Tag 4: Glencoe – Strathyre

Mein Ziel heute: Strathyre. Auch dort war ich im letzten Jahr schon einmal. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich sentimental bin oder daran, dass Schottland nur eine endliche Anzahl Straßen hat. Auf jeden Fall freue ich mich auf den sehr einfachen Campingplatz in Strathyre in den Trossarchs. Dieses Mal würde ich, so hatte ich mir fest vorgenommen, auch einen Abstecher zum Grab von Rob Roy unternehmen.

Zuerst aber muss ich starten. Der Start erweist sich als sehr schwierig und demotivierend. Es regnet in Strömen, das Wasser fließt an meinen Regenklamotten herab – innen und außen. Ich bin in den ersten Minuten, in denen ich der Nebenstrecke hinein ins Glencoe folge, mehrmals versucht, ins Dorf Glencoe hin umzudrehen. Dort hält die Citylink-Verbindung Fort William – Glasgow und ich wäre gerne eingestiegen.

Aber dann erreiche ich die Hauptstraße, die „Three Sisters“ kommen in den Blick und ich beiße die Zähne zusammen. Sch…. aufs Wetter – das ist Schottland. Der Regen wird auch schon bald schwächer und ich kann vergleichsweise gut fahren. Immer mal wieder kann ich sogar die Kapuze absetzen. So fahre ich langsam aber sicher immer am linken Straßenrand den leichten Anstieg hoch (der mich auf über 400 Meter Höhe führen wird) und freue mich wieder über das „entgegenkommende“ Verhalten des Verkehrs hinter mir. Es bildet sich oft eine lange Reihe an Autos, die mich nicht gut überholen können. Um sie vorbeizulassen steuere ich mein Rad immer mal wieder vorsichtig in den Seitenstreifen der Straße. Ich will ja kein Verkehrshinderniss sein – also zumindest kein größeres als eben notwendig.

Schließlich erreiche ich einen der beiden größeren Parkplätze auf dem Anstieg im Glencoe. Mir gegenüber liegen die Three Sisters. Ich kann die Wände der Berge und auch die Gipfel sogar sehen – der Nebel beginnt heute ausnahmsweise einmal oberhalb der drei Schwestern. Es ist etwas trockener und daher mache ich es wie die asiatischen Touristen in meiner Nähe: ich bleibe stehen, mache ein paar Fotos und schaue über das Tal des River Glencoe hinweg zur anderen Seite hinüber.

Vor einigen Jahren bin ich dort zusammen mit Andrea zu Fuß hinauf gegangen und habe in der Höhe zwischen den Gipfeln ein traumhaftes Tal gefunden. Mit dem Fahrrad kann ich da nicht hoch, aber wer mal mit dem Auto hier ist, sollte es stehen lassen und sich die kurze Wanderung vornehmen.

Während ich hier stehe und in Gedanken ins Tal hinauf wandere, erklingt neben mir ein Dudelsack – der Duty-Piper ist wieder im Einsatz. Das Glencoe ist einer der touristischen Höhepunkte Schottlands und daher gehört der Duty-Piper quasi dazu. Manchmal frage ich mich, ob die Piper das freiwillig machen, oder ob es eine Strafe ist. Wird man Duty-Piper an den touristischen Highlights, wenn man bei den Worlds als Piper den Start oder den Cut versaut? Oder sind die Piper hier in Wahrheit auch nur Touristen, deren größter Wunsch es ist, einmal in Schottland Dudelsack zu spielen?

Mein halbwegs geübtes Ort bescheinigt dem Piper aber, dass er weiß, was er macht. Seine Drones sind gestimmt und er hat sie im Griff – bei dem feuchten Wetter heute ist das schon eine Kunst.

