Tag 4: Stirling – Strathye

Ich schlafe vergleichsweise lange. Der Fahrradladen macht erst um 9:30 Uhr auf und ich muss mein Zelt nicht abbauen. Ich habe also Zeit.

Außerdem liegt mir der gestrige Tag noch in den Knochen. Mit einer komischen Mischung aus Motivation und Demotivation stehe ich auf. Ich habe zwar mehrere Ideen, wie sich der Tag heute entwickeln könnte, aber ich weiß es noch nicht. Habe ich Chancen, die Frontroller wieder anzubringen? Wie lange dauert die Reparatur, wenn sie denn möglich ist? Lohnt es sich anschließend noch weiterzufahren oder bleibe ich noch eine Nacht in Stirling? Sollte ich nicht vielleicht sowieso noch eine Nacht bleiben?

Ich fahre mit dem Fahrrad nach Stirling rein. Dabei passiere ich das Wallace-Monument in relativer Nähe …

… und erreiche schließlich die Innenstadt von Stirling. Sie ist mir nicht ganz unbekannt. Auch in Stirling habe ich mit dem Auto schon mehrmals gehalten, wenn ich in Schottland war. Den Fahrradladen habe ich bisher aber noch nicht besucht. Velocity44 heißt er. Ich frage mich, ob der Name auf „City“ betont werden muss oder auf dem „lo“. Das ist aber im Grunde genommen auch egal. Der Laden ist gut ausgestattet, scheint sich primär an Rennradfahrer zu richten und hat demnach sehr viele, sehr spezielle Rennräder.

Ich schildere dem Inhaber mein Problem, er lässt sich mein Fahrrad zeigen und beginnt zu Grübeln. „Well“, sagt er und präsentiert mir eine Lösung. Ich solle noch ein paar der Schellen holen (dafür beschreibt er mir den Weg zu einem passenden Laden) und dann würde sein Mitarbeiter die passenden Löcher in diese Schellen bohren. Er würde gleich mit anfangen, wenn ich sie bringen würde.

Die Schellen zu besorgen ist nicht schwierig, auch wenn ich im beginnenden Regen erst nach dem Geschäft suchen muss. Ich bringe die Schellen zurück und wir gehen zusammen in die Werkstatt. Der Mitarbeiter im Laden lässt netterweise alles stehen und liegen und durchbohrt gleich die ersten vier Schellen. Gemeinsam bringen wir sie an und testen die Konstruktion. „Sollen wir die anderen Schellen auch noch anbohren?“, fragt er auf Englisch. Die Idee finde ich gut (rückblickend erst recht) und so verabreden wir uns für später noch einmal, damit ich mir noch weitere vorbereitete Schellen abholen kann.

 

Nun habe ich ein paar Stunden Zeit und kontaktiere S. Sie ist mit ihrem Mann inzwischen in Stirling angekommen und wir treffen uns in einem kleinen Café in der Nähe von Stirling Castle.

Wir tauschen uns über unsere Reiseroute aus, ich empfehle noch auf dem Weg nach Skye einen Stopp in Dornie bei Manuela’s Wee Bakery. Bevor sich unsere Wege noch trennen, bitte ich sie um Mithilfe. Man ist ja lernfähig. Um die Frontroller nach der erfolgreichen Reparatur zu entlasten möchte ich etwas Gepäck zurücklassen. Ich fahre zurück zum Campingplatz und sortiere ein paar Sachen aus. Die Videokamera, den Adapter für die Stromversorgung am Campingplatz und noch ein paar Sachen. Nichts wichtiges – hoffe ich.

Die Sachen übergebe ich am Campingplatz meiner ehemaligen Kollegin, dann geht es wieder zurück nach Stirling. Es wird Zeit. Ich will meine Schellen abholen und mich wieder auf den Weg machen. Heute möchte ich Strathye in den Trossards schon erreichen.

Bei Velocity44 sind sie auch mit meinen Schellen fertig. Ich zahle, bedanke mich, gebe ein angemessenes Trinkgeld und schwinge mich wieder aufs Fahrrad.

Richtung Westen fahre ich aus Stirling hinaus. Kurz halte ich noch an einem Outdoorladen, um mir eine Rettungsdecke zu holen. Diese großen, leichten Decken eignen sich perfekt als Unterlage unter dem Zelt. Daher nehme ich mir gleich 2 mit.

