Schottland 2018, Tag 2: Mull

Mull – die meist unterschätzte Insel Schottlands. Im letzten Jahr hatte ich nur einen Tag für die Insel für eine kurze Runde. Dieses Jahr habe ich … ähm … einen Tag. Für eine längere Runde. Angedacht war die Tour von Craignure an der Nordost-Küste aus bis Iona (etwa 50 Kilometer). Nachteil: von dort aus muss ich noch gut 25 Kilometer die Strecke zurückfahren und anschließend sollte es Richtung Westen gehen. gute 60 Kilometer waren es von dort aus noch bis zum Calgary Beach.

Was der Calgary Beach mit dem Calgary in Kanada zu tun hat (ja, er hat was mit ihm zu tun) schreibe ich später. Vorweg nehmen will ich, dass ich weder auf Iona war noch in Calgary zum Zelten angehalten habe. Warum? Dazu später mehr.

Im Trockenen baue ich mein Zelt ab, packe alles aufs Fahrrad (Außenzelt wieder wie so oft 2017 getrennt vom Innenzelt auf dem Rackpack festgezurrt), fahre anschließend zur Rezeption. Dort verabschiede ich mich und gebe den Hammer zurück, der mir am Vorabend vorsorglich geliehen wurde. Die Betreiberin des Campingplatzes war sehr fürsorglich.

Der Platz gefiel mir auch. Die Lage direkt am Ufer war wunderschön, für die Zelte gab es feste Standplätze mit einem kunstrasen-ähnlichen Untergrund, welcher von unten nahezu trocken blieb. Es gab ein Aufenthalts- und Küchenzelt. A propos Zelt: weite Teile der sanitären und sonstigen Einrichtungen waren in großen Zelten untergebracht. Sehr rustikal, es erinnerte mich an meine Zeltlagerzeiten als Kind.

(Foto von 2017)

Ich mache zuerst einen Abstecher zum Spar-Markt, fülle meine Vorräte und mein Wasser neu auf. Als ich losfahren möchte (im Regen) meldet mein Smartphone beim Einstöpseln des Ladekabels „Ladekabel feucht, Laden nicht möglich“. Ich fluche kurz, dann gehe ich in den Spar-Markt zurück. Es gibt passende usb-Kabel für mein Handy. Ich kaufe gleich zwei. Man weiß ja nie.

Dann ziehe ich die Regenjacke ins Gesicht (gut dass ich in Glasgow noch im Tiso war) und fahre los. Noch ist die Straße zweispurig – schon nach wenigen Minuten wird sie einspurig. Als ich an der Polizei von Craignur vorbeifahre sehe ich, wie ein Schulbus ein junges Mädchen einsammelt. Wahrscheinlich, so vermute ich, wird das Mädchen nun über die halbe Insel gekarrt um am Unterricht der einzigen Primary School auf Mull teilzunehmen. Weit gefehlt – auf meiner Tagestour fahre ich an mindestens 3 Primary Schools vorbei. Enorm bei guten 2800 Einwohnern auf Mull. Okay, dafür sind die Schulen entsprechend klein.

Schon bald nachdem die Straße zur Single Road wird, gebe ich auf. Nein, nicht mit dem Fahren. Aber mit dem „Ohne Regenhose fahren“. Ich schlüpfe in die Regenhose – sie trägt kaum auf, hindert nur wenig beim Fahren. Im Laufe der nächsten Tage beginne ich sie zu ignorieren. So sehr, dass ich am Donnerstag Nachmittag (ich werde dann ausnahmsweise mal Sonne haben) noch Kilometer bei strahlendem Himmel fahre, bevor ich die Hose wieder ausziehe.

Im diesigen Wetter verschwinden die Erhebungen im Nichts. Selbst die nahen jenseits der Bucht. Ich denke nicht, dass ich dieses Mal die Chance haben werde, den 966 Meter hohen Ben More (den ich auf derzeit beinahe umkreise) zu sehen zu bekommen.

Dafür heben sich wunderschön und geheminisvoll verfallene Hütten vom nebligen Hintergrund ab.

