Tag 5: Strathye – Loch Tummel

Der Tag beginnt mit einer Korrektur des Beitrags vom

Blinder Passagier von Stirling nach Strathye

Vortag. Ich habe den Tausenfüßler nicht am Abend gefunden sondern am Morgen und es war auch kein Tausendfüßler, sondern ein Käfer.

Ich finde ihn beim Zusammenlegen des Zeltes, welches ich wieder einmal in Innen- und Außenzelt trennen muss. Warum? Es war wieder eine eher feuchte Nacht. Regen, relativ stürmisch. Geschlafen habe ich trotzdem gut.

Der „Katastrophen-Tag“ (ich muss schon verwöhnt sein, wenn der Freitag zwischen Edinburgh und Stirling für mich ein „Katastophen-Tag“ war – aber bisher ist mir auf meinen Touren noch nie eine Panne passiert) liegt inzwischen hinter mir und ich starte trotz des Wetters der Nacht gut gelaunt in den Tag. Aktuell ist es auch trocken. (Und es sollte den ganzen Tag über trocken bleiben. Die Temperaturen steigen. Ich tausche im Laufe des Tages noch meine lange Hose gegen meine kurze Hose aus.)

Erst einmal fahre ich aber los. Im Wlan an der Rezeption aktualisiere ich noch kurz die Route des Tages und checke die angepeilten Campingplätze. Mein Ziel heute ist Pitlochry. Dort, etwa 3 Kilometer hinter Pitlochry, liegt ein gut ausgestatteter Campingplatz mit Restaurant/Bar, Schwimmbad, mehreren Dusch-/Waschhäusern. Einziger Nachteil (aber eigentlich ist es auch witzig, und als Grundschulleiter möchte ich mich darüber auch nicht beschweren) : es ist ein Familiencampingplatz. Familien kommen dort für mehrere Tage hin, bauen ganze Zeltstädte auf, die Kinder fahren mit Rollern durch die Gegend und Frauen und Kinder tragen diese komischen, Tieren nachempfundenen Ganzkörper-Schlafanzüge. Als Radfahrer mit einem kleinen Zelt sollte ich dort ein Kontrapunkt sein. Aber ich freue mich drauf. Auch auf das frisch gezapfte Bier am Abend. Aufgrund meiner Erfahrungen des Tages bin ich versucht, den Namen des Campingplatzes nicht zu verlinken. Aber ich mag ihn: es ist der Faskally Caravan Park.

Campingplatz in Strathye mit dem Ben Ledi im Hintergrund

Ich werfe noch einmal einen Blick auf den (mit viel weißer Ware ausgestatteten) Campingplatz. Das Loch Lubnaig sehe ich nicht, aber im Hintergrund thront der Benvane mit seinen gut 800 Meter Höhe. Irgendwo dahinter ist der auch 879-Meter-Hügel Ben Ledi  zu finden. Östlich von mir, im Foto nicht zu sehen, erhebt sich der Stuc a‘ Chroin mit seinen gut 975 Metern Höhe . Nachdem ich gestern beinahe unmerklich von den Lowlands in die Highlands gewechselt habe, fällt es mir heute morgen eher auf: ich bin jetzt in den Highlands – da wo ich hinwollte.

Nun möchte ich noch kurz der tätowierten Bedienung von gestern Abend „Goodbye“ und „Thank you“ sagen – aber heute bedient eine ältere Frau. „Good-Bye.“ Ich fahre los. Nach nicht einmal einem Kilometer mache ich die erste Pause. Strathye hat einen kleinen Laden. ich kaufe mir Cola Light (wie immer), Sandwiches (wie immer) und RasperryBorderCookies – die ersten auf dieser Tour. Lecker. Und die Kalorieren fahre ich sicher wieder ab.

