Tag 3: Tobermory – Glencoe

Mittwoch morgen – ich lausche wieder einmal aus dem Schlafsack heraus auf den Regen. Es scheint ruhig zu sein. Das ist gut. Ein Blick aufs Handy sagt mir, dass ich noch gut in der Zeit liege. Es ist 7 Uhr, in 2 Stunden geht die Ferry rüber nach Ardnamurchan. So beginnt die tägliche Morgenroutine: aufstehen, waschen, reisefertig machen, Zelt abbauen. Dieses Mal ist es etwas spannender, da ich meine Klamotten von gestern zum Trocknen auf dem halben Campingplatz verteilt habe. Jede Hütte habe ich dafür genutzt. Geholfen hat es nicht viel. Aber das macht auch nichts – die Sachen werden heute bestimmt wieder nass.

So fahre ich zeitig los und komme auch rechtzeitig an den Toren von Tobermory an. (Tobermory hat gar keine „Tore“.) Von oben herab schaue ich auf den Sound of Mull herunter und sehe am Ende der Küstenstraße des Ortes schon die Ferry liegen.

Ich wünsche meinen Bremsen viel Glück und rolle vorsichtig den Berg hinab zur Küste. Geschwind (schönes Wort 😉 ) fahre ich am Ufer entlang zum Anlieger und schaue nach, ob ich mir dort schon ein Ticket kaufen kann. Kann ich nicht. Da ich noch Zeit habe, drehe ich um und fahre zurück zum Coop. Ich fülle wie üblich meine Vorräte auf. In gut 50 Kilometer, so weiß ich vom letzten Jahr, gibt es in Strontian einen kleinen Laden. Eine größere Einkaufsmöglichkeit finde ich kurt vom Ziel in Ballachulish.

Wieder gut ausgerüstet fahre ich zurück zum Anleger und warte auf die Ferry. Soe steht schwimmt schon neben dem Anleger am Kai und wartet nur darauf, dass sie zur Rampe rüberfahren kann. Neben wenigen Autos steht eine Radfahrergruppe am Anleger. Ich bin ein wenig verwundert. Sie haben wenig Gepäck am Fahrrad, sehen sehr sportlich und durchtrainiert aus – dafür zieht jeder einen Koffer hinter sich her. Beim Radfahren???? Leider habe ich weder bei deren Ankunft am Hafen noch bei ihrer Abfahrt am anderen Ufer gesehen, ob sie ein Begleitfahrzeug haben. Aber mit den Koffern sind sie bestimmt nicht gefahren.

Schließlich gehen wir auf die Ferry. Wie gehabt stelle ich mein Rad ab und gehe aufs Oberdeck. Die Ferry ist eher klein, es gibt keine Versorgungsmöglichkeiten. Aber das macht nichts – ich hole die im Coop gekauften Sandwiches raus und frühstücke damit in Ruhe.

Wir legen ab und stechen in die See – nein, eigentlich eher in die westlichen Ausläufer vom „Sound of Mull“ UND in die Öffnung des Loch Sunart in Richtung Ozean. Ich verliere ein wenig die Orientierung und kann nicht genau sagen, wo der Sound of Mull aufhört und das Loch Sunart beginnt. Was ich weiß: das Loch Sunart werde ich nachher noch einige Stunden lang begleiten. Außerdem weiß ich, dass hinter mir Tobermory und die Isle of Mull immer kleiner werden. 

Nach einer knappen halben Stunde erreichen wir den Hafen von Kilchoan auf der Ardnamurchan-Halbinsel. Hier, nicht weit vom Hafen entfernt, hätte es auch zwei Campingplätze gegeben. Wobei ich den Beschreibungen nach vermute, dass es eher Campingwiesen sind. (Nett finde ich die Anmerkung auf der Homepage des einen Campingplatzes: Facilities finden sie einige hundert Meter die Straße hoch bei den Local Facilities. Bitte nutzen sie diese.)