Auch die beiden wieder im Tal östlich von mir gelegenen kleinen Lochs wirken eher geheimnisvoll.

Zu Hause habe ich eine „neue“ Funktion bei komoot entdeckt. Neu ist sie nicht – nur für mich. Ich lege mir neuerdings Zwischenziele an. Das nächste Zwischenziel ist ungefähr auf der höchsten Stelle des langsamen Anstiegs, den ich gerade im Angriff habe. Daher weiß ich, als ich die Lochs entdecke, dass ich jetzt nur noch höchstens zwei Kilometer bis zur Spitze habe.

Schmunzelnd denke ich an die Worte von Alun von gestern Abend auf der Fähre zurück, der mir sagte „Mit dem Fahrrad musst du nicht viel Rücksicht auf die anderen Fahrzeuge nehmen und musst nicht ständig anhalten, um wen vorbeizulassen. Da bist du schnell in Iona.“ Au contraire – ich halte ständig an und lasse Autos vorbei. Meistens Autos, die mich überholen wollen. So kommt es, dass ich für die 20 Kilometer vom Campingplatz bis zur ersten größeren und höchsten Erhebung des Tages über 2 Stunden gefahren bin. Hinzu kommt die Pausenzeit. Ich bin also schlecht in der Zeit. Auch die Abfahrt runter zur Südküste, die nun vor mir liegt, hilft mir da nicht weiter. So schnell bin ich auch nicht. Im Kopf habe ich schon diverse „Plan B’s, C’s und D’s“ für diesen Tag entwickelt.

Was sicher ist. Iona erreiche ich heute nicht. Es war ein erklärtes Ziel auf Mull. Aber hin und zurück wären es gut 50 Kilometer. Bei Regen. Hinzu kommt die Überfahrt von Fionnphort. Natürlich auch der Aufenthalt auf der kleinen Insel. Iona ist seit der Bronzezeit besiedelt, seit anderthalb tausend Jahren steht dort die alte Abtei, heute als Ruine. Sie wird bestimmt nicht in den nächsten Jahren untergehen. Also – Iona ist gestrichen, obwohl ich kurz überlegt habe, die Strecke zu fahren und mit dem Bus zurück zu fahren. Aber nein. Später mal. Alternativen habe ich trotzdem noch viele.

  • Ich folge der Südküste, biege in der Mitte zur Nordküste nach Salen ab und folge dann der Nordküste nach Tobermory
  • Ich folge der Südküste, biege in der Mitte zur Nordküste nach Salen ab und folge dann der Nordküste nach Craignure (wie langweilig, das hatte ich schon).
  • Ich folge der Südküste bis nach Westen hin, erreiche Calgary Beach und übernachte dort nach 85 Kilometern. (Da wäre mein Stolz doch etwas zu groß für.)
  • Ich folge der Südküste bis nach Westen hin, erreiche Calgary Beach, fahre weiter bis Tobermory und übernachte im Hostel.
  • Ich folge der Südküste bis nach Westen hin, erreiche Calgary Beach, fahre weiter bis Tobermory, das Hostel ist ausgebucht und ich nehme die Fähre rüber nach Ardnamurchan. Dort liegen zwei Campingplätze an der Küste.

Möglichkeiten habe ich genug. Aber – keine davon sollte eintreffen.

Bei der Abzweigung nach Iona stelle ich mich erst einmal unter. Hier steht einsam und verlassen ein Bushaltestellen-Häuschen. Die Scheiben sind teilweise zerschlagen, aber mein Fahrrad und ich passen rein und stehen trocken. Nein – ich weiß nicht, warum mein Fahrrad unbedingt trocken stehen musste. Ich frage es beim mal, wenn wir die nächste Tour machen. 😉

