Tag 24: Glencoe – Loch Lomond


RedSquirrelCampsite am Eingang ins Glencoe. Ich habe gut geschlafen, ein Rettungshubschrauber kam nicht, dementsprechend wurde mein Zelt neben dem Landeplatz auch nicht weggewirbelt.

Dafür ist es feucht. Es regnet aktuell nicht, aber die Feuchtigkeit steht in der Luft. Ich mache mir keine Hoffnung, dass das Zelt trocken ist und trenne es wieder. Bevor ich abfahre hole ich mir noch meine Akkus von der Rezeption und schließe das Smartphone an. Außerdem lege ich einem Nachbarn eine Visitenkarte von Manuela’s Wee Bakery ans Zelt. Wir hatten uns gestern Abend noch darüber unterhalten – sie wollten Richtungen Skye weiterfahren.

Ich fahre die kurze Rampe zur Straße hinauf und folge der Straße gen Osten – tiefer ins Glencoe hinein. Eine lange Strecke liegt vor mir. Ich möchte durchs Glencoe, am Rannoch Moor vorbei und weiter bis zum Loch Lomond, an dessen südlichem Ende ich mein Zelt aufschlagen werde.

Zuerst fahre ich noch einige Meter durch den Wald, komme an einem Youthhostel vorbei. Dann reißen die Bäume auf und geben den Blick ins Glencoe frei. Nebel versperrt mir jedoch die Sicht ins Tal hinein. Die Berge rechts und links erkenne ich schon bald nur noch schemenhaft.

Etwa 2 Kilometer kann ich noch gemütlich der Nebenstrecke folgen, bevor ich auf die stark befahrene Hauptstraße abbiege. Autos, Busse, LKWs fahren an mir vorbei. Bevor ich auf die Hauptstraße gefahren bin habe ich in meiner Fahrradtasche nach der Warnweste gekramt und fahre nun hell erleuchtet und mit Warnweste durch den Nebel.

Die Straße ist kurvig, windet sich schlängelnd das Tal hinauf. Die Straßenschilder haben sich seit Skye verbessert – jetzt warnen sie mich wenigstens vor den Autos, die mir auf meiner Spur entgegen kommen.

Es kommt aber nie zu kritischen Situationen. Komischerweise. Immer wieder wird der Nebel nun auch noch durch Regen durchsetzt. Es wird wieder unangenehm. Aber ich rede mir ein, dass die größte Wetter-Herausforderung die letzten 20 Kilometer vor Applecross waren und alles was jetzt noch kommt ein Kinderspiel ist. Neben mir und der Straße liegt das Loch Atriochtan, ein kleines, gemütlich liegendes Loch im Glencoe, welches oft und schnell übersehen wird. Wie es sich in das Tal hineinschmiegt, ist allerdings ein wunderschöner Anblick. Schöner wäre es nur noch bei gutem Wetter.

Bei gutem Wetter wäre auch der Blick ins Tal eindrucksvoller. Aber als ich neblige Fotos aus dem Tal an meine Kolleginnen weiterleite, meint sie „Schottland hat bei jedem Wetter was“ – und damit hat sie recht. (Deshalb habe ich sie inzwischen auch schon mehrfach zitiert.)

Sicherlich ist das Glencoe bei Sonnenschein nicht zu unterschätzen (hier oder hier gibt es Beispiele bei besserem Wetter), aber das Wetter sorgt für die zum Tal passende Stimmung. Hier im Tal lebten im ausgehenden 17. Jahrhundert der Clan der MacDonalds. Sie waren vergleichsweise unbeliebt, da sie sich u.a. durch regelmäßige Raubüberfälle einen Namen gemacht hatten.

Im Jahr 1691 bot der englische König William der III. allen schottischen Clans eine Amnesie an. Vorausgesetzt der jeweilige Clanchef schwört einen Treueeid auf die englische Krone. Der Clanchef der Glencoe-MacDonalds tat sich schwer mit diesem Eid, da er seinen Clan aber nicht der ansonsten drohenden Verfolgung aussetzen wollte, gab er zähneknirschend klein bei und begab sich gerade noch rechtzeitig nach Inverlochy (bei Fort WIlliam), um den Treueeid zu schwören. Leider war es aber so, dass er den Eid in Inverary (am Loch Fyne hätte schwören müssen. Da kam er unverschuldet zu spät an. Der englische König statuierte jedoch ein Example an seinem Clan und schickte Robert Campbell vom Campbell-Clan mit einem englischen Regiment ins Glencoe. Sie kamen als Gäste zum Clan MacDonald – bis sie Ende Januar den Beiehl erhielten, die MacDonalds zu töten. Fast 40 Clanmitglieder wurden bei dem überraschenden Angriff umgebracht – es heißt, die gleiche Menge Clanmitglieder wären auf der Flucht im unwirtlichen Glencoe in einem Schneesturm gestorben.