Nach einigen Minuten Auszeit schwinge ich mich wieder aufs Rad. Ans Abbrechen denke ich nicht mehr. Das Wetter war schon einmal schlechter – und selbst wenn ich nicht.  Das Schöne an einer dichten Wolkendecke ist schließlich, wenn ab und zu die Strahlen der Sonne durch die Decke brechen und den Boden erreichen.

Ich komme bei der Auffahrt im Glencoe dieses Mal sogar mehrmals in den Genuss der Sonnenstrahlen.

Sonne und Regen? Es passiert, was passieren muss – nach einigen Minuten Fahrerei schaue ich mich um und sehe hinter mir im Tal einen Regenbogen…

… während die Sonnenstrahlen die Hänge der Three Sisters bescheinen.

Beinahe endlos ziehen sich die Kilometer dahin, während ich langsam immer höher hinauf komme. Abgesehen von den Autos, LKWs und Bussen fährt es sich aber sehr gut – und auch die stören wie üblich weniger als man denkt. Der Anstieg geht langsam und fast unmerklich voran, möglicherweise habe ich auch Rückenwind. Ich kann es nicht genau sagen, da der Regen zumindest gefühlt immer von vorne kommt.
Von hinten kommen aber auf jeden Fall immer wieder schöne Ausblicke ins Tal hinab.

Schließlich erreiche ich die wahrscheinlich gefährlichste Stelle meiner Tour – ach was, ganz Schottlands. Die viel befahrene Straße windet sich zwischen zwei Felsen hindurch (eigentlich ist es ein Felsen, in den sie die Straße gesprengt haben), es ist kaum Platz und die Kurve ist sehr unübersichtlich. Aber ich komme heile hindurch. Die Belohnung wartet gleich hinter dem Durchbruch – The meeting of the three waters. Dies ist ein kleiner, aber feiner Zusammenfluss von drei Flüssen, die sich hier zum Glencoe River vereinen. Einer dieser drei Flüsse hält sich für einen Wasserfall und stürzt einige Meter zur Vereinigung hinab.

Durch Zufall habe ich erfahren, dass hier an den Felsen der Schlucht am Zusammenfluss der drei Flüsse die „Brücke des Todes“ gewesen ist. Ihr kennt sie bestimmt noch. Die Brücke, bei der damals Sir Lancelot die fünf drei Fragen beantworten musste. Die Frage, wie lang eine Taube bis Afrika brauchte, rettete ihm das Leben und ließ den Brückenwächter bei Lancelot Gegenfrage „eine afrikanische oder eine europäische Taube?“ in die Schlucht stürzen. Damit war der Weg für die Ritter der Tafelrunde Kokosnuss frei.
Die Brücke existiert nicht mehr, der Brückenwächter geistert auch nicht mehr hier herum – so folge ich nach einigen Minuten Pause dem dritten Fluss (und der Straße) gen Osten weiter. An einem Parkplatz am Straßenrand (davon gibt es hier sehr viele) mache ich halt. Etwas unterhalb der Straße gurgelt der Fluss, hinter mir liegen die Sisters im Glencoe und es regnet gerade nicht. Zeit für ein Foto. Ich gehe zum Fluss hinab, gehe auf einem Stein tief in die Hocke und mir gelingt das vielleicht eindrucksvollste Foto dieser Tour.

In Ostrichtung ist die Optik hingegen nicht so spektakulär :), aber trotzdem schön.

Mit einem Ehepaar aus Deutschland, welches am Parkplatz aus ihrem Wohnmobil klettert, komme ich kurz ins Gespräch. Netterweise machen sie ein Foto von mir vor dem fast sonnigen Hintergrund des Gens.

Als ich mich wieder auf meinen Sattel schwingen will, merke ich, wie dieser „schmatzt“. Eine komische, klebrige, glibbrige Substanz tritt aus dem Sattel durch mehrere Risse aus. Okay, den habe ich dann wohl durchgesessen. In Deutschland gibt es demnächst einen neuen.