Ich stärke mich ein wenig im Trockenen, dann fahre ich weiter. Eine ungewisse Anzahl an Kilometern, wahrscheinlich werden es ungefähr 80 sein, liegen vor mir. Ich folge der Straße gen Westen, die ich auch letztes Jahr gefahren bin. An einige Stellen kann ich mich erinnern. An andere erinnere ich mich, nachdem ich sie passiert habe. Wieder andere sehe ich, gefühlt, zum ersten Mal. Im letzten Jahr fragte mich jemand (ich glaube, es war Meike), wie man die Eindrücke auf einer 3000-Kilometer-Radtour verarbeitet. Gar nicht, muss ich im Nachhinein sagen. Das Gehirn ist von den vielen Eindrücken scheinbar überfordert und es filtert sehr stark. Highlights bleiben erhalten, aber die täglichen Kilometer und das, was am Wegesrand steht wird als „stand am Wegesrand“ abgelegt … und vergessen. Oft. Nicht immer. Selbst wenn ich mich nicht an Details erinnern kann. Es bleibt das vage Gefühlt von „Hier war ich schon einmal, schön dass ich wieder hier bin. Hier fühlt es sich gut an.“

So lege ich Kilometer um Kilometer zurück, fahre an Wasserfällen, weiten Landschaften und Meeresbuchten vorbei, die mir immer wieder vage vertraut erscheinen und mir zurufen zu scheinen „Hey, da bist du ja wieder.“

Schließlich erreiche ich, beinahe unbemerkt, die nächste Anhöhe und vor mir öffnet sich das Loch Na Keal. Dieses Loch ist eigentlich eher eine Bucht. Es bohrt sich fast 20 Kilometer weit in die Insel Mull hinein und teilt die Insel damit merklich in zwei Teile, den Ost -und den Westteil. Innerhalb der weit geöffneten Grenzen der Bucht liegen viele Inseln, von denen die bekannteste wohl Staffa, die Insel der Säulen, ist. Auch Staffa steht noch auf meiner „Diese Orte muss ich in Schottland noch sehen“-Liste. Aber mit dem Fahrrad komme ich dort nicht hin. Ich habe ja kein Tretboot. Auch Ulva liegt dort, die größte Insel im Loch Na Keal. Diese Insel wurde 2018 von den wenigen verbliebenen Einwohnern der Insel von ihrem letzten Besitzer abgekauft, um sie vorsichtig touristisch zu vermarkten. Auf Inch Kenneth, ebenfalls im Loch Na Keal gelegen, verbrachte eine britische Hitler-Vertraute ihre letzten Lebensjahre, nachdem ihr in München ein Selbstmordversuch misslungen war. Ich gebe zu, dass ich, als ich davon las, etwas irritiert war. Aber Faschismus findet man überall. (Wobei ich mich immer wundere, wenn Faschisten aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten. Das passt in meinen Augen irgendwie nie. Aber – wer versteht die schon. ich nicht.)

Wie so oft wird das Ufer eines Lochs von einer Straße gesäumt. Diese Straße führt wieder um das Loch herum statt mitten durch. (Nass wäre ich eh schon.) Ich folge also dem Lochufer und freue mich darüber, dass es zuerst noch abwärts geht und ich außerdem Rückwind habe. Kräftesparend geht es voran – mitten in einen Stau hinein.

Mir kommen zwei Kühe entgegen, die ganz gemütlich über die Straße trotten und die Autos hinten ihnen komplett ignorieren. Warum sie sich so viel Zeit lassen? Vielleicht nur, damit die Nachhut zu ihnen aufschließen kann, die mir nach weiteren 5 Minuten entgegen kommt.

Der Weg führt mich an der Küste entlang, unterhalb der steilen Abhänge.

Immer wieder sehe ich über mir im Hang Felsüberhänge, in denen bedrohliche Stücke fehlen. Mein Blick geht dann immer nach links und ich suche die Reste der Felsen, die nach ihrem Absturz vielleicht noch dort liegen könnten. Ungefähr wie von mir geplant biege ich gegen 13 Uhr einige Meter ins Landesinnere ab um kurz danach an der Abzweigung Salen (nach rechts) – Ulva (nach links) zu stehen. In Salen gibt es einen Shop, meine Versorgungslage ist aber noch gut und die Kilometer spare ich mir. Zum Glück – den noch liegt eine Herausforderung vor mir.

