und fühle mich auch bald bestätigt – es geht in Richtung Loch Lomond über eine Art Hochebene. Linker Hand liegt das Loch Arklet. Ich würde dem Wasser ja gerne sagen, dass es das Loch Katrine grüßen soll, welches nur wenige Meter hinter uns liegt. Aber das Loch endet westlich an einem Damm und stürzt von dort aus zum Loch Lomond hinab. Es hat also den gleichen Weg wie ich.

Gute 6 Kilometer liegen bis nach Inversnaid noch vor mir. Ohne Rückgriff auf meine Navi wundere ich mich etwas, wie weit sich der Weg entlang dem Loch Arklet zieht. Müsste ich nicht langsam mal an Höhe verlieren? Immerhin liegt das Loch Lomond schon beinahe auf Meereshöhe – und ich befinde mich derzeit fast 150 Meter darüber. Aber es geht noch 5 Kilometer weiter geradeaus. 5 Kilometer, bei denen der Regen immer stärker wird und meiner Regenjacke wieder einmal den Garaus macht. Das Wasser befindet sich innerhalb und außerhalb meiner Jacke. Sehr angenehm. Den wenigen Autofahrern, die mir von Inversnaid aus entgegen kommen, tue ich bestimmt ein wenig leid. Vielleicht erzählen sie zu Hause von dem triefenden Radfahrer, der ihnen auf der Höhe zwischen den beiden Lochs entgegengekommen ist. … Ob das wohl auch in meiner Heimatstadt Paderborn Gesprächsthema ist? Eines der Autos, die mir entgegenkamen, hatte nämlich ein Paderborner Kennzeichen.

Schließlich geht die Straße bergab. Steil bergab. Meine nassen Scheibenbremsen quietschen leise vor sich hin, als ich die Bremsen immer wieder sanft zusammenziehe. Ich habe ein wenig Angst, bei meiner Geschwindigkeit und meinen nassen Händen vom Lenkrad abzurutschen – aber das passiert nicht. So rolle ich mit zunehmender Geschwindigkeit zum Loch Lomond hinab, welches schließlich auch hinter den Bäumen in Sicht kommt. Dann erreiche ich Inversnaid und das dortige Hotel. Wenn ich es richtig überblicke, besteht Inversnaid nur aus dem Hotel, dem Schiffsanleger und einem Wasserfall.. Der River Arklet stürzt hier ins Loch. (Korrektur: die Wikipedia sagt, hier gäbe es auch ein Bunkhouse.)

So abgelegen Inversnaid auch liegt, kommen ihr täglich viele Wanderer auf dem West Highland Way hindurch. Der führt hier am Ufer entlang. Diese können nicht nur im Bunkhouse (und auch im Hotel) übernachten – es gibt im Hotel auch einen Seiteneingang für die dreckigen, durchnässten Wanderer. Dort können sie ihre nassen Sachen aufhängen und es sich im angrenzenden Raum gemütlich machen. Nachdem ich mich orientiert habe und meine Wartezeit auf die Fähre abschätze (ich liege gut in der Zeit, habe noch etwa 30 Minuten Luft bis zur Abfahrt) gehe ich auch in den Vorraum, hänge meine Jacke auf und trockne mich ein wenig.

Schließlich kommt das Boot. Rechtzeitig habe ich mir wieder die nasse Jacke angezogen und mein Fahrrad auf den Pier geschoben. Leider auf den falschen. Die Besatzung des Bootes sieht mich aber und dirigiert mich an die richtige Stelle. Ich darf also mitfahren. An Bord zahle ich und bekomme einen Platz für mein Fahrrad am Heck zugewiesen. Etwas mulmig ist mir zumute, denke ich doch an meine Überfahrt nach Jura im vergangenen Jahr. Das Fahrrad ist hier nämlich nur schwach gesichert. Aber dafür ist das Ausflugsboot, mit dem ich fahre, auch ruhiger unterwegs.

Gemütlich fahre ich über das Loch. Angelehnt an die Kabine des Bootes, mein Fahrrad immer im Blick. Der Ausblick über das Loch ist … weniger interessant. Nicht, weil das Loch Lomond nicht interessant ist. Nein, keineswegs. Aber es ist so neblig, dass ich vom Ufer immer nur nebelverhangene Schemen sehe. Das sieht auch gut aus – aber ich sehe halt nicht viel.

Nach gut 30 Minuten Fahrt über de und See landen wir in Tarbet am Westufer an. Ich rolle das Fahrrad vom Boot auf den Steg hinab und merke auf dem Weg in Richtung Ufer, dass man hier nicht auf Reiseradler vorbereitet ist. Mühsam hieve ich mein vollbepacktes Fahrrad die Treppenstufen hinauf. Dabei geht es mir noch gut. Früher wurden hier, von Tarbet aus, Schiffe vom Loch Lomond hinüber zum Loch Long transportiert. Damals gab es bestimmt auch noch nicht das kleine Touristengebäude mit Café, Informatik und … Toiletten. Ich nutze sie und stelle mich noch einige Zeit unterm Vordach unter.