Robert Campbell fiel wegen dieser Aktion bei den schottischen Clans in Ungnade. Gastfreundschaft war immer ein hohes Gut gewesen und wird nicht in dieser Form ausgenutzt. Robert Campbell wurde mit seiner Einheit in weitere Kämpfe geschickt, damit sie aus dem Weg waren. Der englische Secretary of State für Schottland (der den Plan ausführen ließ) musste zurücktreten. Im Laufe der nächsten Jahre starb die Campbell-Linie aus.

Ob der Hass auf Robert Campbell und seine Leute in dem Maße berechtigt war, wird heute kritisch gesehen. Zum einen hatte Campbell keine andere Möglichkeit. (Okay, die Ausrede ist schlecht. Gebe ich zu.) Zum anderen geht man davon aus, dass ein entsprechend aufgezogener Angriff mit 120 Soldaten, die sich als Gäste getarnt haben und unvermittelt zuschlagen, wesentlich mehr direkte Opfer hätte fordern müssen. Daher kann man Campbell und seinen Soldaten höchstwahrscheinlich zu Gute halten, dass sie gezielt versucht haben, möglichst wenig MacDonalds zu töten. Haben sie den Clan gewarnt? Haben sie sie entkommen lassen, in der Hoffnung, dass ihnen die Flucht gelingen würde? Man weiß es nicht.

Während ich das Tal hinauffahre (ich muss auf 350 Meter Höhe) denke ich an die Geschichte. Wie gesagt – das Glencoe ist bei gutem Wetter wunderschön. Aber dieses Wetter passt zu den schaurigen Vorfällen in jener Nacht.

Inzwischen habe ich einen der Parkplätze an der Strecke erreicht. Ich halte an. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Tals. befinden sich die „Three Sisters“, eine Dreierkombination aus Bergen im Glencoe.

Zwischen den Bergen führen Wege Pfade hinauf. Ich kann jedem nur empfehlen, sich im Glencoe einmal ein paar Stunden Zeit zu nehmen, den Wagen abzustellen und zwischen der östlichsten und der mittlersten „Sister“ hinaufzusteigen. Auf den Karten steht nur „Hidden valley“. So sieht es dort aus. Bei gutem Wetter.

Das Foto habe ich nicht bei meiner Radtour aufgenommen. Also keine Sorge – es gibt keine „Wetterscheide“ hinter den „Three Sisters“ und plötzlich hat man wie im Märchen strahlenden Sonnenschein. Das Bild ist 2015 auf einer Schottlandreise aufgenommen worden.

Heute habe ich nach wie vor Nebel. Und ich habe erst die Hälfte des Anstiegs hinter mir – wie man sieht. Es ist aber nicht der letzte Anstieg. (Kurze Anmerkung zu dem komoot-Screenshot: man sieht zum einen den knappen Akkustand, den ich nach diversen Nächten ohne Aufladen meiner mobilen Akkus habe. Aber jetzt sind sie ja wieder voll und der Akku lädt. Außerdem sieht man die Zweiteilung meiner heutigen Strecke sehr schön. Die erste Hälfte habe ich wieder einmal eine Achterbahn. Sobald ich aber Crianlarich passiere und zum Loch Lomond komme, wird es flach. FLACH. Ich freue mich schon drauf.

Weiter geht es. Den Parkplatz lasse ich hinter mir, werfe noch einmal einen Blick zurück durch den Nebel auf die Three Sisters. Dann kommt schon das nächste Highlight.

Das Wasser des River Coe schlängelt sich neben der Straße durch das enge, bewaldete Tal. Mehrer Meter unter mir gurgelt es spielerisch/kämpferisch auf dem Weg ins Tal. (Nebenbei bemerkt freue ich mich wieder einmal darüber, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. ICH konnte hier anhalten. Die Autos nicht. 😉

Die Straße ist hier an dieser Stelle sehr eng. Vor mir passiert sie einen engen Durchbruch durch den Fels. Etwas weiter unten hat die Straße mehr Platz, weiter oben auch.