ich folge der Südküste weiter, das Loch Na Keal und die in ihm liegenden Inseln, speziell Eorsa, ständig im Blick. Also – soviel im Blick wie es bei dem grauen Wetter möglich ist. Die Strecke ist nicht unschön – aber es wird mir, wenn ich sie nochmal fahre, so gehen wie weiter oben beschrieben. Ob ich einzelne Stellen wieder erkenne? Ja, eine Stelle werde ich wieder erkennen:

😉 Okay, wollen wir mal nicht so sein. Aber hohe Geschwindigkeiten erreiche ich gerade eh nicht. Es liegt nicht am Wind, der kommt meistens von Süden und damit von der Seite. Meine Erklärung aktuell – es heißt immer, man müsse 3-4 Tage fahren, damit man sich an die Anstrengung gewöhnt. Ich bin erst anderthalb Tage unterwegs … und gleich auf der Königsstrecke. Die Steigungen hier sind küstentyisch meistens nur kurz, aber knackig. Das merke ich.

Schafe schauen mir beim Fahren zu und lachen mich aus. Oder Mähen. Ich bin mir da nicht so sicher.

Auf jeden Fall gibt es genug Hinweisschilder, die mich daran erinnern, das sich Rücksicht nehme. Auf die Schafe. Damit ich sie im Nebel sehe. Ich gebe mir Mühe.

Nach 10 anstrengenden Kilometern passiere ich ich Ulva, dort liegt ein Fähranleger. Wie oft dort eine Fähre anlegt – ich bin überfragt. Statt dessen konzentriere ich mich auf die Straße. Kurz hinter Ulva öffnet sich wieder eine Bucht. Sie ist zwischen der Insel Ulva und der Südküste eingequetscht, die Küstenstraße verläuft wieder ein gutes Stück oberhalb der Küste. Schon aus der Ferne sehe ich einen schönen Wasserfall die Küste hinab ins Meer stürzen. Bevor ich den Wasserfall sehe, muss ich aber noch einen Blick in die Bucht hinab werfe. Keine Sandbucht, aber schön gelegen.

500 Meter später höre ich das gurgeln des Wasserfalls. „Eas Fors Waterfall“ heißt er – auf Deutsch „Wasserfall Wasserfall Wasserfall“. „Eas“ ist gälisch, „Fors“ ist norwegisch und „Waterfall“ englisch. Passenderweise besteht der Wasserfall auch aus drei Wasserfällen. Nördlich der Straße stürzt das Wasser einige Meter in die Tiefe …

…und sammelt sich dann weniger Meter südlich der Straße in einem kleinen Bassin.

Am Ende des Bassins stürzt das Wasser abermals in die Tiefe, fließt noch ein paar Meter und überwindet dann die letzten 30 Meter hinab zur Küste in der letzten Stufe.

Die letzte Stufe, so eindrucksvoll sie ist, aber ich mir gespart. Touristen werden auch gewarnt, zu nah an den Abhang zu gehen.

ich bin jetzt fast sieben Stunden unterwegs, habe erst etwa 70 Kilometer zurückgelegt und hätte daher eh keine Lust, den Wasserfall hinabzuwandern. In Gedanken bin ich beim Abend. Campen am Calgary Beach (wie ich es mal geplant hatte), hatte ich schon verworfen. Nach dem nassen Tag wollte ich heute Abend eine Dusche haben und die Möglichkeit, meine Klamotten zu trocknen. In Tobermory, der Hafenstadt im Nord-Westen von Mull, gibt es ein kleines Hostel. Ab 17 Uhr kann ich dort anrufen – das werde ich tun. Vielleicht bekomme ich noch einen Platz. Vor mir liegt nun aber noch ein eher

anstrengender Teil der Strecke. Es geht nicht nur (wie die letzten 30 Kilometer) immer mal wieder etwas berghoch und bergrunter. Es geht „richtig“ berghoch. Steil und mit Unterschieden von 100 und mehr Metern. Manches Mal steige ich ab und schiebe meinen Packesel den Berg hinauf. Ein paar Mal komme ich dabei ein wenig ins Schleudern, wenn ich den Berg hinabrolle, um eine Kurve fahre und nicht so schnell schalten kann, wie es steil wieder hoch geht.