A propos „Local Facilities“. Am Hafen steht auch ein größeres Klo-Häuschen mit einem Aufenthaltsraum. Ich nutze beides – im Aufenthaltsraum ziehe ich mir meine Regensachen an. Aktuell ist es trocken nass trocken nass trocken nass … es ist besser, dass ich sie anziehe, denn das Wetter kann sich scheinbar nicht entscheiden. 😉 Ich entferne mich vom Hafen, schaue nochmal zurück. Über Mull ballen sich schon wieder die Wolken. Nach vorne sollte ich besser nicht schauen. 😉

Nach wenigen hundert Metern stoße ich auf eine Kreuzung. Links geht es in Richtung der Campingplätze, außerdem zum Ardnamurchan Lighthouse. Bis dorthin sind es gut 10 Kilometer. Ich hatte den Abstecher mal auf dem Programm, habe dieses Ziel allerdings wieder verworfen. 10 Kilometer hin und 10 Kilometer zurück – für einen Leuchtturm? Irgendwann vielleicht mal, aber nicht heute. Sehenswert ist der Leuchtturm bestimmt. Er wurde von Alan Stevenson Mitte des 19. Jahrhunderts entworfen. Die Stevensons waren eine Leuchtturm-Bauer-Dynastie. Nur einer schlug ein wenig aus dem Rahmen, der Neffe von Alan Stevenson. Dieser wurde Schriftsteller.

Der Leuchtturm wurde im ägyptischen Stil erbaut, er soll der einzige ägyptisch anmutende Leuchtturm in Großbritannien sein. Auf dem Weg dorthin (und auch das spricht gegen die Anfahrt) wird die die Straße so eng, dass dort, kurz vor dem Leuchtturm die einzige Ampel im Umkreis von 80 Kilometern steht. Mein Begleiter auf der Fähre nach Mull am Montag hatte mir noch erklärt, dass die Landspitze, auf der der Leuchtturm steht, immer im Seewetter-Bericht vorkommt. Das könnte auch daran liegen, dass diese Landzunge ein wenig hervorsticht – es ist der westlichste Zipfel des britischen „Festlandes“.

Es hätte also viele Gründe gegeben, den Abstecher zu machen. Aber da ich von der Fähre abhängig war, es inzwischen schon 10 Uhr durch ist und ich der Küstenstrecke, die vor mir liegt, nach meinen gestrigen Erfahrungen alles zutraue, biege ich nach rechts ab. Das Hinweisschild sagt mir, dass es nach Salen geht. Salen kenne ich. In der Nähe von Salen hatte ich im letzten Jahr am „schlimmsten Tag der Reise“ spontan übernachtet.

So fahre ich bei regnerischen Wetter gen Salen.

Diese Strecke wäre ich im letzten Jahr, wenn sich mir nicht die Pedale und mein Frontroller gelockert hätten, fast wirklich hin- und zurück gefahren. Da will ich doch heute mal sehen, was ich verpasst habe.

Die Straße führt in einem großen Bogen langsam aber stetig einen Berg hinauf. Immer wieder denke ich „Ich bin fast oben“, aber der Weg führt immer weiter bergan. Eine gute Stunde brauche ich für die ersten 11  Kilometer, dann fahre ich mal wieder oberhalb eines Lochs, dieses Mal das Loch Mudle, entlang. (Den Beitrag schreibe ich 4 Wochen nach der Tour. Am PC lasse ich mir von komoot meine Fahrtstrecke inkl. der Höhenmeter anzeigen. An dieser Stelle merke ich gerade, dass mein lange gehegter Verdacht wahrscheinlich berechtigt ist. Komoot sagt, ich wäre bei gut 200 Meter Höhe, eine topographische Karte gibt 163 Höhenmeter an. Da scheint komoot es wohl immer etwas zu gut zu meinen.)

Weitere 20 Höhenmeter weiter oben endet der Aufstieg. Vor mir liegt  wieder eine Abfahrt. Bevor ich zur Abfahrt ansetze genieße ich noch einmal den Blick hinunter aufs Loch Mudle und kontrolliere mein Zelt auf dem Ragpack. Die Pause nutze ich auch, um ein paar Schlucke  zu trinken.

Dann geht es bergab. Gute 6 Kilometer liegen bis zur Küste und der Beinahe-Meereshöhe vor mir. Ich lasse mich rollen und genieße die Fahrt.

