Tag 1: Von Glasgow nach Mull


Am gestrigen Tag konnte ich mit meiner Spritztour noch nicht beginnen, daher musste ich heute ein wenig improvisieren. Von Glasgow aus bis nach Mull würde ich es nicht schaffen, die letzte Möglichkeit für einen Übernachtungsstop bei einem Start in Glasgow wäre jedoch Inverary – das würde von der Planung der Tour her nicht passen.

Also musste eine Kompromisslösung her. Die war schnell gefunden. So sitze ich morgens um halb sieben auf dem Fahrrad und fahre durch den morgendlichen Verkehr in Glasgow zum Hauptbahnhof. Dort fährt in regelmäßiger Taktung ein Zug nach Gourock am Firth of Clyde ab. Während ich gemütlich mit dem Zug nach Gourock fahre, nehme ich letzte Einstellungen am Fahrrad vor. Außerdem komme ich unterwegs ins Gespräch mit einem Mitfahrer. Die 40-minütige Fahrt mit Ausblick auf den Clyde endet im Kopfbahnhof von Gourock. Für die Fahrt habe ich keine 8 Pfund bezahlt, das Fahrrad fuhr kostenlos mit. Nur auf längeren Strecken (Newcastle – Edinburgh, Glasgow – For William,… ) bzw. Teilen davon muss man das Fahrrad vorher anmelden. Im Nahverkehr ist das nicht nötig.Am Bahnhof in Gourock folge ich der Beschilderung „Ferry to Dunoon“ und stehe schon nach wenigen Metern an einem kleinen Anleger. Dort liegt schon eine Passagierfähre – ich bin froh, dass ich die nicht nehmen muss. Denn zum Anleger führt nur eine Treppe. Ich rätsele ein wenig, ob ich richtig bin, warte dann aber doch geduldig an einem Wartehäuschen. Dort steht, dass Passagiere nach Dunoon hier auf weitere Anweisungen des Personals warten sollen.

Dann kommt die Fähre in Sicht, die mich nach Dunoon bringen soll. In schneller Fahrt hält sie auf die schräge Rampe, die als zweiter Anlieger dient, zu und legt dort schließlich an. Erleichtert schiebe ich mein Fahrrad neben anderen Passagieren zur Fähre hinab. Die Autos, die am Anleger stehen, folgen uns nicht. Es ist „nur“ eine weitere Passagierfähre. Mein Fahrrad darf jedoch mit.Zügig fährt die Fähre über die Breite Mündung des Clydes hinweg. Gourock bleibt hinter mir zurück, nördlich von mir begrüßen mich die ersten typischen Hügel der Highlands.

An Land gehe ich aber in dem kleinen Ort Dunoon. Dort begrüßt mich ein Dudelsackspieler. Aber er ist nur auf einer Schuppenwand aufgemalt und spielt nicht. Man könnte sagen, es ist ein typisches Küstenörtchen, interessant finde ich aber das relativ imposante Hallenbad mit seiner großen Rutsche. Mit Hilfe von Google Maps hatte ich mich vorab orientiert, und so steuere ich an der Küstenstraße direkt eine Tankstelle zur ersten Versorgung an. Es gibt die aus dem letzten Jahr gewohnte Zusammenstellung aus Sandwich, Cola und Schokoriegeln. Wasser habe ich in Glasgow eingepackt und aufgefüllt.

Nach wenigen Minuten fahre ich an der Küste entlang weiter Richtung Norden. Ich folge dem Holy Loch, einem kleinen Seitenloch vom Firth of Clyde. Das 1 * 3 Meilen große Loch diente im 2. Weltkrieg als U-Boot-Basis der Briten und anschließend waren dort (unter massiven Protesten) einige Atom-U-Boote der Royal Navy stationiert.

Nach 10 Kilometern erreiche ich das Ende des Lochs. Dort liegt der Campingplatz, den ich ursprünglich mal aufgesucht haben wollte. Er war allerdings voll gewesen. Außerdem liegt dort… eine Jet-Tankstelle. Die Versorgungslage überfordert mich gerade etwas, ich fahre schnell weiter.