Am Straßenrand stehen mal wieder Tiere. Leider schaut mich keines der Tiere so nett an wie, der kleine im letzten Jahr, der mir minutenlang ins Gesicht glotzte und ein schönes Fotomotiv abgab.

Aber vielleicht könnte das Mutter- (oder Vater-)Tier lieber mich statt den kleinen Anschupsen. Ein wenig Unterstützung könnte ich derzeit gebrauchen. Hatte ich bisher die letzten Kilometer an der Küste lang die Insel Ulva im Blick, biege ich nun nach Norden ab und quere eine Landzunge. An der Küste entlang führt keine Straße – das ist auch nicht schlimm. Unangenehm ist nur, dass man, wenn man von der Küste Abstand nimmt, automatisch einen Berg hoch muss. Aber darüber hatte ich ja vor ein paar Minuten schon ausgeheult. Also – rein in die Pedale und schön langsam den Berg hoch. Dabei brauche ich immer etwas Zehenspitzengefühl, damit ich nicht zu früh aus den Klickpedalen rausgehe (ich will ja die Klick-Unterstützung nutzen), aber auch nicht zu spät (denn wenn ich zu langsam fahre und in den Pedalen stecke, falle ich hin.) Einmal überholt mich ein kleiner Transporter des „Local Community“ – ich wünsche mir kurz, dass die Fahrerin anhält und mich fragt, wo ich hinmöchte. Dann verfluche ich den Gedanken – ich bin schließlich hier, weil ich Fahrrad fahren möchte.

Am Ende des Anstiegs (laut komoot bei gut 220 Metern Höhe) liegt eine vergleichsweise flache Ebene vor mir. Das in der Nähe liegende Meer lässt erahnen, wie die Abfahrt runter zur Küste werden würde.

ich fange an zu rollen und werde immer schneller. Irgendwann kommt mir der Gedanke „Ist dein Zelt noch fest angebunden?“. Ich schaue nach hinten um nach dem Zelt zu gucken – und bereue es sofort. Denn prompt verliere ich bei der Abfahrt die Kontrolle über mein Fahrrad und „Blue Steel“ denkt sich „Och – was für ein schöner Seitenstreifen. Da ist es grün, da will ich hin.“ Dummerweise ist der Seitenstreifen etwas 30 cm tiefer als die Straße. Mein Rad poltert von der Straße runter, reflexartig drücke ich die Füße zur Seite, löse mich von den Pedalen, greife in die Bremsen und nutze den Höhenunterschied vom Graben zur Straße (vielleicht war er doch nicht so dumm) um mich mit dem rechten Fuß dort abzustützen. Ich stürze nicht – aber ein harter Schmerz zuckt mir durchs rechte Knie, als ich zum Stehen komme.

Nie wieder, schwöre ich mir, während ich mein Rad auf Schäden kontrolliere, werde ich beim Fahren nach hinten schauen. Zumindest nicht beim bergab fahren. Mein Rad hat im Gegensatz zu mir das spontane Manöver unbeschadet überstanden. Da ich schon einmal stehe, trinke ich einen Schluck und hebe mein Rad wieder auf die Straße. Zum Glück geht es noch weiter bergab – ich kann mein Knie also etwas schonen.

So rolle ich hinab zur kurzen Bucht, an deren Ende der Calgary Beach liegt – mein eigentliches heutiges Tagesziel. Oberhalb der Bucht fahre ich dahin und kann immer wieder einen kurzen Blick auf den Strand am Ende werfen. Steil fällt die Küste hier zum Meer hinab.

Das hindert die Schafe allerdings nicht, sich bis kurz vor die Kante vorzuwagen. (Haben Schafe eigentlich Höhenangst?)

Auf jeden Fall haben die Schafe hier etwas Angst vor Radfahrern. Wieder einmal. Dabei bin ich doch viel harmloser als ein Auto.