Nach ca. 3 Kilometern befinde ich mich wieder oberhalb der Küste. Die größte Ergebung des Tages ist geschafft. Aber das ständige Auf- und Ab, welches folgt, ist auch nicht so schön. (Aber vielleicht bin ich dieses Jahr auch nur schlecht in Form. )

Unter mir liegt nun eine Bucht. Oberhalb der Bucht, an der Straße, liegt ein Parkplatz. Ich halte an und werfe einen Blick hinunter zum Wasser. An dem Parkplatz hängt eine Hinweistafel, die mich darüber aufklärt, dass es in dieser Bucht Spuren aus vielen Jahrtausenden gibt.

In der Bucht befinden sich eine neolithische Grabkammer (bei der Baumgruppe in der Mitte). Links davon in Richtung Ufer befindet sich ein „Bronze Age Standing Stone“ und direkt daneben ein Friedhof aus dem 18. Jahrhundert. Rechts von der Baumgruppe am Hang befindet sich eine alte Siedlung, deren Bewohner vor dem Jahr 1823 vertrieben wurden. Bei der Baumgruppe am Beginn des Hangs auf der hinteren Seite der Bucht befinden sich die Ruinen einer Schaf-Farm aus dem 19. Jahrhundert. Oberhalb davon liegt ein altes Schafsgehege.

Wahrscheinlich würde ich mich lange hier aufhalten, wenn ich erst einmal den Fuß ins Tal gesetzt hätte. Interessant wäre es – aber ich habe erst ein Sechstel meiner geplanten Strecke geschafft. (Ich sollte mich mehr aufs Wildcampen verlagern, dann wäre ich nicht von den Campingplätzen abhängig). Also fahre ich nach einer kurzen Pause weiter, in der ich den Blick nach unten genieße und den Wellen in der Bucht zuschaue. Dabei male ich mir aus, wie es vor 200 Jahren war, als hier Leben in der Bucht war.

Die nächsten Kilometer gehen nur wenig herauf, mehr herab. Dann erreiche ich einen Ort, wo es mehr Leben gibt. Rechter Hand liegt das gut besuchte „Ardnamurchan Natural History Visitor Center“.

Dort gibt es ein Café und einen der üblichen „Gift-Shops“. Diese Gift-Shops finde ich immer so interessant, da kann man sehr gut rumschnüffeln. Aber wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, verzichte ich aufs Shoppen gehen. Das Café lasse ich auch liegen – dabei sitzt dort die Radfahrer-Gruppe aus Italien (die mit den Koffern). Ich hätte fragen können, was das für eine begleitete Tour ist, die sie machen. Schottland mit dem Fahrrad ohne Gepäck – einen minimalen Reiz hätte das schon. Reiz hat aber auch das „Living Building“ hinter dem Café. Es ist eine Ausstellung über die Tierwelt Ardnamurchans und ich bleibe dort einige Minuten stehen. So sehe ich wenigstens die Tiere, die es hier gibt.

Kaum befinde ich mich wieder auf der Straße, fahre ich schon wieder von ihr ab. Nur wenige Meter hinter dem Visitior Center liegt die Ardnamurchan-Destillery. Seit 2014 ist sie wieder in Betrieb. Es gibt Führungen (ich schaue mal wieder auf die Uhr) und einen kleinen Shop (Passt.) Dort unterhalte ich mich nett für einige Minuten mit der Sophie, der Bedienung im Visitor Centre der Destilery und bedaure abermals, dass ich keinen Anhänger mit mir führe. Whisky gibt es hier noch nicht – die Destillery produziert noch, aber man kann interessante Batches mitnehmen, auch Whiskys aus anderen Destillerien gibt es zu kaufen.

Gute 15 Kilometer trennen mich von meinem nächsten Etappenziel am Tag: Salen. Salen kenne ich noch vom letzten Jahr. Aber bevor ich dorthin komme, fahre ich ca. 15 Kilometer an der Küste vom Loch Sunart entlang.

Es heißt, die Küstengegend vom Loch Sunart beherbergt einige der am besten erhaltenen Eichenwälder, die früher die gesamte Westküste der britischen Insel von Cornwall hoch bis Schottland bedeckt hätten. Bei der Baumbestimmung habe ich in der Schule immer geschlafen – aber ich denke, dass ich einige der Ausläufer der Eichenwälder passiere.

Das Loch an sich ist etwa 30 Kilometer lang und ist damit das längste „Sea-Loch“ in den Highlands. Immer wieder bildet die Küste kleinere und größere Buchten aus, an denen ich entlang fahre.