Dann breche ich aber auf und folge dem Westufer des Loch Lomonds nach Süden. Der Weg ist nicht zu verfehlen. Anfangs führt er am Straßenrand entlang – allerdings als Fußweg. Dann biege ich auf einen unbefahreren Weg am Ufer ab. Über 28 Kilometer folge ich dem West Loch Lomond Cycle Path bis nach Balloch.

Über die ersten 14 Kilometer ist das gegenüberliegende Ufer mein ständiger Begleiter.Das Loch Lomond ist hier nur maximal 2 Kilometer breit und mein Blick fällt auf die bewaldeten Hänge, an denen der West Hilghland Way entlang führt. Angeblich soll man dort (laut Komoot) auch mit dem Rad herfahren können. Aber aufgrund meiner Erfahrungen mit dem West Highland Way aus dem letzten Jahr bin ich froh, dass ich am Westufer entlang fahre.

Erst kurz vor Luss komme ich wieder auf eine normale Straße, die durch Luss hindurch führt. Ab der Höhe von Luss kommen die Inseln im Loch Lomond in den Blick. Zumindest soweit sie sich im Dunst zeigen, denn es regnet nun wieder beinahe durchgängig. So konzentriere ich mich auch überwiegend auf den Weg, der mich hinter Luss wieder auf Nebenstraßen weiter gen Süden führt. Auch wenn der Straßenbelag manchmal zu Wünschen übrig lässt, ist der Weg im Grunde genommen gut befahrbar. Es ist ja auch ein offizieller Cycling Way.

Für mich läuft inzwischen der Countdown. Es regnet nahezu durchgängig und ich habe auch nicht mehr viel Lust. So nehme ich mir vor, in Balloch meine Tour abzubrechen und mit dem Zug weiterzufahren. Bis Balloch sind es noch gute 14 Kilometer – die Hälfte der Strecke ab Tarbet habe ich demnach geschafft.
Auf Höhe der Insel Inchmurrin führt mich mein Weg zurück zur Straße, parallel zu den dort auf der Straße stehenden Autos fahre ich einige Kilometer dahin. Da es inzwischen erst einmal wieder nicht mehr regnet, beneide ich die Autofahrer nicht.

An den Autoschlangen vorbei nähere ich mich Balloch, biege schließlich sanft von der Straße ab und komme zum „Loch Lomond Bird of Prey Center“. Unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein. So einen getarnten Bird of Prey würde ich nicht kommen sehen.
Mein Weg führt mich weiter in Richtung des Südufers vom Loch Lomond. Kurz davor biege ich auf einen Fahrradweg ab. Er führt mich nah aber am doch durch Bäume vom River Leven getrennt am Ausfluss des Loch Lomond entlang. Rückblickend hätte ich auf der Stichstraße noch etwas weiter fahren sollen. Dann hätte ich noch einmal einen schönen Blick aufs Loch gehabt – wenn das Wetter besser gewesen wäre. (Okay, das ist unfair, denn es regnet nicht mehr.)

Ich nähere mich auf dem Waldweg Balloch, fahre kurz an einem Parkplatz mit einer Touristen-Info vorbei und befinde mich schon wieder auf einem Radweg am Fluss entlang. Der Weg führt nach Dumbarton. Wäre ich kurz rechts abgebogen, hätte ich eben bei McDonalds Halt machen können. Aber ich bin nur noch gute 30 Kilometer von Andrea in Glasgow entfernt und es zieht mich „nach Hause“.

Wie der Blitz geht es am River Leven entlang. Einmal, in Alexandria, verlasse ich kurz den Radweg am Ufer. Ich will doch einmal schauen, ob ich eine Zugverbindung finde. Ich schaue aber nur halbherzig und finde auch keine. Also weiter. Positiver Nebeneffekt – ich fahre noch ein paar Kilometer und meine Klamotten werden durch den Fahrtwind wieder trocken. (Ich bin ja doch immer wieder überrascht, wie schnell die Klamotten trocken werden.)

Ohne Navi und gesteuert durch die Radwegschilder, die es inzwischen sehr häufig gibt, folge ich dem Weg nach Glasgow. Denn Glasgow ist inzwischen ausgeschildert. Das Handy bleibt aus – ich muss Strom sparen. Die Navi werde ich noch brauchen, wenn ich mich in Glasgow befinde.

Den Weg kenne ich aber auch vom letzten Jahr. So erreiche ich schließlich Dumbarton. Entgegen meiner Route aus dem letzten Jahr führt mich der Weg nicht auf eine der Hauptstraßen, die aus Dumbarton gen Osten führen. Stattdessen fahre ich durch die Innenstadt, unterquere den Bahnhof (in den gerade der Zug nach Glasgow einfährt) und fahre durch die „Vorstadt“ (oder so ähnlich weiter). Immer mal wieder habe ich den „Dumbarton Rock“ im Blick. Wie im letzten Jahr nehme ich mir auch dieses Jahr vor, mal in Dumbarton in Ruhe anzuhalten. Nicht heute. Ich fahre nun doch ein wenig parallel der Hauptstraße entlang bevor ich gut 44 Kilometer hinter Tarbet zum Forth-and-Clyde-Canal abbiege. Am Canal entlang geht es nun weiter Richtung Glasgow. Ich fühle mich heimisch – war ich hier doch im letzten Jahr auch schon her gefahren.