Bevor ich nach Deutschland komme, muss ich aber erst noch die Ausläufer vom Rannoch Moor erreichen. Dieses liegt noch etwas oberhalb von mir – also geht es noch weiter bergan. Aber immer sanft und gemächlich.

Schließlich erreiche ich das Ende des Tals und die Anhöhe. Als ich das Schild „Rannoch Moor Summit 1142 Feet“ sehe, mache ich an einer Einbuchtung wieder Halt.

Die Wolken quetschen sich tief aus dem Glencoe heraus, aber es regnet gerade nicht.

Ich nutze die Gelegenheit, um zwei wichtige Telefonate zu führen. Zum einen will ich meinen großen Bruder erreichen (ja, der Bruder, der sich jeder Jahr wieder auf die Väter-Söhne-Tochter-Tour einlässt, obwohl er das Jahr über praktisch nie Fahrrad fährt und der dabei jedes Jahr mehr Eindruck bei mir macht. Ohne Training könnte ich sowas nicht.), denn unpraktischerweise hat er immer dann Geburtstag, wenn ich im Urlaub bin. Dieses Jahr wird er sogar 50 – und ich wäre gerne in Paderborn. Wir telefonieren einige Minuten miteinander. Dann legen wir auf und ich rufe Andrea an. O2 und der EU sei Dank telefonieren wir lange miteinander. Sie erzählt mir wie es in Glasgow gerade ist und wie das Wetter dort ist. Ich erzähle ihr, dass bei mir hier oben gerade alles wolkenverhangen ist – dabei drehe ich mich um…. und traue meinen Augen kaum:

Die Wolken haben aufgerissen und die Gegend spendiert mir einen Blick, den ich als Revanche für das vergangene Jahr betrachte. Traumhaft liegen die Berge diesseits des Glencoes vor mir. Traumhaft breitet sich das Rannoch Moor, eine der letzten nahezu unberührten schottischen Gegenden vor mir aus.

Irgendwann ist aber auch das angenehmste Telefongespräch vorbei und auch der Himmel zieht sich wieder zu. Dafür fahre ich jetzt erst einmal bergab.

Regelmäßig bleibe ich stehen und nutze das relativ trockene Wetter für ausgiebige Fotosessions. Auch das Loch Tulla an der Südspitze des Rannoch Moor wird so zu meinem Motiv. Das Loch Tulla ist die Quelle vom River Orchy. River Orchy? Den Fluss kenne ich doch? Ja, denn hier schließt sich der Kreis wieder – am. Montag habe ich am späten Nachmittag an der Nordseite vom Loch Awe den River Orchy überquert – hier ist er wieder.

Der Fluss bleibt auch in meiner Nähe, während ich auf Bridge of Orchy zuschieße. Das Wetter ist jetzt viel besser als im letzten Jahr und ich ärgere mich fast, weil ich heute morgen eigentlich aufgeben wollte.
Kilometer um Kilometer bleiben fast unmerklich unter meinen Schwalbe Marathon Plus – Reifen zurück, da erreiche ich keine 10 Minuten südlich vom Loch Tulla den Mini-Ort Bridge of Orchy.

Auch hier bin ich im letzten Jahr durchgekommen (naheliegenderweise). Der Ort ist wirklich klein. Ein Hotel, ein Hostel, ein Bahnhof, ein paar Häuser – und die Abzweigung zum West Highland Way. Meine komoot – Navi möchte mich dorthin umlenken. Der Weg führt abseits der Straße durch ein schönes Tal. Zumindest sieht es von der Straße aus schön aus. Im letzten Jahr hatte ich schon versucht, einen Blick auf den Weg zu werfen. Kann man ihn mit dem Rad befahren? Praktischerweise treffe ich in Bridge of Orchy eine Gruppe Radfahrer. Ich frage sie, ob sie wissen, wie die Strecke ist. Nein, erklären sie mir. Dann tauschen wir uns kurz über unsere Strecken aus. Sie sind heute morgen in Glasgow gestartet und wollen bis Fort Augustus. Okay, dann würde ich auch lieber die Straße nehmen. Definitiv. Man muss ja voran kommen.
Da ich nicht weiß, wie der Weg ist, bleibe ich auf der Straße. Bis mich kurz hinter Bridge of Orchy der spontane Wagemut packt und ich nach rechts auf eine schmale Single Road abbiege. Der Weg führt immer im der Nähe des River Orchy entlang. Und auch wenn ich weiß, dass ich am Ende des Umwegs wieder einen steilen, eigentlich unnötigen Anstieg bewältigen muss, genieße ich die Fahrt entlang der bewaldeten Straßeränder.