Ich werfe noch einmal einen Blick zurück, ins Tal. Die Berghänge kann ich kaum noch erkennen. Dann fahre ich durch den Durchbruch – und bleibe gleich wieder stehen.

Vor mir befindet sich „The Meeting of the three waters“. Sie treffen sich an einem gurgelnden Wasserfall.

Hinter dem Wasserfall werden die Berge scheinbar niedriger (okay, werden sie nicht, aber sie steigen flacher an und ich bin auch schon bei gut 300 Höhenmetern). Die Hänge sind nicht mehr so rau, sondern abgeschliefener. Es fährt sich nun auch  angenehmer. Der Regen lässt zwischendurch immer mal wieder nach. Ich passiere die Abzweigung zum Loch Etive, zum nördlichen Ende. Das südliche Ende vom Loch Etive hatte ich schon mehrfach gesehen, als ich in der Gegend um Oban unterwegs war. Diese Abzweigung jetzt führt wieder zu einem Filmset. In irgendeinem Harry-Potter-Teil müssen Hermine und Harry dort am Loch Etive gezeltet haben. Sie wie ich vor einigen Jahren auch schon einmal. Bis zum Ufer sind es aber viele Kilometer hin – und anschließend wieder zurück. Daher folge ich weiter der A82, auf der ich mich befinde, und sehe den Bergen dabei zu, wie sie nach und nach ein wenig zurückweichen und den Blick ins Rannoch Moor freigeben.

Das Rannoch Moor ist eine der letzten praktisch unbewohnten Gegenden in Schottland. Es eignet sich weder für die Besiedlung noch für die Landwirtschaft. Man kann hindurchwandern. Der West Highland Way führt auf seinem Weg nach Kinlochleven hindurch. Außerdem gibt es einen Weg, der rüber zur Rannoch Station führt.

Auch hier denke ich mir wieder, dass ich es mit dem Wetter eigentlich gut getroffen habe. Denn wie schaurig ist es durch’s Moor zu gehen am Moor entlang zu fahren, wenn das Wetter so gespenstig ist.  

Nach 29 Kilometern mache ich Halt. Über 4 Stunden bin ich schon unterwegs. Der Anstieg und die Wetterbedingungen machen mir zu schaffen. Positiv hält mich die scheinbar versteckte Schönheit der Umgebung auf. Vor mir liegt ein Rastplatz. Da es regnet (wieder mal) stelle ich mich in den Windschatten einer Imbissbude und bestelle mir einen Burger, Schokoriegel und etwas zu trinken. Gefühlt hätte ich diese Bude früher erwartet. Aber es passt so.

Unterhalb der Bude liegt das Loch Tulla. Hier ist der dazugehörige Viewpoint. Gestärkt fahre ich weiter, nähere mich in einer weiten Kurve dem 100 Meter tiefer liegenden Loch Tulla. Die Abfahrt ist entspannt, auch wenn das Wetter nicht besser wird. Bei grauem Himmel, versuche ich ein Foto vom Loch Tulla zu schießen.

Während ich am Loch Tulla vorbeifahre und mich Bridge of Orchy nähere, wird das Wetter schlechter. Wie, noch schlechter? Ja. Ich habe starken Wind von allen Seiten und … es beginnt zu hageln. Ich ziehe meine Hände in die Ärmel meiner Jacke und verfluche, dass ich keine Handschuhe dabei habe. Wenige Kilometer später, in Bridge of Orchy, ist es mir wieder egal. Es hagelt nicht mehr. Kalt ist es immer noch. Aber ich beschließe, gegen die Kälte anzufahren. So passiere ich Bridge of Orchy. Ein Hotel, ein paar Häuser. Ein Bahnhof. Das ist alles. 7 Einwohner hat der Ort noch. Diese haben aber eine perfekte Verkehrsanbindung, den dreimal am Tag hält hier der Zug der Werst Highland Line (pro Richtung). Wer möchte, kann sogar regelmäßig in einen Nachtzug direkt nach London einsteigen. Was will man mehr.