Immer wieder schalte ich kurz das Handy ein und orientiere mich. Ich muss rechtzeitig den Absprung vom Forth-and-Clyde-Canal schaffen, da mich dieser ansonsten am Norden von Glasgow vorbeiführen würde. Ich will aber zeitnah abbiegen und ralativ parallel zum Clyde in Richtung Innenstadt fahren, um kurz vor der Innenstadt den „Clyde-Tunnel“ zu nehmen.

Ich erreiche nach einiger Zeit wieder die Dumbarton Road. Diese überquere ich mittels einer Ampel, der Kanal unterquert sie dank einer komplizierten Schleuse. Nun bin ich angespannt. Jederzeit muss ich den Radweg am Forth-and-Clyde-Canal (der sich trotz Schotter gut fahren lässt) verlassen. Dann erreiche ich das Clydebank Shopping Center. Kurz danach verabschiede ich mich vom Canal und biege auf die Straße ab. Meine Navi führt mich mit wenigen Prozent Energie zielsicher über die Straßen und ich folge ihr blind durch die Straßen von West-Glasgow. Dann erreiche ich wieder einen Radweg. Ein wenig deprimiert bin ich schon, als ich ständig von Radfahrern auf 3-Gang-Rädern überholt werde. Aber dann denke ich mir: die haben kein Gepäck und keine 110 Kilometer dabei. Relativ gemütlich aber doch zügig fahre ich den Radweg entlang und denke mir immer nur, dass sich Glasgow hier nicht unbedingt von seiner besten Seite zeigt. (Okay, dann wäre ich auch am Kelvingrove-Museum.)
(Anmerkung: während ich das hier schreibe läuft auf youtube „The gael – Last of the Mohicans“ von den Royal Scots Dragoon Guards mit genialen Bildern. Ich will zurück nach Schottland. Sofort.
Ich folge also dem Radweg und werde langsam nervös. Meine Navi hat den Geist aufgegeben. Akku ist alle. (Ich brauche einen wasserdichten mobilen Akku – kommt auf die Shopping-Liste.) Hinweisschilder alle paar hundert Meter weisen mir den Weg – bzw. weisen ihn mir nicht, da sie vom Weg herunter weisen. Schließlich sehe ich einen Hinweis auf den „Clyde-Tunnel“. Ich folge dem Hinweis und verlasse meinen Radweg schließlich.

An mehr oder weniger stark befahrenen Straßen entlang erreiche ich den Clyde-Tunnel. Ich halte am Eingang an und klingele.

Es dauert einige Sekunden, dann reagiert der Operator am Ende der Leitung und öffnet mir die Tür. Ich fahre in den Tunnel.

Gut 800 Meter fahre ich mit einem Gefälle und einer anschließenden Steigung von 6% durch die Tiefe. Dabei grinse ich immer nett, denn der Tunnel wird durch das allgegenwärtige cctv überwacht „Hallo, cctv“.
Schließlich erreiche ich das Ende des Tunnels, die Tür öffnet sich vor mir wieder und ich befinde mich am Südufer des Clydes, von dem ich bisher noch nicht so viel gesehen habe. ich folge dem Weg, umkreise den Elder Park in Govan (da ich die Durchfahrt durch den Park nicht finde) und lande schließlich auf der Straße, an der meine Tour am Montag begonnen hat. Trotz des Fahrtwinds klingele ich tropfend am Haus und Andrea öffnet mir.

Ich lege meine Klamotten trocken, packe meine Taschen aus und gehe duschen. Irgendwann tauchen auch die anderen Mitreisenden aus der Pipeband auf, begrüßen mich. Sie waren heute auch am Loch Lomond unterwegs – wir haben uns aber nicht gesehen.
Dann geht es zum Inder, um den Abend und die Reise ausklingen zu lassen. The Dhabba, 44 Candlerriggs in Glasgow – der Inder ist sehr lecker und mehr als empfehlenswert.

So gehen 5 Tage Schottland auf dem Fahrrad vorbei. Es war dieses Mal nur eine Spritztour. Aber eine beschwerliche Spritztour. Lag es daran, dass die Strecke anspruchsvoller war? Oder lag es daran, dass man normalerweise sagt, dass man eine gute Woche braucht, um bei einer Tour auf Fahrt zu kommen? Ich weiß es nicht.
Was ich weiß – es hat sich gelohnt. Wieder einmal. Regen hin oder her – ich liebe Schottland. Ich liebe Schottland auf dem Fahrrad. Auch bei schlechtem Wetter. Und es war bestimmt nicht meine letzte Tour durch Schottland mit dem Rad. Auf Wiedersehen.

Morgen schaue ich mir aber erst einmal die World Pipeband Championship an. Anschließend spiele ich wieder Tetris, verpacke Blue Steel, 4 Personen und das Gepäck von 4 Personen im Zafira … und es geht zurück nach Deutschland.

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