Kleine Bucht vom Loch Sunart

Die Strecke führt mich (fast wie an der Küste gewohnt) bergauf und bergab. Immer nur für wenige Meter, dann geht es wieder runter. Dafür sind es Anstiege, die gefühlt locker 2-stellige Prozentzahlen aufweisen.

Ich komme trotzdem recht gut voran und nach einer guten Stunde erreiche ich Salen. Der Ort ist eher klein. Ich würde noch nicht einmal von einem Ort sprechen. Einige Häuser, ein paar Hotels oder ähnliche Unterkünfte. Das Loch Sunart ist zwar nicht weit von Fort William entfernt, aber liegt vielleicht doch zu abgelegen.

Ab jetzt kenne ich den Weg – bzw. ich glaube ihn zu kennen. Im letzten Jahr bin ich diese Strecke auf dem Weg von Oban nach Mallaig gefahren. Zwischendurch habe ich spontan an einem unerwartet am Wegesrand gelegenen Campingplatz Halt gemacht, weil ich mit den Nerven am Ende war. Zuerst hatten damals meine Pedale Probleme bereitet, dann waren die Frontroller abgefallen. Ich bemerke aber keine nennenswerte Anspannung oder Abneigung in mir, als ich von Salen aus weiter Richtung Osten fahre. Das nächste Ziel ist Strontian in gut 16 Kilometer Entfernung. Dort gibt es einen Shop und ich werde Pause machen. Bald, so weiß ich, würde ich an dem Campingplatz vorbeikommen. Aber er kommt und kommt nicht. Ich wundere mich schon ein wenig, denn gefühlt habe ich damals vom Campingplatz bis zur Abzweigung in Salen nicht lange gebraucht. Gefühlt hatte ich aber auch nicht so viele kurze aber knackige Anstiege zu bewältigen gehabt. Okay – damals fuhr ich auch in Gegenrichtung. Vielleicht sind die Anstiege dort gemütlicher.

dsk
Einer der Anstiege auf meiner Strecke.

Irgendwann passiere ich den Campingplatz und winke ihm kurz zu. Ich erkenne die Zeltwiese, auf der mein Zelt stand. Die Brücke, an der ich abends telefoniert habe und über das Loch Sunart geschaut habe. Der Blick auf’s Loch Sunart und den Mond, der über dem Wasser und den Hügelns schwebte … ich merke, wie ich in meine Tour vom letzten Jahr hineinrutsche. Der Tag damals war unschön – aber ich möchte ihn nicht missen. Und auch nicht die anderen 30 Tage meiner 3000-Kilometer-Tour durch Schottland im letzten Jahr.

Aber jetzt ist es 2018 und ich bin auf dem Weg nach Strontian. gute 10 Kilometer trennen mich noch von der Pause. Unterwegs halte ich immer wieder Ausschau nach dem Streifen Rasen am Straßenrand, an dem ich anhielt, um meine Lowrider anzusziehen.

Dann erreiche ich Strontian. Falls der Name irgendwen an etwas erinnert – hier mein Beitrag aus dem letzten Jahr. Da habe ich mehr dazu geschrieben, was Strontian mit Strontium zu tun hat. Ich folge dem Küstenverlauf in die leichte Bucht hinein (die bei Flut wahrscheinlich überflutet ist) und erreiche den Shop, an den ich mich noch erinnern konnte. In meiner Erinnerung war er größer – aber immerhin gibt es Cola Light und ein paar Schoko-Riegel. Sandwiches wären nett. Aber die sind schon ausverkauft. In Ordnung. Kurz vor dem Ziel, in Ballachulish (so weiß ich) gibt es einen größeren Coop-Markt. Da werde ich noch Vorräte aufnehmen.

ich nähere mich nun dem Ende vom Loch Sunart. In Kürze habe ich zwei Möglichkeiten: ich kann direkt weiter nach Osten aufs Loch Linnhe zu. Oder ich mache einen „kurzen“ Abstecher, der mir etwa 15 Kilometer und einige hundert Höhenmeter bringt. Früher als Kind bin ich immer den Weg gefahren, der weiter vom Ziel wegführte. Heute fahre ich doch den direkten Weg. Ich sehe den Anstieg an der anderen Seite vom Loch Sunart und die Höhenmeter reizen mich im Moment nicht sonderlich. Aber immerhin muss ich auf dem direkten Weg auch ein paar Meter hoch.

