Tag 3: Edinburgh – Stirling

Tag 3 – ich rolle mich aus dem Schlafsack. Neben dem Zelt, so erkenne ich durch das Mücken-Netz am Eingang, bereitet der Nachbar aus Deutschland gerade mit seiner Familie das Frühstück vor und baut nebenbei das eigene Zeit ab. ‚Zeit aufzustehen‘, denke ich mir. Konzentriert packe ich meine Sachen in die Taschen zurück. Immer noch ist dabei keine Routine eingekehrt. Das dauert noch. Aber zumindest bekomme ich alles verstaut.  Dann klettere ich aus dem Zelt und wische, nach der Morgentoilette, mit einem meiner Handtücher das Außenzelt trocken. Möglichst trocken. Es ist aber wieder zu feucht, so dass ich nicht drumherum komme, dass Innenzelt vom Außenzelt zu lösen. Das Innenzelt kommt in die entsprechende Zelt-Tasche und landet im Ragpack. Das Außenzelt kommt ins Netz und landet auf dem Rackpack. (Zitat Andrea: „Es kann ruhig nass werden – Hauptsache es wird gut durchlüftet.“)

Mein Ziel heute ist … ich weiß es noch nicht genau. Gepant war mal ein Campingplatz bei Comrie, etwa 30 Kilometer nördlich von Stirling. Möglich (und wahrscheinlicher) ist aber, dass ich von Stirling aus über Callander in die Trossarchs fahre und dort am Abend in Strathyre halt mache. (Ich sollte aber weder das eine Ziel noch das andere Ziel erreichen. Aber Stirling war auch nett – und dort gab es einen McDonalds für das Abendessen. Dazu später.)

Zuerst aber will ich aufbrechen. Nach einer kurzen Unterhaltung mit meinen Nachbarn packe ich mein Fahrrad, halte noch einmal am Store bei der Anmeldung und fahre dann los. Am Eingang des Camping-Platzes treffe ich auf einen Bus. Auch eine Art und Weise, Schottland kennen zu lernen. Aber ich bevorzuge meine Weise. 😉

Die erste Etappe am Vormittag sollte mich durch Edinburgh führen. Ich wollte die Stadt auf mich wirken lassen. Eine ältere Stadt, die ich persönlich viel reizvoller finde als Glasgow. In Glasgow war ich schon einige Male – in Edinburgh bisher nur einmal für sehr wenige Stunden.

Meine Navi lief, aber ich orientierte mich zuerst am 251 Meter hohen Arthurs Seat. Dieser Hügel/Berg vulkanischen Ursprungs liegt mitten in Edinburgh und ist ein beliebtes Ziel der Kurzstreckenwanderer. Auf der Spitze ist es oft windig – hinauffahren will ich daher nicht. (Ich könnte eh nicht bis zur Spitze fahren.)

Ich halte mich daher in Richtung Arthurs Seat, bestaune die Ansicht auf das Massiv und umrunde es dann zu einem Drittel, bevor ich zum Palace of Hollyroodhouse abbiege.

Gegenüber diesem Palast aus dem 16. Jahrhundert sitzt die schottische Landesregierung. Ebenfalls gegenüber dem Palace beginnt die Royal Mile, die sich von hier aus bis zum Edinburgh Castle erstreckt und das Rückgrat der Altstadt Edinburghs bildet. Zuerst fahre ich noch den Berg hoch. Aber schließlich steige ich ab. Der Weg ist nicht steil, aber das Kopfsteinpflaster haut immer wieder schmerzhaft durch meine eigentlich vorhandene Vorderrad-Federung (von der ich noch nie was bemerkt habe). Außerdem ist die Strecke dezent überfüllt. Auf der Straße brauche ich nicht zu fahren, da ein Bus nach dem anderen auf der Straße fährt steht.  Auf dem Bürgersteig laufen zu viele Menschen herum. (Was wollen die bloß alle hier.) Hinzu kommt, dass ich beim Schieben mehr von der Altstadt sehe. Also: schieben.