Mein Weg führt mich nun ins Innere von Argyle. Die Umgebung wirkt wenig „typisch“ schottisch. Das ändert sich auch nicht, als ein langgestrecktes, gemütliches Loch auftaucht. Es ändert sich aber, so weiß ich, wenn ich in 30 Kilometern das Loch Fyne erreiche, an dessen Ufer Inverary liegt.

In Gedanken erstelle ich mir meine „Wann muss ich wo sein“ – Liste, denn ich fahre ein wenig zeitkritisch. Übernachten möchte ich auf Mull, in Craignure. Der Campingplatz ist schon gebucht und bezahlt. Die letzte Fähre dorthin geht um 20 Uhr ab Oban. Lieber wäre es mir, wenn ich um 18:10 fahren könnte.

Kurz hinter dem Loch Eck will mich komoot nach links von der Straße abführen. Es ist reizvoll, von der „Hauptstraße“ wegzukommen – aber ich denke an die „Abkürzung“ im letzten Jahr, die mich auf den West Highland Way geführt hat. Daher bleibe ich auf der Straße, optisch ist es da auch in Ordnung. Wenig schottisch, aber die ganze Gegend, durch die ich gerade fahre, hat wieder eher Sauerland-Charakter. Irgendwie. Ab und zu kann ich einen Blick auf die Nebenstrecke erhaschen. Sie scheint schon befahrbar zu sein.

Es geht nun leicht bergan, nach zwei Kilometern bin ich auf der Höhe. Vorher kreuzt noch der River Cur meine Bahn, der mich bisher westlich der Straße begleitet hat. Er fließt am Hügelkamm entlang, von Nordosten kommend. Es ist ein „Balance-Akt“. Wäre er ein paar hundert Meter weiter westlich, würde er ins Loch Fyne fließen. Dann gäbe es das Loch Eck nicht, in welches der River Cur fließt.  Ich fließe fahre jetzt jedenfalls bergab in Richtung Loch Fyne. So erreiche ich Strachur, eine kleine Ansiedlung am Ostufer des Loch Fyne. Eine Werkstatt gibt es hier, eine Kirche, einen Gemeindezentrum, einen Shintyclub, eine kleine Primary School (mit 60 Schülern, steht in der englischen Wikipedia) … und einer Tankstelle. Die Versorgung mit Benzin ist in dieser Gegend von Schottland eindeutig gesichert. Die Versorgung mit Sandwich, Cola und Schokoriegeln auch. Ich halte an und mache kurz unterm Dach Pause. Das Dach ist auch gut, denn es regnet mal wieder leicht. Wenige Meter später biege ich am Ostufer vom Loch Fyne nach Nordosten ab. Zuerst begleiten mich noch die Häuser von Strachur – viel interessanter finde ich aber die Häuser auf der gegenüberliegenden Loch-Seite. Ist das schon Inverary? Nein, meine Map sagt, ich bin noch zu weit südlich. Außerdem sehe ich mindestens den Turm nicht. Vor mir liegt wahrscheinlich eher die Ufergegend, die ich im letzten Jahr umfahren habe.

Wenige Kilometer später kommt Inverary aber in Sicht. Die Häuser verschwinden im Nebel und spiegeln sich im Wasser. Ein interessanter Anblick. Bis nach Inverary liegen aber noch gut 30 Kilometer vor mir. Es geht noch um das „Head“ vom Loch Fyne herum. Immer wieder fällt dabei mein Blick auf die gegenüberliegende Seite. Nicht nur Inverary sieht interessant aus.

Schließlich erreichere ich die Nordost-Spitze vom Loch Fyne, an der der River Fyne das Loch erreicht. Dieser und einige weitere Flüsse sind u.a. schuld an dem ungewöhnlichen Geschmack der speziellen Austern aus dem Loch Fyne. Durch den ständigen Süßwasserzufluss in den langen Fjord ist der Salzgehalt der Austern geringer. Ehrlich gesagt interessiert mich das aber nicht so seht. Ich esse keine Austern. In der Loch Fyne Oyster Bar am Nordufer des Lochs hätte ich jedoch Gelegenheit dazu gehabt.