Begleitet werde ich dabei vom River Orchy. Immer mal wieder habe ich Gelegenheit, näher ans Ufer zu gehen und dem River mehr als nur einen Blick zu gönnen. Der Abstecher hat sich auf jeden Fall gelohnt – auch wenn er einen Umweg von fast 30 Kilometern nach sich zieht und ich hinter dem Scheitelpunkt des Umwegs (wenn ich mich vom River Orchy trenne) wieder an Höhe gewinnen muss.

Im Glen Orchy werde ich immer mal wieder von den üblichen Regenwolken verfolgt, aber als ich schließlich ins Glen Lochy abbiege, welchem ich 15 Kilometer talaufwärts bis nach Tyndrum folge, hört es wieder auf zu regnen – für den Rest des Tages. Es bleibt über mir trocken, der Himmel reißt auf, ich habe blauen, aber nicht wolkenlosen, Himmel und die Farben im Glen Lochy kommen zur Geltung.

Der Anstieg, vor dem ich etwas Panik hatte, ist doch vergleichsweise sanft. Selbst an den heftigsten Stellen habe ich nur 5-6 % Steigung. (Dennoch ertappe ich mich auf den ersten, heftigeren Stellen im Glen Lochy dabei, dass ich mir wünsche, dass eines der vorbeifahrenden Autos anhalten und mich mitnehmen würde. Das passiert aber (zum Glück) nicht. Wieso sollten die Fahrer auch anhalten und einen fahrenden (!) Radfahrer fragen, ob sie ihn ein Stück mitnehmen sollen.

Auch ein Zug kommt gerade nicht vorbei – die Bahnschienen zwischen Oban und Tyndrum (und damit der Strecke nach Glasgow) führen oft nur wenige Meter neben der Straße her.

Zwischen sanft ansteigenden Hügeln fahre ich dahin. Die Steigung merke ich kaum. Der Verkehr ist angenehm. Ich beglückwünsche mich zu dem Umweg, den ich gemacht habe. Es fährt sich schön, die Landschaft ist schön und hier war ich meines Wissens bisher noch nicht.

Dort im Tal liegt mein nächstes Ziel. Ich verlasse das Glen Lochy (wer denkt sich eigentlich immer diese Namen aus) und die A85 wieder und fahre auf die A82 zurück, die von Norden aus dem Rannoch Moor kommend Tyndrum erreicht.