Schließlich, nach einem Kilometer an der Küste entlang, nähere ich mich dem Calgary Beach in den Blick. Der Strand soll ein „Lovely Spot“ sein und ein Insidertipp für Wildcamper.

Wie „Insider“ der Tipp ist, sehe ich, als ich an einer Wiese neben dem Beach entlangfahre.

Okay, das hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Ich dachte, man könne leicht oberhalb des Strandes am Ufer auf der Wiese campen und nicht auf einem extra festgelegten Bereich. Dafür gibt es sogar sanitäre Anlagen. Im Geiste gratuliere ich mir dazu, dass ich nicht am Calgary Beach übernachte. Ans Wildcampen habe ich andere Ansprüche. (Auf einem Campingplatz würde mich so ein Gedränge nicht stören.)

Ich folge der Straße und erreiche die Zufahrt zum Calgary Beach.

Der Strand ist schön gelegen. Wobei ich persönlich in Schottland schon Strände erlebt habe, die ich eindrucksvoller fand. (Zum Beispiel den Muschel-Strand im Norden von Skye oder Luskentyre Beach auf Harris.) Das mag vielleicht auch am Wetter liegen. Bei Sonnenschein ist der Strand sehr schön anzusehen. (Wenn ich den Bildern im Internet Glauben schenken darf.)

Aber was hat der Strand nun mit „Calgary“ in Kanada zu tun? Warum wurde der Strand nach der fernen Stadt benannt? Oder wurde er gar nicht nach der Stadt benannt und es ist nur Zufall, dass beide gleich heißen?
Im Jahr 1876 machte James MacLeod, ein kanadischer Mountie hier im Land seiner Vorfahren Urlaub. Er war mit seiner Arbeit in Kanada unzufrieden und brauchte eine Auszeit. Die fand er am Calgary Beach auf Mull. Er kam wieder zu Kräften und beschloss, eine ihm angebotene Aufgabe in Kanada zu übernehmen. Er übernahm die Leitung über das Fort Brisebois in Alberta, Kanada und benannte es um. Dabei schwelgte er in Erinnerung an diesen schönen, abgelegenen Ort auf Mull: das Fort wurde zu „Fort Calgary“ – und daraus entwickelte sich die heutige Millionenstadt „Calgary“.

Auch wenn mich der Strand (wegen des Wetters) nicht so begeistert hat, kann ich seine Beweggründe schon verstehen.

Gedankenversunken schiebe ich mein Fahrrad über den Parkplatz zurück zur Straße, als eine Frau aus einem Wohnmobil herauskommt und auf mich zu geht. „Hello, we have seen you coming down the hill. Do you want a cup of tea or coffee?“ Ich bin hin und her gerissen. Aufwärmen und trocknen im Wohnmobil wäre nicht so schlecht, eine Tasse Tee würde ich auch trinken. Aber eigentlich muss ich noch weiter. Die letzten 3 Hügel auf dem Bild weiter oben und gute 20 Kilometer liegen noch vor mir. Ich lehne daher dankend ab, freue mich trotzdem über das Angebot und meine Stimmung nach dem bisher recht anstrengenden, nassen Tag wird automatisch etwas besser. Daran ändert sich auch nichts, als ich wenige Minuten später (es ist inzwischen 17 Uhr) im Hostel in Tobermory anrufe und erfahre, dass kein Bett mehr frei ist. Also – Plan B: ich nehme die Ferry rüber nach Ardnamurchan und gehe dort auf einen Campingplatz. (Nein, die letzte Fähre fährt in einer Stunde, das ist nicht zu schaffen.) Plan C: ich lege eine Gewalttour die Küstenstraße herunter und fahre von Tobermory rüber nach Craignure zum Campingplatz zurück. (Wäre möglich.) Dann fällt mir ein, dass es oberhalb von Tobermory einen Campingplatz gibt. Ich hatte ihn letztes Jahr schon einmal eingeplant, allerdings dann aus irgendwelchen Gründen verworfen. Ich nutze meinen verwunderlicherweise recht guten Empfang beim Calgary Beach aus und rufe dort an. Ein Anrufbeantworter geht ran und ich trage mein Anliegen vor. Gut. Zeltplatz ist reserviert. Das sollte klappen – egal wann ich ankomme.