Die Gebäude sind schön anzusehen. Spannender finde ich aber dass, was unter den Gebäuden ist. Unterhalb der Straße der South Bridge welche die Altstadt von Norden nach Westen schneidet und die Hügel der Altstadt verbindet, gibt es unzählige Katakomben. Dort lebten ursprünglich Handwerker. Denen wurde es zu feucht und ungemütlich. Sie zogen aus und machten Platz für die, die sich keine andere Unterkunft leisten konnten. Die „Unterwelt“ unterhalb der Southbridge kann man mit einer Führung besuchen. Aber wo sollte ich mit dem Fahrrad solange hin? Also weiter. Ich nähere mich schiebend dem Edinburgh Castle. Vom Castle ist aber, wie jedes Jahr im Juli/August, von der Straße aus wenig zu sehen. Das Castle verschwindet hinter einer großen Tribüne: Edinburgh bereitet sich aufs Edinburgh Tattoo vor.

Ich mich nicht. Ich rolle die Altstadt wieder zurück und biege nach wenigen Metern Richtung Bahnhof ab. Waverly Station, der Bahnhof, liegt in einem Graben zwischen der Altstadt und der Neustadt. Interessante Nutzung des Grabens, der ansonsten nur im Weg rumliegt, denke ich mir, und schaue zum Bahnhof hinab. Vor einigen hundert Jahren lag dort noch ein morastiger Graben. Mit dem Bahnhof gefällt er mir besser.

Ich fahre zur Neustadt weiter und folge den am Reißbrett geplanten, rechtwinkligen Straßen. Mein Ziel ist eine nur wenige Meter breite aber mehrere Kilometer lange Oase inmitten von Edinburgh: dem Leith. Der Leith bahnt sich durch Edinburgh hindurch seinen Weg zum Meer – und ich möchte dem Weg anlang des „Water of Leith“ dorthin folgen.

1. möchte ich zum Meer, 2. liegt dort in der Nähe der Küste der örtliche Tiso, ein Laden einer großen schottischen Outdoorkette. Ich muss mich noch darum kümmern, dass mein rechter Backroller wieder richtig hält.

Ich werde gut versorgt, wir kommen ein wenig ins Gespräch über meine Pläne. Dann fahre ich weiter. Mein nächstes Ziel ist Forth-Bridge. Statt dem direkten Weg an der Straße lang fahre ich an der Küste lang.

Ich möchte den Blick auf die Forth-Eisenbahn-Bridge genießen. Anfänglich ist die Strecke noch gut zu befahren. Mit der Zeit wandelt sich der Weg aber zu einem Wanderweg, so dass ich nur langsam vorankomme. Dafür geht es schön durch die Natur.

Ich biege um eine Landzunge und stehe an der Mündung  des Forth. Am gegenüberliegenden Ufer sehe ich North Queensland. Wer dort Zeit hat sollte sich ans Ufer begeben. Mit etwas Glück findet man dort „bunte Steine“ – vom Wasser abgeschliffene bunte Glasstücke, die dort angeschwemmt wurden.

Direkt vor mir erhebt sich die Eisenbahnbrücke mit ihren charakteristischen roten Bögen. Bei ihrer Einweihung im Jahr 1890 war sie für fast 30 Jahre die weltweit größte Spannweite. Dahinter liegt die alte Forth-Road-Bridge für den Autoverkehr. Noch ein paar hundert Meter weiter befindet sich die neue Brücke „Queensferry Crossing“ in den letzten Züge ihrer Bauzeit.

Beim Versuch, ein Foto von der Eisenbahn-Brücke zu machen, kollidiert mein rechter Frontroller beim Bremsen mit einer Mauer. Er wackelt leicht. (Diese Kollision sollte mich heute noch einmal beschäftigen. Zu meinem Ärgernis. Rückblickend würde ich sagen „Wer weiß, wofür es gut war.“

Ich fahre aber nach einigen Fotos weiter und kurve den Fahrradweg zur Forthbridge hoch. Hier begegen mir die ersten Reiseradler. Eine Familie mit 2 Kindern. Wir nicken uns kurz zu, dann bin ich schon auf der Brücke.

3 Kilometer weit spannt sich die Fahrbahn über den Firth of Forth, in der Mitte die Straße. Rechts und links daneben der Fuß-/Radweg. Die Brücke schwankt leicht unter mir. Ich hätte es mir aber schlimmer vorgestellt. Mutig bleibe ich in der Mitte der Brücke (in etwa 45 Metern Höhe) sogar für ein paar Fotos stehen.