A propos „Kalorien“: ein Begleiter auf meiner Tour ist die Garmin Vivosmart HR. Ich versuche seit über einem Jahr meinen durchschnittlichen Kalorienverbrauch zu steigern und Gewicht zu verlieren – bisher mit eher wenig Erfolg. Aber beim Fahrradfahren geht es meistens. Laut Vivosmart verbrauche ich bei einer durchschnittlichen Tagesetappe (ca. 100 Kilometer) etwa 4.500 Kalorien. Andrea meint, wenn das so wäre, würde ich vom Fahrrad kippen. Mag sein. Wahrscheinlich ist es auch weniger. Aber es ist eine kleine zusätzliche  Motivation zum Radfahren. Die eigentliche Motivation liegt aber in der Umgebung beim Fahren – und davon habe ich heute auch wieder genug.

Kurz nach der Unterbrechung fahre ich schon wieder am Garbh Uisge lang. Dem Fluss von gestern. Komischerweise heißt er hier, nördlich vom Loch Lubnaig, jetzt „River Balvag„. Auch gut. Jeder so, wie er mag. Hauptsache River. 😉

Schon nach 3 Kilometern verlässt mich der River Balvag wieder. Der Flußlauf biegt nach Westen ab (okay, in Fließrichtung kommt er von Westen auf mich zu) in Richtung Balquidder und dem Loch Voil. Wem der Name  „Balquhidder“ etwas sagen sollte: dort lebte und starb Robert Roy MacGregor, besser bekannt als Rob Roy. Ich bin kurz versucht, einen Abstecher nach Westen zu machen. Da ich aber nicht weiß, was mich noch alles am heutigen Tag erwartet, scheue ich vor dem 10-Kilometer-Abstecher zurück. Ein Blick auf Loch Voil und ein Besuch des Grabs von Rob Roy hätte mich belohnt. Aber ich kann mit der Entscheidung leben.

Die nächste Entscheidung die ich treffen muss: bleibe ich die nächsten Kilometer auf der NCN7 (und nehme noch ca. 30 Höhenmeter und laut komoot einen steileren Anstieg in Kauf) oder wechsele ich auf die Hauptstraße. Ich studiere die Höhenlinien in meiner Navi und entscheide mich für die NCR7. Wird schon klappen. Notfalls schiebe ich. Das mache ich auch für einige Meter, denn der schmale Weg windet sich über ca. 600 Meter in Serpentinen den Berg hinauf. Oben angekommen denke ich mit bei einem weiten Blick über das Loch Earn „Gute Entscheidung.“ Unter mir liegt das langgestreckte durch Gletscher in der Eiszeit entstandene Loch Earn. Am Kopf des Lochs im Westen liegt passenderweise „Lochearnhead“ – ich finde die selbstbeschreibenden Namen der schottischen Orte immer wieder schön.

Loch Earn

Wenige Meter hinter der Aussicht treffe ich einen Wanderer. Wir begrüßen uns auf Englisch, wechseln die ersten paar Sätze und schauen uns irritiert an. Er ist der erste, der dann mit den Worten „Ich denke mal, wir können Deutsch reden“ auf Deutsch weiterspricht. 😉 Er ist für eine Woche zu Fuß in den Trossarchs  und am Loch Lomond unterwegs. So wie ich es einschätzen kann, ist das eine  schöne Wanderstrecke. Merke ich mir mal für später. (Wobei: Andrea möchte bestimmt lieber auf Skye wandern. Oder den West Highland Way. Letzteren möchte ich aber nicht mehr wandern, nachdem gegen Ende meiner Schottland-Tour meine Navi meinen sollte, dass ich doch den West Highland Way mit dem Fahrrad befahren könne. Aber zurück zum heutigen Tag.) Gestern war der Wanderer schon einmal in Lochearnhead. Hier waren Highland Games. Er schwärmte mir vom Klang der Pipeband vor und meinte, ich müsse das unbedingt mal hören. Ja. Muss ich. Notfalls nach der Tour bei einer Bandprobe. 😉

Auch wenn der Satz inzwischen abgenutzt klingt: ich fahre weiter. 😉 Um mich herum erheben sich die Berge inkl. des ein oder anderen Munros, unterhalb von mir schlängelt sich die Autostraße dahin. Ich fahre weiter entlang der inzwischen abgebauten Bahnlinie von Callander nach Oban.