Mich interessiert mehr die Landschaft. Denn seit Erreichen des Loch Fyne sieht es schon „typischer“ für Schottland aus. Alte verwitterte Steinbrücken überqueren träge vor sich hinfließende River, die (leider) fast baumlosen Hänge reichen bis ans Loch heran und spiegeln sich im Wasser wieder.

An der Westseite fahre ich wieder gen Süden, auf Inverary zu. Dabei folge ich der A83, der Hauptverbindung zwischen Kintyre und Glasgow. Der Verkehr fließt zwar, er bereitet mir aber keine Schwierigkeiten.

So nutze ich ab und zu die Gelegenheit und schaue nochmal zum Ostufer hinüber, an dem ich erst kurz vorher entlanggefahren bin. Eine Fähre zwischen Strachur und Inverary wäre auch nicht so verkehrt gewesen, denke ich mir.

Einen sehr interessanten Blick über einen Teil des Lochs auf Inverary habe ich, als ich kurz einen Bogen nach Norden auf die Mündung vom Ghearr Abhainn (einem Zufluss ins Loch Fyne) mache. Denn dort, an der Mündung des Flusses, liegt eine alte Brücke, entstanden zur Zeit des Jakobiter-Aufstandes in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Damals führte dort der Vorläufer der A83, eine „Old Military Road“ hinüber. Die A83 führt nun etwas weiter nördlich über die Flussmündung, der Radweg nutzt allerdings diese Brücke, die Garron Bridge. Ich fahre dennoch kurz zur Brücke der A83, denn von dort aus kann ich einen Blick unter dem Brückenbogen hindurch auf Inverary erhaschen.

Mit einem etwas tieferen Blickwinkel hätte das Bild bestimmt noch besser ausgesehen – beim nächsten Mal nehme ich eine Badehose mit.

Ich fahre über die Garron Bridge und denke mir, dass diese Brücke ziemlich eng für die A83 war, als diese noch hier hinüber geführt wurde. Da können sich auf jeden Fall keine Autos entgegenkommen. Das ist in Schottland ja häufig anzutreffen. Aber bei der Hauptverbindung Kintyre – Glasgow wäre das doch ungeschickt. Denke ich mir. Da erreiche ich eine weitere Brücke.

Eine Ampel hält mich auf. Die Brücke ist nur einspurig und aufgrund des „Blind Summit“ des Brückenbogens wird die Überquerung durch die Ampel gesteuert. Ich warte, entschuldige mich kurz non-verbal bei dem Autofahrer hinter mir, da ich ihn dieses Mal nicht vorlassen werde und steige beim Beginn der Grünphase in die Pedale. Ich weiß nicht, wie lang sie ist und möchte gerne vor ihrem Ende auf der anderen Seite der Brücke sein. Das schaffe ich auch. Von dort ist es nicht mehr weit bis Inverary und bis zu meiner Mittagspause.

Das Panorama der Promenade mit dem Glockenturm im Hintergrund erwartet mich. An der Promenade mache ich Halt, hole mir zwei Bacon-Cheese-Rolls und etwas zu trinken. Dann nutze ich die Chance für einen Klo-Besuch. Nette Touristen passen derweil auf mein Fahrrad auf.

Ich mache noch einen kurzen Abstecher durch den kleinen Ort …

… dann verlasse ich ihn gen Westen. Die Strecke, die nun vor mir liegt, kenne ich schon. Ich bin sie im letzten Jahr schon gefahren.