Hinter dem Ort beginnt für mich wieder ein Anstieg. Der letzte größere Anstieg heute. Ich freue mich drauf und trotz der widrigen Umstände heute genieße ich es. Linker Hand öffnen sich die Berge, die mir inzwischen wieder näher gekommen sind, zu einem weiten Tal. Ich sehe, wie die West-Highland-Bahnschienen einen großen Bogen um das Tal herum machen. Der Grund erschließt sich mir nicht – allerdings habe ich mal gelesen, dass es beim Bau oft Probleme mit dem Untergrund gab, der nicht stabil genug gewesen ist. Vielleicht fährt die Bahn deswegen an den Felshängen der Berge lang – und nicht durch die dazwischen liegende Ebene.  

Von Bridge of Orchy aus hätte ich auch über eine Nebenstrecke durch das Tal hindurch fahren können. Diese Nebenstrecke ist aber nur ein „Wanderweg“, Teil des West Highland Ways. Als die Alternativroute wieder an der Straße vorbeiführt, werde ich einmal einen kurzen Blick drauf. Bei gutem Wetter ist sie bestimmt auch gut zu befahren.

Nun bin ich an der Spitze der letzten größeren Steigung angelangt. Ab jetzt geht es bergab. Bis zum Loch Lomond, bis nach Glasgow. Erst einmal aber nur bis nach Tyndrum.

In Tyndrum mache ich kurz Halt. Hier gibt es einen Shop, sogar einen relativ großen für so ein kleines Dorf. Keine 400 Einwohner leben hier. Tyndrum hat aber eine Besonderheit zu bieten. Es ist das kleine britische Dorf mit ZWEI Bahnhöfen. Wenige Kilometer südlich von Tyndrum teilt sich die Bahnlinie von Glasgow kommend in zwei Stränge. Eine führt nach Norden als West Highland Line Richtung Fort William und Mallaig. Die andere führt nach Westen mit Oban als Ziel. Beide Stränge haben in Tyndrum jeweils einen Bahnhof, die nur wenige hundert Meter auseinander liegen.

Ich nehme in Tyndrum neue Vorräte auf, vor allem kurzfristige Vorräte, und fahre nun weiter bis nach Crianlarich. Auf dem Weg dorthin will meine Navi mich nach rechts in die Pampas leiten. Ich bleibe aber auf der A82. Hier kann ich ein wenig Strecke gut machen. Nach über 6 Stunden Fahrzeit (es ist ist schon fast 16 Uhr) erreiche ich Crianlarich. Auch Crianlarich ist eines der „Tore zu den Highlands“ – dementsprechend verlasse ich die Highlands nun also. Schön länger habe ich die Council Area „Highland“ (also den Verwaltungsbezirk) verlassen und bin wieder im Bezirk Argyl and Bute angekommen. (Das war der Bezirk, der von Lochgilphead aus verwaltet wird.)

Während sich hinter Crianlarich die Strecke vom Achterbahnprofil in eine Ebene wandelt (ich derzeit noch schnell bergab fahre) und ich mich dem Loch Lomond nähere, erreicht mit am Handy eine Nachricht. Andrea ist soeben in Edinburg gelandet. Kurz bin ich versucht, heute noch bis Glasgow durch zu fahren. Aber das wären doch zu viele Kilometer.

Wenige Kilometer vorm Loch Lomond (am River Falloch) gelegen fällt mir das große, massive Gebäude vom Drovers Inn ins Auge. Das Hotel steht hier seid 300 Jahren und wer hier übernachtet, kann sich einbilden, dass er im gleichen Zimmer schläft wie einst der berühmteste Outlaw Schottlands – Rob Roy.

Ich übernachte hier nicht. Wahrscheinlich würde es mein Budget sprengen. Aber ich habe ja die Ausrede „Ich will an die Südküste Loch Lomonds“.

Aber noch kann ich das Loch nicht erkennen. Nur den notwendigen Einschnitt zwischen den Bergen sehe ich schon.

Während ich mich dem Loch Lomond, dem größten und wahrscheinlich berühtesten Loch Schottlands (noch vor dem Loch Ness) nähere, geht es mir wie einer Bekannten auf Facebook. Sie schreibt „Ich habe schon den ganzen Tag eine Melodie im Kopf, weil du heute am Loch Lomond vorbei fährst.“ Ich auch. „Loch Lomond“, weltberühmt geworden durch die Band Runrig, die wieder einmal den Soundtrack zu meiner Schottland-Tour stellt.