Schon nach wenigen Metern erreiche ich ebenfalls auf dieser Straße in Tyndrum den Brodies Mini Market. Im letzten Jahr machte ich hier nach der ungeliebten Schlecht-Wetter-Höllen-Tour unterhalb des Rannoch Moor halt. Dieses Mal halte ich nicht an sondern folge dem Verlauf der A82 durch den kleinen Ort. Es kommt ein weiterer Shop, eine Tankstelle, ein „Inn“, die Touristen Information, ein Food Shop, dann bin ich aus Tyndrum wieder raus. Ein paar Häuser gibt es aber auch noch. Diese verteilen sich am Rand der Straße und „im Hinterland“. Außerdem hätte ich in Tyndrum gleich an 2 Bahnhöfen meine Fahrt unterbrechen und mit dem Zug nach Glasgow fahren können. Aber der Gedanke kam mir gar nicht mehr. Dafür waren die letzten Stunden zu schön. (Hätte ich heute schon gewusst, wie das Wetter morgen sein sollte – ich hätte vielleicht doch die Tour vorzeitig beendet.) Aber kommen wir zu den beiden Bahnhöfen zurück: Tyndrum ist die kleinste Ortschaft Britanniens mit 2 Bahnhofen. Diese liegen an zwei verschiedenen Linien, die sich weiter südlich in Crianlarich vereinigen (bzw. trennen). Eine Linie führt die A85 entlang nach Oban, die andere folgt grob der A82 und führt in der Nähe des Loch Tuula ins Rannoch Moor hinein. Von dort geht es weiter nach Fort William, vorbei an einigen der einsamstem Bahnhöfen, die ich bisher jemals gesehen habe. Im letzten Jahr hatte ich diese Bahnstrecke in Rannoch Station als Abkürzung genommen.

Ich verlasse Tyndrum über die Straße. Am Ortsausgang stehen die üblichen britischen Hinweistafeln, die mich in ihrer Suggestion immer an den Film „Sie leben“ erinnern. Nett gemeint sind die Tipps an die Autofahrer trotzdem. Als ich vorbeifahre, steht hier gerade „Please check mirror for bikes“. Vielleicht hätte ich mit einem Eding drunter schreiben sollen „and bicycle“. Die Straße ist hier nämlich wieder merklich befahrener. Ich fahre so dicht am linken Straßenrand, wie es meine hohe Geschwindigkeit die abfallende Straße herunter zulässt. Dennoch halte ich auf den nächsten 7 Kilometern bis Crianlarich ab und zu am Straßenrand an und lasse die Autos vorbei, die sich hinter mir wieder aufstauen.

Vor Crianlarich verlasse ich an einem Kreisverkehr die A82 und werde ich den Ort abgeleitet. Aus Sicherheitsgründen nehme ich dafür den Radweg, der für ungefähr 15 Meter am Kreisverkehr entlang führt. Dann fahre ich nach Crianlarich hinein. Gut 200 Einwohner wohnen in diesem kleinen Dorf und Verkehrsknotenpunkt. Früher trafen sich hier zwei wichtige Militärstraßen, später bekam Crianlarich Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt (siehe etwas weiter oben), heute treffe sich hier im Tal die beiden schon erwähnten A82 (Glasgow – Fort William) und die A85 (Dundee- Oban), eine der wichtigsten Ost-West-Querverbindungen Schottlands. Der A85 Richtung Dundee folge ich aus Crianlarich heraus, allerdings nicht bis Dundee. Vorher mache ich aber noch im kleinen Shop von Crianlarich Halt. Ich kaufe für das Abendessen ein und telefoniere einmal mit meinem angepeilten Campingplatz in Strathyre. Es ist etwa 18 Uhr, noch gut 40 Kilometer liegen vor mir. Am Telefon heißt es „Kein Problem, komm wann du möchtest. Wir sind da.“ Ich erinnere mich noch gut an den Campingplatz – direkt neben dem Check-In lag ein Haus (oder besser ein gut ausgebautes Mobile Home) in dem die Besitzer wohnten. Sie werden also wirklich da sein.

Beruhigt und ohne Zeitdruck kann ich also meinen Weg fortsetzen. Vorher stärke ich mich aber noch mit ein paar Baby-Bel und etwas Cola Light. Dabei unterhalte ich mich mit einer Familie mit ihren zwei kleinen Kindern. Die Kinder bestaunen ehrfürchtig mein vollbepacktes Rad und ich erzähle den Eltern von der Reise. Dann heißt es Abschied nehmen. Ich fahre die wenigen Meter zurück zur Hauptstraße im Dorf und biege dann gen Osten auf die A85 ab. Es ist nur ein kleines Stück Weg, dann lasse ich das „Tor zu den Highlands“ (eines der vielen 😉 ) hinter mir und befinde mich im Glen Dochart. Die Strecke vor mir zieht sich über etwa 17 Kilometer durch das Tal hindurch, am Loch Lubhair und dem Loch Dochart entlang. Ich halte nur selten an, betrachte die Landschaft vom Sattel aus.