Es geht weiter. 12 Kilometer trennen mich von Thornhill. Warum muss ich bei dem Ortsnamen bloß immer an „Den Hobbit“ denken? Tolkien muss viele Anleihen an den hier vorherrschenden Sprachursprüngen genommen haben.

Als ich wenig später (ich brauchte ca. eine Stunde für die Strecke) durch Thornhill fahre, kommen mir viele Ecken sehr bekannt vor. Schon bald erinnere ich mich – vor einigen Jahren habe ich hier mit Andrea auf einem Campingplatz übernachtet. Die Bezeichnung“ Campingplatz“ war noch etwas geschönt. Es war eine Wiese mit Klos. Aber dafür hatten wir sogar an unserem Zelt-Platz einen Stromanschluss. Hätte ich Thornhill nicht schon erkannt, spätestens bei dem kleinen Shop, ich mache natürlich halt, hätte ich mich erinnert. Hier war ich schon einmal.

Thornhill ist nicht groß. Ca. 1100 leben laut der britischen Wikipedia hier. Es heißt, das Dörfchen wäre im 17. Jahrhundert gegründet worden. Außerdem gibt es hier eine kleine „Primary School“ mit 62(!) Schülern. Sollte irgendwer zufällig mal die Serie „The Cats of Clawn Hill“ gesehen haben, in der das Leben einiger Katzen verfilmt wurde – die Serie spielt hier, in Thornhill.

Von Thornhill aus wende ich mich gen Norden. Mein nächstes Ziel ist Callander. Zwischen mir und Callander liegt ein Hügel. Es sind nur ca 90 Höhenmeter. Aber noch machen mir die Höhenmeter weiterhin zu schaffen. Dennoch strampele ich zielstrebig den Hügel hinauf. Für Irritationen sorgen 2 Straßenschilder. Einmal sehe ich ein Hinweisschild auf eine Schule.

 

Ich möge bitte vorsichtig fahren.

Allerdings: das Hinweisschild steht mitten in der Pampa. Hier ist kein Dorf, kein Nichts. Wo soll hier eine Schule sein. Egal. Ein zweites Hinweisschild sorgt für Heimweh. Links ab geht es nach Glasgow.

Dort will ich in gut 3 Wochen Andrea treffen. Wehmütig denke ich daran. Aber dann sage ich mir „Andrea ist doch noch gar nicht dort. Fahr also weiter.“ Ich fahre weiter. Belohnt fürs Weiterfahren werde ich mit einer Schussfahrt hinab ins Tal zum Ort  Callander. Einige Mal gehe ich für Fotos und „Landschaft-genießen“ in die Eisen. Irgendwann wird dies von einem wütenden Autofahrer hupend quittiert. Scheinbar war er nicht auf bremsende Touristen auf einem Fahrrad vorbereitet gewesen.

Am Ende der Schussfahrt erreiche ich Callander. Callander wird oft auch als eines der „Tore zu den Highlands“ bezeichnet.

Zumindest ist es aber der östliche Zugang hinein in die Trossarchs. Ab 1858 wurde Callander von Dunblane aus mit einer Eisenbahnlinier erschlossen. Diese wurde 10 Jahre später in Richtung Westküste (Oban) über Killin und Crianlarich erweitert. 1965 wurde diese Strecke stillgelegt. Zum Glück für mich. Denn über die stillgelegte Eisenbahntrasse, die heute zu einem Teil des „National Cycle Networks“ geworden ist, verlasse ich Callander wieder.

Damit kehre ich der Heimat von Helen Duncan den Rücken zu. Helen Duncan wurde 1944 wegen Hexerei verurteilt und war damit die angeblich letzte verurteilte Hexe Europas.

Darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Dafür ist die Strecke, die vor mir liegt, viel zu schön. Durch eine eng bewachsene niedrige Schlucht führt mich mein Weg erst nach Westen über die Eisenbahntrasse.

Neben mir fließt mir der leise gurgelnde „Garbh Uisge“ von Nordwesten aus entgegen.