Ein langer 200-Höhenmeter-Anstieg liegt vor mir. Die ersten Meter wirken wieder erschreckend, relativ steil (aus Sicht eines Tourenradlers) verlässt die Straße den Ort. Dann verläuft die Steigung aber eher flach und nahezu unmerklich. Sicherlich kann man nicht mit 20 km/h die Straße hochfahren (ich habe ja kein E-Bike), aber ich komme ruhig und gleichmäßig den Berg hoch. Um mich herum liegen wieder größtenteils bewaldete Berghänge. Auch wenn es nicht ganz in die charakteristische Schottland-Optik passt, hoffe ich, dass diese bewaldeten Berghänge noch lange so bleiben. Auf der Höhe sehe ich linker Hand auf einer niedrigen Bergspitze in der Nähe der Straße einen Cairn aufgebaut. Auf der Höhe schlüpfe ich wieder in meine Regenjacke, die ich für die Anfahrt ausgezogen hatte. Es wird windig und regnerisch. Dann geht es die Straße wieder rasant bergab. Zwei Tourenradler kommen mir entgegen. Sie haben es schwieriger, denn die Westseite ist merklich steiler. Ich notiere mich gedanklich, dass ich hier immer von Osten hochfahre. Während ich wie von selbst beschleunige, fällt mein Blick aufs Loch Awe, welches vor mir liegt. Ich denke kurz über ein spontanes Bremsmanöver und ein Foto nach, da bin ich schon an dem schönen Ausblick vorbei. Es hätte sich auch nicht gelohnt. So schön der Blick von hier aus auch ist – bei dem diesigen Wetter über dem Loch wäre die Sicht eh nicht gut rübergekommen. Etwas besser ist da schon das Bild von der Tour 2017.

So erreiche ich wieder einmal das Loch Awe. Hier bin ich nun schon zum dritten Mal mit dem Fahrrad. Zum zweiten Mal folge ich der Ostküste, um auch hier, an diesem langgestreckten Loch, den Nordzipfel zu umkurven und von dort aus Richtung Oban weiterzufahren. Die Zeit drängt inzwischen etwas. Es wird noch nicht sehr knapp, aber die voraussichtliche Ankunftszeit, die mir komoot nennt, wird immer weiter nach hinten geschoben. Als ich mich der Nordspitze des Lochs nähere, kommt Kilchurn Castle in den Blick. Es liegt auf einer Landzunge im Loch, ist nur noch eine (wenn auch gut erhaltene) Ruine, aber die stehenden Mauern lassen gut erahnen, wie das Castle mal ausgesehen hat. Endgültig zerstört wurde es im 19. Jahrhundert im Sturm, welches auch die Brücke am Tay zerstört hat. (Ja, die von Theodor Fontane.) Ich hatte mir letztes Mal schon geschworen, dass ich beim nächsten Mal einen Abstecher zur Ruine machen würde. Der Weg von der Straße aus ist nicht weit. Aber die Zeit drängt. Als die Abfahrt zum Castle-Parkplatz vor mir liegt, biege ich spontan und kurzentschlossen ab. Sollte ich die 18-Uhr-Fähre verlassen, nehme ich halt die nächste um 20 Uhr. Zwei Stunden Warten sollte in Oban möglich sein.

Über einen schmalen Weg fahre ich auf das Castle zu.

Etwas erhoben liegt es auf einer Anhöhe. Auch als Ruine wirkt es noch eindrucksvoll. Schilder am Wegesrand weisen mich darauf hin, dass es nicht erlaubt sei, die Ruine von oben mit einer Drohne zu filmen. Okay – ich habe keine dabei. Kein Problem.

Ich stelle mein Fahrrad vor der Ruine ab und betrete sie durch die Eingangstür. Hinter einem kurzen Eingangsbereich, welches das Erdgeschoss des recht gut erhaltenen (ehemals 5-geschossigen) Turms bildet, liegt der von den Mauern umgebene Burghof. Über eine Holztreppe (die bestimmt nicht zum Originalcastle gehört) erreiche ich die Etage über dem Eingangsbereich. Dies  war mal die „Große Halle“ des Castle.

Von der Treppe aus habe ich einen guten Blick auf das zerfallene Innere der Gebäude. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es damals hier ausgesehen haben könnte – bevor das Castle Mitte des 18. Jahrhunderts (einige Jahrzehnte vor dem endgültigen Zerfall) nach einem Brand aufgegeben wurde.