Erst nach 17 Kilometer halte ich kurz an. Vor mir liegt (mitten im Nichts) eine Tankstelle. Okay, die kann man hier sicherlich gut gebrauchen. Ich allerdings ausnahmsweise nicht. Die Tankstelle und die dahinter liegende Kreuzung markiert den Eingang ins Glen Ogly, welches gemeinsam mit der A85 in Richtung Süden in die Trossachs hinein führt (während das Glen Dochart und der River Dochart den nördlichen Rand der Trossarchs bilden).

Gemeinsam mit der A85 biege ich ins Glen Ogly ab. Auf den nächsten 4 Kilometern habe ich die letzte ernsthafte Steigung vor mir. Es geht ungefähr 100 Meter hoch – das ist nicht zu viel. Oft geht es auch gemächlich hoch, manchmal habe ich aber fast zweistellige Steigungen (das liest sich dramatischer als „Steigungen von 9%“) zu bewältigen. Dann erreiche ich einen kleinen Parkplatz abseits der Straße. Dort befindet sich die Glen Ogly Snack Bar. Ich kenne sie vom letzten Jahr, denn ab hier ist mir die Strecke wieder bekannt. Allerdings fahre ich den Weg dieses Mal in Südrichtung und bergab. (Rückblickend betrachtet fand ich den Weg daher dieses Mal auch viel schneller.)

Ich verlasse kurz hinter der Glen Ogly Snack Bar die A85, den netterweise gab es hier einmal eine alte Bahnlinie. Diese Verband Callander (etwas südöstlich von hier) über Crianlarich (Eisenbahnknotenpunkt, ich schrieb es schon, quasi das „Altenbeken“ der Highlands 😉 )mit Oban. Ab dem Jahr 1866 erbaut wurde sie 1965 nach Unwetterschäden stillgelegt. Dies kam überraschend, denn eigentlich sollte die Strecke erst im November 1965 planmäßig stillgelegt werden. Auf der Strecke von Callander entlang des Glen Ogly wurde die Bahnstrecke in einen Radweg umgebaut – und auf dem fahre ich nun gen Süden. Der Weg ist meistenteils gut ausgebaut …

… und bietet mir immer wieder umwerfend schöne Ausblicke auf das unter mir liegende Tal und das vor mir liegende Loch Earn, während ich in die Pedale treten und mich Strathyre entgegenkatapultiere.

Zwischendurch muss ich einige Male abbremsen. Immer wieder wird der Weg von Gattern versperrt – und den unvermeidbaren Cattle Grids.

Auf Höhe vom Loch Earn wird meine Fahrt abermals abrupt unterbrochen. Aus zwei Gründen. Zum einen fahre ich am Loch Earn vorbei – ich liebe diesen Ausblick von hier oben auf das Loch. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich hier vor einem Jahr entlang gekommen war und es mein erster Tag in den Highlands war. (Die offizielle Grenze zwischen den Lowlands und den Highlands liegt etwas südlich von Strathyre.)

Außerdem wird meine Fahrt durch ein in Serpentinen führendes Gefälle unterbrochen, welches mich 70 Meter hinab ins Tal führt. Da muss ich mit meinem Gepäck etwas vorsichtiger fahren.

Auch aus den Serpentinen heraus habe ich noch einmal einen schönen Blick über den See. (Bevor sich jetzt übrigens einer fragt: nein, ich bin mir sicher, dass die engen Serpentinen nicht zur ursprünglichen Bahnstrecke gehören.)