Das östliche Ende vom Loch Sunart – 31 Kilometer vom Meer entfernt.

Dann erreiche ich das Ende. Vor mir öffnet sich der Einschnitt, den ich gleich durchfahren werde. Gemütlich fahre ich auf den nächsten 6 Kilometern 100 Meter hoch – das ist sehr gut machbar. ich spüre auch wenig davon, da mich der Rückenwind im Taleinschnitt ein wenig trägt. Während ich in das Tal hineinfahre, schaue ich die Berge hoch und denke mir, dass ich jetzt keinen Lust hätte, die steilen Wege, die dort hineingezogen wurden, zu fahren.

Muss auch nicht sein. Es sind Wege für die Holzfäller (so nehme ich an). Rechter Hand geht es zum Creach Bheinn hinauf, mit gut 2.800 Fuß noch kein Munro (als noch kein „richtiger“ Berg), linker Hand geht es zum Garbh Bheinn hinauf. Auch ihm fehlen noch gut 100 Fuß am Munro. Könnte da nicht mal jemand hinaufsteigen und auf der Spitze des Berges einen Hügel anhäufen?
Am Hang hinauf zum Garbh Bheinn stehen Holzfällermaschinen, die den Kahlschlag in Schottland fortführen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, aber da ich nicht weiß, wie die Aufforstungs-Strategien in Schottland aussehen, wage ich nicht, dies zu verurteilen.

Irgendwann erreiche ich den Höhepunkt der Straße. Ich ziehe meine Jacke zu und rolle bergab, hinunter zum Loch Linnhe. Dort biege ich gen Norden ab und folge der Küstenlinie. Mein Ziel ist die schmale Enge zwischen dem Loch Linnhe und dem Loch Linnhe. In Ardgour möchte ich die Fähre nehmen, die mich rüber nach Corran bringt. Die Fahrt an der Küste entlang ist vergleichsweise eintönig. Das Sea Loch Linnhe ist nicht unschön, aber hier auch nicht sonderlich spektakulär. Ab und zu bleibe ich stehen und werfe einen Blick auf die Berge, die mir gegenüber liegen.

Loch Linnhe, Blick nach Osten

Sie liegen im Nebel.
Auch kleinere Wasserfälle gibt es immer mal wieder, deren Wasser sich unter der Straße her in Richtung Loch Linnhe bewegen.

Nach 71 Tageskilometern habe ich schließlich Ardgour erreicht. Ich nehme die kleine Fähre und setze auf die andere Seite hinüber. Dabei habe ich einen schönen Blick über das Loch Linnhe in Richtung Fort William und dem Great Glen.

Auf dem Loch Linnhe

Auf der anderen Seite fühle ich mich schon fast am Ziel. Aber ein paar Kilometer entlang einer gut befahrenen, engen Straße habe ich noch. Die Straße führt von Fort William durch das Glen Coe nach Glasgow – von Fort William setzt sie sich nach Inverness fort und ich damit eine der zentralen Verbindungen in Schottland. Zum Glück gibt es einen Fuß- und Radweg. Sowas sieht man in Schottland selten. 😉

Die Straße führt am Ufer des Loch Linnhe entlang. Immer wieder kann ich kurz anhalten und ein paar Meter zum Ufer hinab gehen, um einen ruhigen Blick über das Wasser zu werfen. Von der Straße aus habe ich diesen ruhigen Blick kaum, da hier doch recht viele Autos, Busse und LKWs fahren. So stehe ich am Ufer und schaue hinüber zur Westküste vom Loch Linnhe, wo der Creach Bheinn im Nebel liegt.

Bei einer weiteren kurzen Pause telefoniere ich mit zu Hause mit Glasgow und tausche mich ein wenig mit Andrea aus. Sie steht kurz vor der ersten Probe mit Balagan (einer Pipe Band) vor den World Championship in Glasgow. Am Samstag tritt sie dort gemeinsam mit unserem heimischen Snare-Drummer Lukas und mit dieser Band an. Bis dahin bin ich auch wieder in Glasgow. Immerhin befinde ich mich schon auf dem Rückweg.