Vom Eingang in die Halle aus habe ich einen schönen Blick nach Norden. Ob es diesen Blick immer schon gab, weiß ich nicht. Zumindest die Mauer zur rechten Seite wirkt sehr „abschließend“, als ob es hier immer schon eine Öffnung gegeben hätte.

Aus einem Fenster in der großen Halle werfe ich einen kurzen Blick nach unten. Mir schwindelt kurz, aber mein Fahrrad steht dort zumindest noch.

Ich schaue mich noch ein wenig um, dann steige ich die Treppe wieder vorsichtig hinab und bleibe im Innenhof stehen. Ich drehe mich im Kreis und lasse die Mauern auf mich wirken. Das Castle ist etwas abgelegen – ansonsten konnte man hier bestimmt (für die damaligen Verhältnisse) gut wohnen.

Nachdem ich vor der Tür noch ein Pärchen getroffen habe und wir uns gegenseitig beim Selfie-Machen unterstützt haben, fahre ich mit dem Rad über den schmalen Pfad wieder zurück zum Parkplatz und erreiche von dort wieder die Straße. Eine Brücke, die moderner ist als die Garron Bridge, überquert hier den River Orchy. Dies muss der gleiche Fluss sein, an dem weiter nordöstlich die Miniansiedlung „Bridge of Orchy“ liegt. Wenn ich nicht heute meinen ersten Tag hätte, könnte man sagen „So schließt sich der Kreis.“ So sage ich eher „So wird sich der Kreis schließen“, denn Bridge of Orchy durchquere ich am Donnerstag auf meinem Weg vom Rannoch Moor Richtung Süden.

Ich folge der Straße Richtung Oban und gebe mal wieder etwas Gas. Meine Ankunftszeit liegt nun bei 17:30. Immer noch genug Spielraum – aber wer weiß, was noch passiert. Da es wie so oft leicht regnet und ich mich aufs Fahren konzentriere, habe ich nicht so viel Konzentration für die Umgebung übrig. Das Loch-Ufer teile ich mir mit der Bahnstrecke Glasgow – Oban, die an der Nordspitze (von Crianlarich aus kommend) zu mir gestoßen ist. Immer mal wieder stehen Häuser am Straßenrand. Auf halbem Wege das Loch hinab bis zur Abbiegung nach Westen soll es sogar einen kleinen Shop geben. Ich bemerke ihn allerdings nicht – so bin ich ins Fahren vertieft. St. Conans Kirk bemerke ich aber wieder. Kurz überlege ich, ob ich dort Halt machen will. Aber ich würde nicht nur 2 Minuten stoppen, und so wichtig ist sie mir nicht. Die Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Walter Douglas Campbell mit privaten Mitteln erbaut, um seiner Mutter den langen Weg zur nächsten Kirche zu ersparen. Der ehemals schlichte Bau wurde immer wieder erweitert, bis er den eindrucksvollen Stand erreicht hat, den er heute hat. Ich nehme mir vor, die Kirche beim nächsten Mal zu besuchen. Ich komme hier bestimmt noch einmal vorbei. Irgendwann.

Es dauert nicht lange, da habe ich den großen Ausflusstrichter vom River Awe erreicht. Zu Beginn ist er gut einen Kilometer breit, mehr eine Bucht im Loch als der Beginn des Flusses. Ich folge der Straße am River Awe entlang. Die Straße ist keine Single Road, aber sie ist vergleichsweise eng. Der Verkehr ist auch hier immer noch dauerhaft vorhanden – da kommt mir der Fußweg gerade recht, der hinter den Gebäuden des Wasserkraftwerks Cruachan Falls beginnt und an der Straße entlang läuft.

Auch wenn die Qualität des Weges zu wünschen übrig lässt, lege ich die nächsten Minuten auf dem holprigen Weg zurück. Irgendwann bin ich aber wieder dreister und mutiger, denn ein zügiges Vorankommen ist auf dem Weg nicht möglich.

Die Straße folgt dem breiten River Awe auf seinem Weg zum Loch Etivé.