Mit Bedauern lasse ich die Aussicht auf das Loch Earn hinter mir und folge dem Weg weiter gen Süden. Es geht entlang einer schmalen, gewundenen Strecke mit vielen kurzen Auf und Abs. Immer mal wieder begegne ich ein paar Hunden mit Herrchen und Frauchen, die hier Gassi gehen. Deren Autos treffe ich auch an – sie stehen meistens mit offener Kofferraumklappe am Wegesrand.

Ich bin nur noch 4 Kilometer von Strathyre entfernt, als der Radweg über eine Straße führt. Ich halte kurz an und studiere die Hinweisschilder dort. Nach rechts geht es weiter nach Balquhidder am Loch Voill. Da ich keinen Zeitdruck habe, bleibe ich bei meiner ursprünglichen Überlegung und verlasse den direkten Weg nach Strathyre und mache den Abstecher ins 3 Kilometer entfernte Balqhuidder. Ich möchte dort den Friedhof besuchen.

Hier in Balqhiudder starb 1734 der schottische Robin Hood: Robert Roy MacGregor. Als ich in schneller Fahrt in den Ort hineinfahre, ist der Friedhof schnell gefunden.

Auch das Grab findet sich sehr schnell. Wobei ich schon überrascht bin, den vom Grab eines schottischen Nationalhelden hätte ich dann doch etwas mehr erwartet. Zumindest hätte ich gedacht, dass man auf das Grab hinweist. Es ist aber nur eins von vielen hier auf dem Friedhof vor den beiden kleinen Kirchen.

Jetzt beeile ich mich aber, denn ich möchte nicht zu spät in Strathyre ankommen. Zum einen wäre das unhöflich, zum anderen muss ich morgen zeitig raus, um eine Fähre am Loch Lomond zu erwischen.

Also schwinge ich mich schnell aufs Rad und folge dem ausgeschilderten Weg, der mich weiter nach Strathyre führt. Ich hätte auch die Straße zurück zur A85 nehmen können, an deren Rand ein Radweg entlang führt. Beim nächsten mal würde ich das auch machen. Dieser abseits gelegene Weg, den ich jetzt fahre, ist schön – aber ich muss zu meiner Höhenmeter-Liste des heutigen Tages noch einmal gut 50 Meter hinzufügen, die mich oberhalb von Strathyre in die Höhe führen. Danach geht es eher steil bergab und ich komme kurz danach in Strathyre an. Die letzten Meter bis zum Campingplatz führen mich entlang der A85, dann biege ich rechts ab und folge der Zufahrtsstraße zum Campingplatz. Ich halte an, eine Frau sitzt noch im Check-Inn, die mich freundlich begrüßt. Ich zahle meinen Aufenthalt, kaufe mir noch ein wenig zu trinken und ein paar Chips. Als ich dann mein Fahrrad auf den Platz schieben will, spricht mich ihr Mann an: „Hey, du warst doch im letzten Jahr auch schon hier. Ich kann mich an dich, dein Fahrrad und dein Gepäck erinnern.“ Und schwups – man fühlt sich wie zuhause. Wie zuhause fühle ich mich auch noch aus einem anderen Grunde. Als ich das Wlan einschalte, um meine Tour hochzuladen … loggt sich das Handy automatisch an. Schön. 😉

Auf dem Weg zur Zeltwiese unterhalte ich mich noch kurz mit einer Familie aus Deutschland, die hier mit ihrem Auto und einem großen Zelt stehen. Dann baue ich mein Zelt wieder auf. Auf ein richtiges Abendessen habe ich heute keine Lust. Ich esse Chips, Babybel und Snickers. Auch heute Abend telefoniere ich kurz mit Andrea, die sich in Glasgow auf die Worlds vorbereitet. Dann werfe ich einen letzten Blick über den weihnachtlich erleuchteten Campingplatz und lege mich zum Schlafen hin.