Als ich mich diesem Mini-Viadukt nähere, wird mir die Bahnlinie wieder bewusst. Außerdem schießen mir zwei Gedanken durch den Kopf. Erstens: was die am Bau der damaligen Trasse beteiligten Arbeiter sagen würden, wenn sie wüssten, dass hier heute Fahrräder fahren und Wanderer wandern. Zweitens: ich muss an Altenbeken denken. 

Auf Höhe des Lochan Lairig Cheile, einem kleinen Süßwasserloch, biege ich nach rechts ab, überquere die Hauptstraße und verlasse die Bahntrasse. Mein Weg führt mich noch einen Kilometer weiter bis zum geografischen Höhepunkt meiner heutigen Route. Bei ca. 350 Metern Höhe bin ich nun oben – ab jetzt geht es bergab.

Dort, in 350 Metern Höhe, frühstücke ich. Ein kleiner Parkplatz erwartet mich, auf einer Bank sitzt eine kleine Gruppe Motorradfahrer, die mitleidig zu mir rüber schauen. Daneben steht eine kleine rollende Bude, wie ich sie schon von der Carter-Bar sehe. Anhalten und einen Burger und eine Coke Light bestellen ist quasi eins.

Die Bedienung der „Bar“ kommt mit mir ins Gespräch. „Wo kommst du her?“ „Wo bist du gestartet?“ „Wo fährst du hin?“ „Warum machst du das?“ Die wohl häufigste Frage meiner Tour „Was hast du da für komische Dinger in den Felgen?“ fragte sie nicht. Stattdessen gab sie mir den Tipp, mich am Loch Tay auf jeden Fall am südlichen Ufer zu halten. (Hatte komoot mir seiner Empfehlung scheinbar recht gehabt.)

Ich beende mein Frühstück, wechsele noch ein paar Worte mit den Motorradfahrern und fahre los. Voller Vorfreude auf die Schussfahrt ins Tal. Auf den nächsten 2 Kilometern sollte es gut 100 Meter runter gehen. Bis nach Killin (in 4 Kiometern Entfernung) sind es etwa 150 Meter. Das hört sich gut an. Füße auklinken, Hände ans Lenkrad, die Bremsen locker umgreifen. Und —– abrupt an die Bremshebel greifen. Der Bodenbelag (Kiesel, Geröll, Waldweg) eignet sich in keinster Weise für eine Schussfahrt. Also geht es murrend vergleichsweise langsam den Berg hinab. Ohne Gepäck hätte ich vielleicht nicht die Geschwindigkeit verringert. Aber gut x Kilo Gepäck beeinflussen doch ganz marginal das Fahrverhalten.

Irgendwann komme ich dann doch in Killin an. Bevor ich auf die Falls des River Dochart aufmerksam werde, zieht mein Handy am Lenkrad meine Aufmerksamkeit auf sich. Es vibriert in einer Tour – denn endlich bin ich wieder in der „Mobilfunk-Zivilisation“. Seit Callander gestern nachmittag hatte ich nicht mehr so guten Empfang. „Bling“, „Bling“, „Bling“, kommen die Nachrichten rein. Facebook quillt praktisch über vor Rückmeldungen.

Ich bin kurzzeitig …. gerührt. Im letzten Jahr hatte ich mal geschrieben, dass die Rückmeldungen via Facebook motivierend wirken und man den inneren Schweinehund besiegt und nicht abbricht. Abbrechen würde ich hier eh nicht (Stirling hatte ich inzwischen vergessen), aber die Rückmeldungen wirken dennoch mehr als motivierend.

Killin erinnert mich dem Namen nach schon wieder an „Herr der Ringe“. Es ist ein kleines Dörfchen, welches besonders durch die Falls of Dorchart bekannt ist. Mir haben die Falls nicht so gut gefallen. Ich kenne beeindruckendere. Aber nett waren sie schon. Wer hier vorbeikommt, sollte auf jeden Fall Halt machen und von der Brücke herab oder von den Felsen am Ufer in die Falls schauen. Außerdem ist Killin aus einen alten Hitchcook-Film bekannt, den ich nicht kenne. (Getreu dem Spruch meines Vater „Ich guck so lange Hitchecook, bis dass ich im Kitchen hock!“ habe ich bisher kaum alte Hitchcook-Filme geschaut. Vielleicht such ich mal nach dem Film „Die 39 Stufen“, der zu einem Großteil in Killin spielt. (Wer den Film mal sehen möchte, hier ist er. Bei 27 Minuten sieht man übrigens auch die Forth-Bridge.)