Auf halbem Weg zwischen dem Loch Awe und dem Loch Etivé wird das Wasser von einem Staudamm etwas aufgehalten. Der Fluss fließt von dort aus in Richtung des Loch Etivés weiter. Es heißt, dass erst ab diesem Staudamm der River Awe existiert. (Zumindest google ist da aber anderer Meinung und nennt die ganze Verbindung vom Loch Awe an „River Awe“.) Kurz vor Taynuilt liegt eine Tankstelle. Sie löst eines meiner Zeitprobleme – ich wollte mir irgendwo noch ein Gute-Nacht-Bier kaufen, ohne große Umwege fahren zu müssen. Das Gute-Nacht-Tennents bekomme ich nun hier.

Ich erreiche schließlich Taynuilt. Auch in diesem Ort war ich schon. Beim ersten Mal kam ich von einer im Hinterland gelegenen Single-Road-Verbindung von Oban her, beim zweiten Mal verließ ich Taynuilt in der Nähe der Küste vom Loch Etivé in Richtung Oban.

Ich habe noch etwa 70 Minuten, es ist 16:45. Ich weiß gerade nicht, welchen der beiden Wege ich nun einschlagen soll. Dann entscheide ich mich für die Single Road. Diese ist landschaftlich schöner, auch wenn ich zwei steilere Anstiege vor mir habe.

Ich weiß nicht, ob ich noch nicht in Form bin oder ob mir die vergangenen 100 Kilometer in den Knochen stecken – aber die kommenden 20 Kilometer haben es in sich. Es geht von Taynuilt aus recht steil bergan. Mehr als einmal muss ich schieben und dabei mit ansehen, wie meine Ankunftszeit verrinnt. Oben angekommen geht es langsam und flach bergab. Ich kann gefühlt kaum auf Geschwindigkeit kommen und die verlorene Zeit wieder aufholen. Dann, als ich endlich Fahrt aufgenommen habe, kommt der nächste Anstieg. Ich kapituliere sehr schnell und sehe vor meinem geistigen Auge schon die Fähre ablegen. Mühsam schiebe ich mein Fahrrad den Anstieg hoch (und wünsche mir ein E-Bike). Doch alles hat ein Ende – und so bin ich irgendwann oben. Nun geht es 3 Kilometer bis nach Oban hinab. Gekonnt rolle ich die Straße entlang ins Tal … und keine 10 Minuten später erreiche ich den Fähranleger. Ich springe vor dem Terminalgebäude vom Fahrrad, die Autos stehen noch alle vor dem Schiff Schlange. Es ist 17:59. Ungeduldig warte ich im Terminal auf den nächsten freien Schalter, komme irgendwann dran und … bekomme mein Ticket für die 18:10-Ferry nach Mull. Zurück zum Fahrrad, denn noch bin ich nicht an Bord. Ich fahre am abgetrennten Seitenstreifen für Radfahrer und Fußgänger entlang und stelle mich wie gewohnt vorne am Schiff an. Die Einweiser unterhalten sich, dann geht einer zu den Autos hinüber und winkt sie heran. Ein anderer schaut mich an. „Are you waiting to go on Board?“ (Oder so ähnlich fragte er mich.) Ich nicke bestätigend und zeige ihm mein Ticket. Er nimmt es entgegen und deutet aufs Innere des Schiffes. Glücklich, aber erschöpft schiebe ich mein Fahrrad aufs Schiff und nehme mir vor, dass ich meine Touren mal weniger zeitkritisch planen möchte. Irgendwann.