Ich werde dem Fluß noch einige Zeit folgen – bis hin  zu seiner „Entstehung“ als Ausfluss des Loch Lubnaig. Dort, im Norden des Loch Lubnaig liegt das 100 Einwohner starke Dörfchen Strathyre.

Nahezu unbemerkt von mir wird der Garbh Uisge zu meiner rechten unruhig. Er bewältigt gerade die „Falls of Leny“. „Falls“ gibt es in Schottland genug, aber diese Falls stellen den Übergang des Flusses über die „Highland Boundry Fault“ dar. Die „Highland Boundry Fault“ ist eine vor Jahrmillionen entstandene Verwerfung, die heute die Grenze zwischen den Lowlands und den Highlands darstellt. Ich bin also nun in den Highlands. Yeah.

Ich fahre weiter.

Seit Stirling bin ich etwa 30 Kilometer gefahren. Es erscheint mir mehr. Vielleicht liegt mir der vergangene Tag noch in den Knochen. Zumindest merke ich, wie vorsichtig ich die ganze Zeit meine Frontroller beäuge.
Obwohl ich mich auf dem NCN 7 befinde, finde ich die Strecke manchmal wenig tourenradler-freundlich. Immer wieder versperren mir Absperrungen den Weg. Man kann sie umfahren. Aber mit viel Gepäck (wie bei mir) ist es schwierig. Mir drängt sich (auch aufgrund der Wanderer auf diesem Wegesabschnitts) der Gedanke auf, dass der NCN 7 vielleicht doch eher ein Wanderweg ist.

Bis Strathyre, dem alten Eisenbahn-Dörfchen am Loch Lubnaig (vorher nie gehört) und dem Immervoulin Caravan & Camping Park sind es noch 10 Kilometer entlang der wahrscheinlich naturnahesten Strecke meiner Radtour. Oft fahre ich am Loch Lubnaig entlang …

… dann wird der Weg wieder enger, als ich mich mehrere Meter über dem Ufer des Lochs weiterfahre. Sicherlich befinde ich mich immer noch auf der Eisenbahntrasse  – aber die Natur drängt sich schon rechts und links an den Wegesrand. Manchmal ist der Weg so schmal, dass ich kaum mit dem Fahrrad hindurch komme.

Hoch über der Westseite von Loch Lubnaig nähere ich mich Strathyre und fahre im Norden des Lochs in einem Bogen ins Tal und zum Campingplatz hinab.

Gegen 20:30 komme ich in Strathyre am Campingplatz an. Telefonisch hatte ich mich angekündigt (zum zweiten Mal, denn auch am Vortag hatte ich mich schon engekündigt). Ich checke ein. Die junge, stark tätowierte Frau an der Rezeption („Wo findet man hier mitten in den Trossarchs einen Tätowierer“, denke ich mir) freut sich, dass ich noch gut angekommen bin und weißt mir einen Platz auf dem Gelände zu. Ich bediene mich noch in dem kleinen Camping-Shop und hole mir etwas zu trinken („Ich nehme dann mal einheimisches Bier“ – Tennants. Dabei wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass das Bier seinen Ursprung keine 10 Kilometer weiter westlich hat). Anschließend baue ich bei stürmischen Wind mein Zelt auf. Es gelingt mir. Dabei fällt mir aus dem Zelt ein Tausendfüßler oder so ähnlich entgegen. Ich bin mir sicher, dass ich den Tausendfüßler heute Mittag schon einmal am letzten Campingplatz gesehen habe.

Als das Zelt steht melde ich mich kurz zu Hause und kündige ein Gespräch für den späteren Abend an. Dann verkrieche ich mich (nach der Dusche) unters Vordach des Sanitär-Hauses und werfe, dieses Mal erfolgreich, meinen Kocher an und koche mir eine Tüte Maccaronis mit Loydd Grossman’s Nudelsauce. Lecker. Das sollte mein übliches Abendessen in den nächsten Wochen werden.

ich versuche noch, an der Rezeption zu surfen (schwierig) und telefoniere noch mit Andrea (machbar), dann ziehe ich mich ins Zelt zurück. Der Tag heute war besser als der gestrige Tag. Aber irgendwie ärgert es mich, dass ich wegen der (selbstverschuldeten) Panne meine Tour anpassen muss. Aber das ist heute Abend egal. Jetzt wird geschlafen.


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