Weiter gehts‘. Am Ortsausgang helfe ich noch einem Radfahrer, der sich scheinbar mir wenig Gepäck und ohne Karte auf einer Überland-Rundtour befindet. Im Nachhinein befürchte ich, dass ich ihm den falschen  Weg beschrieben habe. Tut mir leid – aber wer fährt schon ohne Navi oder zumindest Karte Fahrrad. *schulterzuck*

Ich folge nun dem Südufer des Loch Tay, dem sechstgrößten See Schottlands. Es ist das erste wirklich große Loch auf dieser Reise, dem ich mich praktisch auf Tuchfühlung nähere. Und (das zeichnet sich im weiteren Verlauf der Reise ab) ich bin nicht nur in Bezug auf „Falls“ sehr begeisterungsfähig – auch „Lochs“ reizen mich. Ständig bleibe ich stehen, um einen Blick über den langgestreckten See (ich folge ihm für ungefähr 23 Kilometer) zu werfen oder um mich von den leichten Hügeln an der Südseite zu erholen. Ab und zu treffe ich auf kleinere Siedlungen. Außerdem treffe ich auf die ersten schottischen Schafe. Eines ist ganz mutig (oder es hat sich verlaufen?). Es steht diesseits des Weidezauns und glotzt mich komisch an. Ja, ich bin ein Mensch. Ja, das Gerät ist komisch. Nein, ich brauche es nicht zum Leben. Nein, es sind keine Beine. Man nennt es Fahrrad. Nein, ich bin nicht in deiner Weide eingedrungen. Ja. du bist außerhalb deiner Weide. *kopfschüttel* Schafe halt.

Ich bin immer noch am Loch Tay. 23 Kilometer. Wenn man mal von der schönen Aussicht nach etwa der Hälfte der Strecke (vorher waren mir Bäume im Weg, da war die britische Schiffsbau-Industrie scheinbar nicht fleißig genug) und den Schafen absieht, war die Strecke eher eintönig. Speziell im Vergleich zu den Trossarchs der letzten anderthalb Tagen. (In Killin hatte ich die Trossarchs verlassen.)

Irgendwann (ich kann keine genaueren Details mehr nennen, aber ich glaube, es lag noch eine Abfahrt von einem Hügel an) erreiche ich Kenmore. Der Ort ist mir sympathisch. Erst nach einigem grübeln überlege ich mir, dass der Ort bestimmt nicht nach „Ken“ aus „Captain Future“ benannt ist. Es gibt aber nochmal einen schönen flachen Blick über das Loch Tay.

Ich umkreise am Ufer die Halbinsel mit der alten Kirche (ich denke, sie ist wie der Rest des durchgeplanten Ortes aus dem 18. Jahrhundert) und stoße wenige Meter südlich der „Brücke am Tay“ (Nein, es ist wieder nicht DIE Brücke am Tay) wieder auf die Hauptstraße Richtung Aberfeldy. Ich folge ihr aber nicht in südliche Richtung, da bin ich auch gerade hergekommen, sondern überquere den Tay (mache ein paar Fotos von der Brücke am Tay und werfe einen Blick auf das Kenmore-Hotel aus dem 16. Jahrhundert) und biege schließlich am Ortsausgang nach Osten ab um der Nebenstrecke nach Aberfeldy zu folgen. Hätte ich in Kenmore übernachtet, hätte ich mir vielleicht das Kenmore-Hotel gegönnt. Trotz Preisen von 60 Pfund bis weit hoch in den dreistelligen Bereich. Aber eine Nacht im ältesten noch betriebenen Hotel in den UKs wäre es wert gewesen. Aber es ist noch vergleichsweise früh und ich habe erst die Hälfte meines Weges hinter mir.