Als ich mein Fahrrad abgestellt und festgebunden habe und die Treppe ins Innere des Schiffes hochgehe, höre ich von hinten etwas, das sich wie „The Biker with his strong legs“ oder so anhört. Ich drehe mich um. Hinter mir geht ein Mann die Treppe hoch, ich würde mal auf Ende 50 tippen. Man sieht ihm an, dass er nicht der Typ „Bürojob“ ist. Wir kommen ins Gespräch, er erzählt mir, dass er einen Backpacker in Kapstadt besitzt, derzeit wegen seines Vaters zurück in Schottland ist und er in Kapstadt im Backpacker einmal einen Weltreisenden zu Gast hatte. Dieser war seit Jahrzehnten mit seinem Fahrrad unterwegs gewesen. Die Überfahrt vergeht wie im Flug, während er mir die Erzählungen des Radfahrers wiedergibt. Als ich im erkläre, dass ich kurz nach oben an Deck wolle, um die Anfahrt auf Mull zu sehen, kommt er mit hoch und erklärt mir die Umgebung. Er kennt sich aus. Nicht schlecht. (Ich habe ihm nicht erzählt, dass ich mich auch schon ein wenig auskenne.)

Die Fähre legt in Craignure auf Mull an, wir verabschieden uns und ich warte an Bord, bis auch ich nach den Autos das Schiff verlassen kann. Einen kurzen Abstecher mache ich zum Spar-Markt, der hat allerdings schon zu. Okay, es ist auch 19 Uhr. Da soll das vorkommen. Ist schließlich kein ASDA, der 24/7 offen hat. Von dort aus fahre ich gemütlich die Straße hinab, bis ich nach wenigen hundert Metern die Einfahrt zum Campingplatz erreicht habe. Einchecken, den zugewiesenen Zeltplatz finden, Zelt aufbauen … die Routine aus dem letzten Jahr setzt wieder ein. Schnell steht das Zelt und ich schaue zum Sound of Mull hinab. Der Campingplatz liegt leicht erhöht am Ufer und beim Buchen kann man angeben, ob man einen Platz mit Auto-Kontakt oder einen „Stunning-View“-Platz haben möchte. Ich habe mich für Stunning View entscheiden. Was will ich auch mit einem Auto-Parkplatz. 😉 Und … der Blick ist „stunning“.  Selbst der Tanker, der am späten Abend nur wenige hundert Meter vor der Küste bis zum nächsten Morgen ankert, macht den Blick nicht kaputt.

Mit Blick aufs Wasser koche ich mir meinen üblichen Teller Nudeln. Auch das kann ich noch. Zwischendurch kommt mein Nachbar vorbei, unterhält sich mit mir. Ein Pole, der in Glasgow mit seiner Frau im Gastgewerbe arbeitet, und eine Woche außerhalb Glasgows verbringt.

Auch nach dem Essen kommt er noch einmal kurz vorbei. Dann entschuldige ich mich aber und gehe im Halbdunkel hinüber nach Craignure rein. Am Kai liegt die „Loch Coruisk“, eine der kleineren Fähren, die Oban mit Mull verbinden. Ich sehe die Fähre und denke an das wunderschöne Loch auf Skye, dass wir vor einigen Jahren mal von Elgol aus mit einem Boot besucht haben. Ich gehe zur Häuserzeile am Ufer hinüber. Dort ist ein Pub und ich hoffe drauf, dass er noch auf hat. Er hat auf. Und er hat frisch gezapftes Tennents. Lecker. Nehme ich. Ich diskutiere mit den Besuchern kurz über meinen Dialekt, weise die Vermutung von mir, dass ich aus Bayern komme (wegen meines Dialektes *kopfkratz*) und lasse mir das Tennents dann schmecken. Gemütlich schlendere ich anschließend zum Zeltplatz zurück und rolle mich dort (nach 133 Fahrradkilometern) in meinen Quilt ein, der mich auch auf dieser Reise begleitet.

Ein schöner, erster Tag liegt hinter mir. Anstrengend, mit zu viel Regen (auch wenn ich davon kaum was geschrieben habe, weil er einfach zu selbstverständlich ist), ein wenig Zeitdruck, netten Gesprächen, schönen Ausblicken und Aussichten. Morgen geht es weiter. Noch bin ich bei der Planung, dass ich es irgendwie schaffe, nach Iona zu kommen. Zeitdruck sollte ich morgen nicht haben, denn mein Ziel ist der Calgary Beach an Mulls Westküste. Dort, am Strand, soll ein schöner Wildcamping-Spot sein. Ich muss also keine feste Ankunftszeit einhalten.

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