Da ich gerade stehe nutze ich die Zeit noch für einen kurzen Abstecher zur Kirche St. Brides, die mir hier schon mehrfach aufgefallen war.

Wenige hundert Meter später überquere ich die Ballachulish Bridge, die seit 1975 am Zusammenfluss vom Loch Leven und dem Loch Linnhe das Südufer mit dem Nordufer des Loch Leven verbindet. Damit machte sie die Fährverbindung an dieser Stelle überflüssig. (Ich würde auch eine Fähre nehmen, aber auf den gut 20 Kilometer langen Umweg ums Loch Leven, wie 2017, habe ich dieses Mal keine Lust.) Von der Brücke aus habe ich einen schönen Blick über das westliche Ende des Loch Leven. Mein Blick fällt wieder einmal (wie letztes Jahr) auf den Pap of Glencoe und den rechts davon liegenden Einstieg ins Glencoe. Im letzten Jahr war ich hier zügiger unterwegs, da ich auf Höhe von Fort William eine Radfahrerin aus der Schweiz getroffen hatte, mit der ich einige Kilometer zusammen zurückgelegt hatte. Dieses Jahr lasse ich mir etwas mehr Zeit und schaue auch mal in Ruhe übers Wasser.

Loch Leven von Westen aus mit dem Pap of Glencoe

Ich verlasse die Brücke und fahre gemütlich auf dem Radweg weiter gen Osten. Mein nächstes Etappenziel ist Ballachulish, dort will ich (wie schon erwähnt) am Coop Halt machen und einkaufen.

Radweg am Loch Leven auf dem Weg nach Ballachulish

Unweit der 1842 erbauten St. John’s Kirk halte ich noch einmal an und nutze den Stop für einen ruhigen Blick auf den Pickel von Glencoe, der von hier aus in seiner ganzen Schönheit zu sehen ist. Dann erreiche ich den kleinen Ort Ballachulish. Am Galgen dort hängt immer noch James Stewart of the Glen, der dort 1752 (obwohl unschuldig) wegen Mordes an Colin Roy Campell of Glenure hingerichtet wurde. Nein – natürlich hängt er dort nicht mehr. Allerdings heißt es, er wäre damals 18 Monate lang hängen gelassen worden, damit er als Abschreckung diene. Gut dass der Leichenduft sich nach 160 Jahren verzogen hat.

Pap of Glencoe

Wie geplant habe ich in Ballachulish noch eingekauft. Der Coop liegt etwas abseits der Straße zusammen mit einer öffentlichen Toilette und dem Touristen-Info des Ortes. Es gibt frische Nudeln, ein bisschen war zum Trinken, Papier-Küchentücher. Bei den Papier-Küchentüchern dreht sich mir immer ein wenig der Magen um, aber es ist eine einfache und effiziente Möglichkeit, morgens sein Zelt halbwegs trocken zu bekommen, ohne anschließend noch ein nasses Handtuch durch die Gegend zu fahren.

Drei Kilometer später erreiche ich mit dem Dorf Glencoe den Eingang zum geschichtsträchtigen, wunderschönen und cineastischen Tal. Ich biege von der Hauptstraße ab, komme noch am kleinen Dorfladen vorbei (der auch noch geöffnet ist) und erreiche schließlich nach nur 87 Kilometern und guten 6 Stunden reiner Fahrtzeit gegen 18:30 Uhr den RaedQuirrel-Campingplatz im Glencoe. Manche Traditionen muss man einfach aufrechterhalten, außerdem ist es ein schöner Campingplatz, daher bin ich gerne hier. ich wähle trotzdem wieder einmal nicht einen Platz unter den Bäumen am River Coe, sondern bleibe zentral am Eingang des Campingplatzes stehen. Das Zelt wird aufgebaut, ich dusche gemütlich, koche mir dann wieder einmal Nudeln mit Sauce und lasse den Abend beim Telefonieren und surfen ausklingen. Morgen geht es wieder einmal ins Glencoe hinein. Die Straße ist zwar nicht sonderlich breit und es gibt viel Verkehr, aber ich mag die Strecke durch dieses wunderschöne Tal hinauf zum Rannoch Moor. Aber auch wenn Schottland immer noch bei jedem Wetter schön ist, würde ich mir morgen für die Fahrt durchs Tal gutes Wetter wünschen. Zumindest besseres als im letzten Jahr.