Mein nächster Halt sollte in Aberfeldy sein. Den Ort erreiche ich auch über die Nebenstrecke. Vorher halte ich aber kurz für einige Fotos an einem alten,  verfallenen Haus. Dem Turm nach zu urteilen war es ein Haus mit einem Turm. Ähm. 😉

 

 

Hinter einer Kurve kommt Castle Menzies in Sicht. Ein beinahe unscheinbarer 5-geschossiger Bau aus dem 16. Jahrhundert.Beim Vorbeifahren denke ich mir, wie klein die Welt doch ist. Zum Clan Menzies, der hier seinen Stammsitz hat, gehört ein Bekannter von mir aus einer befreundeten Pipeband. Man könnte das Castle auch besichtigen, aber die noch ausstehenden Kilometer und der Gedanke an das Schwimmbad und den Pub auf dem Campingplatz treiben mich an und nach Aberfeldy rein. Dort mache ich allerdings eine kurze Essenspause und suche die alte Wassermühle. Ich finde sie aber nicht. Vielleicht hätte ich auch nach einem Buchladen Ausschau halten sollen. Dann hätte ich sie gefunden. Macht aber nichts.

Ich fahre weiter und führe von unterwegs ein paar Telefonate. Zuerst rufe ich bei ScotRail an, um für den nächsten Tag einen Fahrradplatz zwischen Rannoch Station und Spear Bridge im Zug zu reservieren. Nein, ich bin nicht plötzlich faul geworden. Aber von Rannoch Station aus führt morgen kein (Rad-)Weg weiter. Zurückfahren ist auch doof. Also nehme ich die Bahn. Als letztes rufe ich bei einem Campingplatz am Loch Tummel an und frage nach einem Platz für den Abend und wann ich ankommen muss. Campingplatz am Loch Tummel? Wollte ich nicht eigentlich beim Faskally Campsite halten? Ja – aber da kam ich nicht unter. In der Hochsaison hätte ich drei Tage bleiben müssen. Ähm, nein. Das wollte ich nicht.

Mein Ziel war also nun „Loch Tummel“. Oberhalb des Campingplatzes liegt der „Queens View“, ein Aussichtspunkt über den See. „Queens View“, weil es angeblich der Lieblingsaussichts-Platz von Queen Victoria war. Und wieder einmal sollte sich bewahrheiten, was meine Mutter immer sagt: „Wer weiß, wofür es gut ist.“ Aber dazu wieder spät. Noch war ich nicht am Queens View angekommen.

Bevor ich weiterfahre ziehe ich mich noch um. Die Temperaturen steigen, ungewöhnlich für Schottland. Sie liegen aktuell knapp jenseits der 20 Grad. Ich schicke eine entsprechende Whatsapp-Nachricht nach Deutschland und ernte wütende Kommentare. In Deutschland ist gerade unsommerliches Wetter mit Temperaturen um 15 Grad eingebrochen. Ich beschließe, dass gute Wetter zu genießen – wer weiß, wie lang es anhält.

Die Strecke zog sich nun ein wenig. Ich fuhr weiter gen Osten immer in Sichtweite des Tays lang, um schließlich, nach etwa 18 Kilometern, nach Norden auf Pitlochry zu abzubiegen. Dort hielt ich mich parallel der Hauptsraße, die Edinburgh mit Inverness verbindet. Ich war froh, dass mich mein Weg nicht auf die Straße führte. (Ich glaube, ich hätte dort auch gar nicht fahren dürfen. Muss ich mal nachschauen.) Die Straße zählt zu den schottischen Unfallschwerpunkten. Gut ausgebaut zieht sie sich elendig lange hin und lädt dazu ein, etwas unaufmerksam zu werden. Ich fahre lieber auf der Westseite des River Tummel neben ihr her.

Nach 85 Kilometern erreiche ich Pitlochry. Hier war ich schon einige Male. Es ist ein nicht zu großer Ort mit einer sehr touristisch angehauchten Infrastruktur. Bagpackers, Hotels, der große Campingplatz, Restaurants, Geschäfte des täglichen und des touristischen Bedarfs. Reges Leben tummelt sich am Rand der Hauptstraße und macht mich beinahe nervös. Dabei ist es noch nicht einmal anderthalb Tage her, dass ich den Trubel in Stirling verlassen habe.