Oh ye’ll take the high road and I’ll take the low road,
And I’ll be in Scotland afore ye;
But me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond.

Du nimmst die obere Straße, ich die untere Straße. Ich bin vor dir in Schottland, aber meine Liebste werde ich nie wieder sehen. So heißt es dort. Legenden zufolge soll der Text auf einen Gefangenen des Jakobiter-Aufstands unter Bonnie Prince Charles zurückgehen. Gemeinsam mit einem weiteren Gefangenen war er in London inhaftiert. Sein Kumpan wurde begnadigt und ging die „High Road“ zurück zum Loch Lomond. Er hingegen wurde zum Tode verurteilt und ging über die „Low Road“ – das Totenreich – zurück nach Schottland. Der Text ist eine Liebeserklärung an seine Heimat, das Loch Lomond, Schottland. Und wenn Runrig oder irgendwer anderes es singt, ist es auch eine Liebeserklärung an Schottland. *sentimental werd*

Dann kommt es in Sicht. ich halte an, erhasche durch die Bäume hindurch einen ersten Blick aufs Loch. Auch wenn ich mich inzwischen mit dem Loch Ness versöhnt habe (denn das Süd-Ost-Ufer ist wirklich schön) … das Loch Lomond ist schöner.


Ich folge der schmalen Uferstraße am Westufer des Loch Lomond entlang. Immer wieder halte ich an. Zum Schauen. Zum Fotografieren. Zum Verweilen. Immer wieder raffe ich mich auf, denn ich will schließlich heute noch am Campingplatz ankommen. Neben der Straße verläuft wieder einmal die Bahnschiene. 

Immer wieder mal muss ich stehen bleiben. Das kenne ich aber schon aus den Highlands. Die Straßen werden verbessert. Wie gewohnt winke ich die hinter mir stehenden Autos durch. Sie sind schneller als ich. Falls mir dann Autos plötzlich entgegen kommen sollten, kann ich immer noch in die Baustelle hinein ausweichen.

Bewölkt ist es nach wie vor, aber mit erreichen von Crianlarich hat sich das Wetter gebessert. Es regnet nicht mehr und es ist auch nicht mehr so kalt.

Dennoch sehe ich auf Höhe von Tarbert (etwa in der Mitte vom Loch Lomond) einen Regenbogen. Wie heißt es doch gleich im Alten Testament „Der Regenbogen soll euch ein Zeichen sein“. Ich orientiere mich ab Tarbert an einem anderen Zeichen. Von Tarbert aus führt der „West Loch Lomond Cycle Path“ am Loch entlang. Er führt mich immer wieder abseits der Hauptstraße, aber das ist in Ordnung. Die Hauptstraße ginge vielleicht schneller – aber sie würde nicht so schön  am Ufer langführen. Ausgeschildert ist der Weg als NCR 40.

Aus den tiefhängenden Wolken heraus schält sich auch ab und zu der Ben Lomond, der „Hausberg“ vom Loch Lomond. Aber das sich die Berge verschüchtert im Nebel verbergen kenne ich ja schon vom Ben Nevis.

Robert Burns spricht von „Farewell“ – aber in „Farewell-Stimmung“ bin ich noch nicht.

Segel- und Freizeitboote liegen am Ufer des Loch Lomond und betonen damit die Bedeutung des Lochs als Ausflugsziel. Auf dem Loch gibt es mehrer Schiffsrouten, die die West-/Ost-Ufer und die Inseln miteinander verbinden.

Ich folge weiter der NCR 40 und genieße es, einmal eine Straße für mich zu haben.

Dann erreiche ich Balloch im Süden des Loch Lomond. Auch Balloch ist nur ein kleines Örtchen mit nicht einmal 1500 Einwohnern. Aber das Leben pulsiert hier. Es gibt einen großen Co-op-Laden, einen McDonalds und einen Camping Platz. Außerdem noch vieles mehr.