Hinter der Brücke folge ich für die nächsten 25 Kilometer dem Küstenverlauf der Forth-Mündung. Das stark bebaute und industrialisierte Südufer gibt optisch nicht so viel her. Immer wieder schweift mein Blick Richtung Norden zu den Ochil Hills und nach Osten. Dort, in Fahrtrichtung, liegt Stirling und ich rechne jederzeit damit, dass bald das weithin sichtbare Wallace-Monument auftaucht.

Auf Höhe der Kincardine-Bridge ist es soweit. Ich kann das Monument nun gut erkennen. Geplant ist die Weiterfahrt an der Nordküste des Forth, ich entscheide mich aber spontan dazu, über die Kincardine-Bridge zur Südseite überzuwechseln um Stirling bei meiner Weiterfahrt in die Trossards zu kreuzen. Etwas hinter mir stehen die Kelpies, 2 übergroße Pferdeköpfe. Ich habe sie knapp verpasst, möchte aber keinen Umweg fahren, da ich noch ein paar Kilometer vor mir habe. Rückblickend betrachtet war die Planung für den Tag (aufgrund der Tour durch Edinburgh) aber eh unrealistisch. Gut dass meine Tour für den Tag in wenigen Minuten ein abruptes Ende finden sollte.

Flott geht es südlich des Forth weiter. Die Straßen sind gut ausgebaut, es gibt komische Ortsnamen…

… und schon nach einer Stunde erreiche ich die Ausläufer von Stirling. Ich halte an und werfe einen prüfenden Blick auf meine Frontroller. Der rechte Frontroller wackelt beständig. Gut dass ich Werkzeug dabei habe, denke ich mir. Ich stelle das Rad ab, nehme die Frontroller ab und ziehe die Schellen des rechten Frontroller etwas strammer. Wo ich schon einmal dabei bin bekommen die Schellen beim linken Frontroller auch noch eine Umdrehung mit dem Schraubenzieher. Frontroller wieder ran. Weiter geht’s.

Keine 500 Meter später gibt es zwei leise Knallgeräusche. Beide Frontroller fallen rechts und links zu Boden. Mit quietschenden Bremsen bleibe ich stehen und schaue mir an, was passiert ist. Die Schellen sind gerissen. Super. Wo finde ich nun neue Schellen bzw. vielleicht gleich neue Träger für die Frontroller. Zuerst muss ich aber meine Weiterfahrt sichern. Notdürftig versuche ich, die Halterungen mit Kabelbinder wieder am Rad zu befestigen, als neben mir ein Fahrradfahrer hält. Er scheint sich hier auszukennen und empfiehlt mir eine Reihe Geschäfte, die mir vielleicht helfen können. In dem hinter mir liegenden Industriegebiet gäbe es gleich 2. Ein Fahrrad-Werkzeug-Handwerker-Gemischtwaren-Laden und ein kleines Geschäft, in dem ich Schrauben etc. bekäme. Ich rolle mit dem wacklig angebrachten Material zurück in das Industrieviertel. Im ersten Laden finde ich zwar fast passende Schellen (in der Sanitär-Abteilung), aber die Schellen, die ich brauche, haben ein Loch, durch welches die Schraube zur Befestigung des Trägers gesteckt werden muss. Die Mitarbeiter suchen mit mir nach Lösungen, wir finden aber keine. Schnell fahre ich zu dem kleinen Laden weiter. Dort sind die Mitarbeiterinnen auch sehr bemüht, mir die Weiterfahrt zu ermöglichen. Ich kaufe ein halbes Dutzend Schellen und versuche, die Träger wieder zu stabilisieren. Notdürftig gelingt es mir. Die Weiterfahrt in die Trossards ist gesichert. Es sind zwar noch mehr als 40 Kilometer bis zum Ziel, aber ich nehme sie trotzdem in Angriff.

3 Kilometer später stehe ich mitten in einem großen Kreisverkehr in Stirling und überlege, wie ich am besten zurück zum Flughafen nach Edinburgh komme. Von dort geht bestimmt kurzfristig ein Flugzeug nach Hause. Die Taschen wackeln so sehr, dass an eine Weiterfahrt nicht mehr zu denken ist. Ist dies das Ende der Tour? Nach 3 Tagen.