Entspannt trete ich nun wieder in die Pedale und folge der Straße vom Calgary Beach nach Derwich.

Gute sieben Kilometer später und nach Bewältigung einer nicht unmöglichen Steigung auf etwa 130 Meter Höhe (und der anschließenden Talfahrt) erreiche ich Derwich. Hier soll es irgendwo einen guten, kleinen Pub geben. So hatte es mir mein Begleiter auf der Überfahrt gestern Abend erzählt. Aber jetzt ein Bier? Nein, lieber nicht. Ich fahre lieber weiter zum Campingplatz und besuche heute Abend von dort aus noch Tobermory.

Der nächste Anstieg hat es wieder in sich. In Serpentinen führt die Straße von Derwich aus hinauf. Auf halber Höhe steht ein Schaf auf der Straße und geht auch nicht weg, als ein Auto ankommt. Es dauert einige Minuten, bis das Schaf die Straße freigegeben hat. Die Beifahrerin des Wagens spricht mich an, ob ich mich hier auskennen würde. (Ja, klar. Ich wohne in Derwich und unternehme ab und zu kleine Touren mit vollem Marschgepäck, weil es so viel Spaß macht. 😉 ) Sie macht sich Sorgen um das Schaf, da es humpelt, und will den Besitzer suchen. Leider kenne ich mich hier nicht aus. Die Insassen eines anderen Wagens, den sie anhalten, scheinen jedoch helfen zu können. Beruhigt fahre ich weiter und nehme die letzten 10 Kilometer in Angriff. Es geht berghoch, dann wieder bergab. In der leichten Senke, in der ich mich nun befinde, liegt rechter Hand das Loch Frisa, das längste Süßwasserloch Mulls. Eine schmale Single Road führt dorthin und am Ufer des Lochs weiter bis nach Salen. Es wäre eine schöne Alternative zur „Hauptstraße“ der Insel an der Nordküste. Aber ich will nicht nach Salen, sondern nach Tobermory – daher nehme ich den nächsten Anstieg in Angriff.

Der Tageskilometerzähler hat die 100 km überschritten, die Netto-Tagesreisezeit hat die 10 Stunden überschritten, die Höhenmeteranzeige hat 1000 Höhenmeter aufwärts überschritten – da erreiche ich die oberhalb von Tobermory gelegenen Lochs Carnain, Meadhoin und Peallach.

Ab jetzt geht es, leicht oberhalb der Löcher, nur noch bergab. Allerdings wundere ich mich. Das Gefälle ist kaum groß genug um im Rahmen der vorhandenen Kilometer die Küste zu erreichen. Eigentlich müsste ich weit oberhalb herauskommen. Ich schiebe den Gedanken aber zur Seite – Hauptsache ich komme am Campingplatz raus.

Das tue ich – und so erreiche ich nach 105 Kilometern und 10 1/2 Stunden reiner Fahrzeit (bzw. etwas über  12 Stunden Gesamtzeit) den rettenden Campingplatz. Ich werde schon erwartet und kann mir ein Fleckchen Erde aussuchen. Auf der Wiese am Flusslauf (vom Loch Peallach kommend) stehen einige Zelte, im weiteren Verlauf des Platzes steht viel „weiße Ware“. Neben der Zeltwiese steht eine kleine Schutzhütte mit Strom, einem Tisch, etc. Ein paar Meter weiter finde ich ein Hüttchen zum Geschirr waschen.

In aller Eile und im Trocknen baue ich mein Zelt auf. Anschließend hänge ich meine nassen Klamotten auf den Wäscheleinen in dem Küchen-Hüttchen auf und gehe duschen. Zwischendurch unterhalte ich mich noch mit einem Holländer, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist. Er kam heute von Iona, hat dann aber die Strecke über Salen in Richtung Campingplatz genommen. Er klagt über den steilen Anstieg in Tobermory – und langsam dämmert es mir, warum ich mich hier (3 Kilometer vor der Küste) noch bei gut 170 Metern Höhe befinde.