Den Camping Platz peile ich an. Die Mutter unseres Chefdrummers aus der Pipeband steht dort mit ihrem Partner und einem Wohnmobil. Ich möchte mich dazu gesellen, um den Abend nicht alleine zu verbringen. „No, no tents“, höre ich an der Rezeption. „Aber … But“, will ich sagen. „No tents, please.“ Ich frage mich, ob ich Schottland schon wieder versehentlich verlassen habe und setze meinen Weg fort hin zu meinem ursprünglichen Ziel. Am abgelegeneren Ostufer des Lochs gibt es ein paar Campingplätze. Da werde ich bestimmt noch was finden. Bis dorthin sind es aber noch gut 20 Kilometer.

Auf dem Weg zum Ostufer habe ich wieder den Eindruck, dass mich komoot veräppeln möchte. Der Weg, den ich nehme, ist definitiv der nächste – aber ich bin in den letzten 4 Wochen schon mal bessere Wege gefahren. In Balmaha (am Ostfufer, kurz vorm Campingplatz) sehe ich einen Village Shop. Er hat noch geöffnet. Ich halte an, will mir noch eine schönere Sorte Nudelsauce besorgen. Der Ort ist klein, was soll passieren. Ich lasse meine Wertsachen am Rad. Keine Sorge – sie werden nicht geklaut. Aber während ich noch im Village Shop bin, höre ich draußen ein Krachen. ich komme raus, mein Fahrrad, welches an einer Mauer lehnte, liegt nun auf dem Boden. Die Salzdose in der Lenkertasche hat es zerrissen, in der Tasche verteilt sich das Salz. Aber Schlimmeres wurde durch mein Handy verhindert, welches in seiner Halterung den Sturz abgefangen hat. Zumindest ist das Display unten angerissen. Super. Aber … was soll’s, Es gibt wichtigeres als das Handy, außerdem läuft es noch. ich hole mir noch neues Salz und fahre dann weiter zum Millarochy Bay Campingplatz. Ich rolle auf den Platz, er ist schon nach 20 Uhr. Der Verantwortliche, er wohnt in einem Campingwagen direkt am Eingang, sieht mich und kommt auf mich zu. „Hello, do you want to stay? How was you’re day?“ Ich fühle mich gleich aufgenommen, bezahle meine Übernachtung und suche die Zeltwiese auf. Zeltaufbauen, duschen, Essen, Klamotten im Trockner trocknen. Schon bald wird es dunkel. Bevor ich noch (kurz, wir sehen uns ja am nächsten Tag) mit Andrea telefoniere gehe ich zum Ufer vom Loch Lomond. Gedankenverloren stehe ich dort, um mich herum höre ich nur das Plätschern des Lochs, ich sehe den Mond über dem Wasser stehen, fühle die Steine unter meinen Füßen. Und ich fühle mich gut. Es ist der letzte Abend auf meiner Tour, den ich „wie auf Tour“ verbringe. Morgen treffe ich Andrea und beziehe mit ihr eine AirBnB-Unterkunft. Von dort werde ich nach zwei Tagen Pause noch einige Tagestouren unternehmen – aber eigentlich ist heute der letzte Abend der Schottland-Rundtour 2017.

Meine Gedanken gehen zurück. Regen vor Applecross und die Hirsche am Abend. Der „I like your bike“-Junge in Gairloch. Der Traum von einer Bucht nördlich von Ullapool und südlich von Mallaig. Viele nette Leute, Arran Bier und leckere Pizza. 600++ Höhenmeter am Bealach na Ba. Islay, Jura. Viele nasse Tage. Sehr nasse Tage. Aber auch 25 Grad am Loch Tay. Abgerissene Schellen und viel Unterstützung von vielen Menschen. Kilometer, die ich verflucht habe. Kilometer, die ich genossen habe.

Ich habe es genossen. Und ich bin den vielen Leuten dankbar, die mir gesagt haben „Los, fahr los. Mach es.“

Heute, fast ein Jahr später, sitze ich hier. ich schreibe diesen Text. Es ist 5 Uhr morgens. Neben mir steht ein Glas „Highland Park Whisky“. Ich hebe mein Glas, bin glücklich mit der Erinnerung – und weiß, dass (auch wenn DIE Tour durch Schottland nun fast vorbei ist) dennoch einige weitere Touren von Glasgow aus auf mich gewartet haben. Daher ist mit diesem Bericht auch noch nicht Schluss.

Morgen geht es am 25. Tag meiner Reise mit dem Fahrrad durch Schottland hinein in die „schönste Stadt der Welt“. Ich liebe  Ironie. 😉

Slainté!
Auf Schottland!

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