Pitlochry, am durch einen Staudamm künstlich angelegten Loch Faskally, verdankt seine Existenz dem Jakobiter-Aufstand von 1715, bei den Bemühungen, die ländlichen Gebiete Schottlands (militärisch) zu erschließen. Heute ist unter anderem wegen des Loch Faskally und der langen Fischtreppe am Staudamm berühmt. (Ich frage mich bei den Fischtreppen immer wieder, ob man dort unter Wasser Hinweisschilder für die Fische aufstellt, damit sie sie finden und nicht vorm Staudamm verhungern. Keine Ahnung. Aber die Fische scheinen die Fischtreppen irgendwie zu finden.)

Bei meinem ersten Besuch in Pitlochry 2012 (?) mit dem Auto fuhren wir die Hauptstraße am südlichen Ortseingang lang. Da hörten wir Pipe-Musik in der Nähe des Arcaseid-Hotels. Wir hatten eine Ahnung, wen wir dort treffen würden. Und wirklich: vor dem Hotel spielten sich Pride of Scotland Pipes and Drums aus Schwaney ein.

Heute höre ich keine Pipemusik. Ich mache wieder kurz Pause und fahrr dann weiter. Als ich wenige Minuten später die Fascally-Campsite passiere, überlege ich kurz, ob ich doch anhalte. Wenn ich persönlich vorspreche und dem Chef „Hallo“ sage, kann ich vielleicht doch bleiben. Aber nein. Jetzt erst recht nicht.

Ich biege wieder nach Westen ab und werfe von einer Brücke herab einen kurzen Blick auf der River Gary. Gut dass hier eine Brücke ist. Ansonsten hätte ich, wie damals der Soldat bei Killiecrankie, mit einem Sprung den Fluss überqueren müssen. Hm, lieber nicht. Den Sprung hätte ich vielleicht geschafft. Aber vorher hätte ich mein Fahrrad mitsamt Gepäck über den Fluss werfen müssen. Besser nicht.

Gute 8 Kilometer über eine relativ schmale Straße liegen noch vor mir. Es ist dicht bewaldet und wirkt ein wenig, als ob ich südlich des Edersees entlang fahre. Einen See sehe ich zwar derzeit nicht. Aber das ist beim Edersee auch nie der Fall. 😉

Schließlich kommen durch die Bäume die östlichen Ausläufer vom Loch Tummel in Sicht. Und bald erreiche ich auch Queens View. Die Aussicht ist enorm. Praktischerweise bewölkt sich der Himmel gerade und im Westen nähert sich die Sonne langsam dem Sonnenuntergang. Das Licht der Sonne strahlt dabei durch die Wolkenlücken am Westende des Lochs und verzaubert das Bild. Ich beginne zu schwärmen und schieße viele Fotos. Und ich stehe am Geländer des Aussichtspunktes, halte mein Rad in der Hand und freue mich über diesen Ausblick. Minutenlang verharre ich, bis mein Blick irgendwann auf den unter mir gelegenen Campingplatz fällt und ich daran denke, dass ich noch mein Zelt aufschlagen wollte. Ich setze mich wieder aufs Fahrrad und rolle den Berg zum Platz hinab.

Der Campingplatz ist sehr rudimentär. Toiletten und Duschen befinden sich in Containerbauten, es gibt kein Wlan, keinen Shop. Aber dafür einen Platz nur wenige Meter vom Ufer des Lochs entfernt. Dort baue ich halbschräg mein Zelt auf, koche mir ein paar Macaronis und telefoniere anschließend noch sehr lange mit Andrea. Auch wenn das Internet hier lahmt – Handy-Empfang habe ich wenigstens.

Zurück im Zelt lasse ich den Tag Revue passieren. Erst 2 Tage ist es her, dass ich im Motivationstief in der Nähe von Stirling lag und kurz davor war, abzubrechen. Der Tag heute hat meine Motivation wieder gesteigert. Es geht mir wieder besser und die Tour macht wieder richtig Spaß. Dann schlafe ich ein.


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