Enttäuscht nehme ich mir mein Handy und rufe zu Hause an. Ich brauche jemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Andrea geht ans Telefon und wirft erst einmal google Maps auf ihrem Laptop an. „Such dir für heute einmal einen Campingplatz“, schlägt sie vor. „Ich helfe dir suchen.“ Das hört sich wie ein vernünftiger Vorschlag an. Vielleicht kann mir morgen, am Samstag, ein vernünftiger Fahrradladen in Stirling helfen. „Ich sehe dich“, sagt sie. Derzeit habe ich die GPS-Übermittlung in Andrea’s Google-Maps aktiviert. So fällt die Suche leicht. Sie empfiehlt mir zwei Campingplätze. An einem bin ich schon vorbeigefahren. Den peile ich an. Es ist inzwischen auch schon nach 19:00 Uhr.

Ich binde mir die wackelnden Frontroller auf mein Rackpack auf dem Gepäckträger und erreiche kurz darauf den Campingplatz. Er wirkt eher wie eine „Bungalow-Siedlung“. In der Mitte ist eine große Wiese frei. Ich suche nach einem Ansprechpartner, schildere ihm meine Situation und bekomme gesagt: „No tents, please. You have to leave.“ Danke schön. Dann fahre ich halt wieder. Telefonisch nehme ich mit dem nächsten Campingplatz Kontakt auf. Er liegt etwas abseits meiner Strecke, ist mir aber bekannt. Ursprünglich sollte er, der Witches Craig Caranvan & Camping Park im Schatten der Ochil Hills. „Yes, you can come. I am here!“, sagt die freundliche Stimme an der Rezeption am Telefon. Meine Laune und Motivation, die gerade auf einem Tiefpunkt ist, wird gleich wieder besser. Ich kündige meine ungefähre Ankunftszeit an und fahre auf die Hügelkette zu. Linker Hand nähere ich mich dem Wallace Monument, welches ganz in der Nähe des Campingplatzes liegt. Ich komme an einem Morrisons und einem Burger Kind vorbei (in der Nähe des großen Gemischtwaren-Ladens – so langsam fühle ich mich hier in der Gegend heimisch 😉 ) und beschließe heute Abend aus Essen zu gehen. Aber erst muss ich zum Camping-Platz und mein Zelt aufbauen.

Ich erreiche den Camping-Platz, die Inhaberin an der Rezeption ist froh, mich zu sehen und hört mit Bedauern von meinen technischen Problemen. Sie empfiehlt mir einen Fahrradladen in Stirling und meint, ich könne da morgen Vormittag hinfahren. Mein Zelt könne ich am nächsten Tag noch stehen lassen, bis ich mein Fahrrad wieder fahrbereit habe. ich fahre zur Zeltwiese am nördlichen Ende des Campingplatzes. Von dort habe ich eine schöne Sicht aufs Wallace Monument und auf die Ochil Hills, die steil hinter mir ansteigen.

Zelt aufbauen, kurz frisch machen, Fahrradbeleuchtung am Rad anbringen. Ich bin schnell fertig und fahre zurück zum Morrison und nach Burger King. Dort lasse ich meine etwas abrupt geänderte Tagesplanung Revue passieren und plane meinen nächsten Tag. Ich cancele einen Teil meiner Strecke (Inverness – Durness) und plane von Inverness direkt nach Ullapool zu fahren. So gewinne ich einen Tag, den ich morgen in Stirling nutzen kann. Ich will das Fahrrad reparieren lassen. Außerdem nehme ich Kontakt mit einer ehemaligen Kollegin von mir auf. Wir wollten uns eigentlich am Abend vorher in Edinburgh getroffen haben. Dort war ich aber zu spät angekommen. Ich wusste, dass sie morgen von Edinburgh in Richtung GlenCoe weiterfahren wollten. Spontan verabredeten wir ein Treffen. Passt.

Mit meinen Einkäufen fahre ich zurück zum Campingplatz, öffne die eingekauften Tennants-Dosen und telefoniere noch einmal mit Andrea.

Wie ich oben schon einmal schrieb – die Planung für diesen Tag war eh unrealistisch und eigentlich war es gut, dass mir die Schellen hier (in Stirling) wo ich die nötige Infrastruktur vorfinden würde, gerissen sind. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich irgendwann zwischen Inverness und Ullapool auf dieses Problem gestoßen wäre.

Nach einem letzten Blick aufs beleuchtete Wallace Monument schlafe ich schließlich ein.        


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