Nach dem Duschen fühle ich mich besser. Dabei habe ich unter Zeitdruck geduscht, weil es gefühlt auf dem Campingplatz nur eine Dusche gab. (Es gab bestimmt noch ein Duschhaus, von dem ich nichts weiß.) Es ist 20 Uhr durch, ich überlege, ob ich mir schon was zum Essen kochen will (ich habe noch Nudeln), aber dann beschließe ich, einmal nach Tobermory zu wandern. So gehe ich schließlich fröhlich über die Landstraße nach Tobermory hinab. Langsam hinab. Die Steigung will und will nicht ansteigen – bis ich schon in Tobermory bin. Dort, zwischen der Küstenstraße und der nächsten Parallelstraße, geht es steil den Berg hinab.

Ich gratuliere mich zu dem Gedanken, nicht durch Tobermory zum Campingplatz gefahren zu sein und frage mich, wie ich am nächsten Tag auch nach dem Berg noch funktionstüchtige Bremsen haben soll. Im Hafen schaue ich mich um.  Tobermory ist ein kleines, gemütliches Küstenörtchen mit einem Coop-Markt und einer Fish ’n‘ Chips-Bude. Ich gehe erst einkaufen, will dann noch eine Portion Fish ’n‘ Chips – und bekomme gesagt „Sorry, we are closing“. Okay, dann also doch Nudeln mit Sauce auf dem Campingplatz. Prioritäten falsch gesetzt. Der Coop hätte bis 22 Uhr offen gehabt. (Warum???, frage ich mich.)

Mühsam schleppe ich mich und meine Einkäufe nun wieder den Berg hinauf Richtung Ortsausgang, dabei halte ich krampfhaft Ausschau nach einer orangfarbenen Katze. Besondern genau schaue ich auf jedes Autodach. Würde ich „Tobermory Cat“ finden? Wer „Tobermory Cat“ nicht kennt – hier ist sie. Den Film habe aber leider nicht ich aufgenommen. Vielleicht hatte ich das falsche Fahrzeug dabei, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Tobermory Cat“ ist eine halbfiktionale Facebook-Figur. Eigentlich sind es 3 Katzen, die dem Besitzer der örtlichen Destillerie gehören. Vor einigen Jahren wurden sie als „Tobermory-Cat“ berühmt. Die eigentliche Tobermory-Cat (namens Tobermory) kam allerdings schon vor einiger Zeit ums Leben. Leider.

Irgendwann komme ich im Dunkel wieder am Campingplatz an. Der Weg dahin führte mich über eine der üblichen schmalen Straßen ohne Fußweg – passiert ist mir allerdings nichts. Am Campingplatz beschließe ich spontan, mir doch noch einen Topf Nudeln zu machen. Der Gaskocher rauscht über den Campingplatz, während ich im Zelteingang sitze und vor mich hinkoche. Gestört habe ich aber scheinbar niemand – zumindest hat sich niemand beschwert.

So geht der 2. Tag der Tour zu Ende – ein Tag voller Umplanungen und spontaner Entscheidungen. Eigentlich ist das so gar nicht meins – aber ich konnte damit leben. Außerdem ein harter, nasser Tag – auch nicht so meins. Aber auch damit konnte ich leben. Rückblickend war es wieder ein schöner Tag und eigentlich habe ich die Südküste von Mull auch genossen. Und auch den Gedanke, dass ich nur 30 Kilometer von meinem Ausgangspunkt entfernt bin, finde ich nicht albern.

Morgen soll es „früh“ um 9 Uhr zur Ferry nach Tobermory gehen und von dort rüber nach Ardnamurchan. Das Ziel des Tages scheint weit weg zu sein – aber es ist gut erreichbar: der Red Squirrel Campsite am Eingang zum Glen Coe. Bekannt schon aus dem letzten Jahr. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit dem Campingplatz.