Tag 20: Rundfahrt auf Skye

Ich gönne mir einen Tag „Auszeit“. Pause mache ich nicht, aber ich gönne mir den Luxus, dass ich mein Zelt nicht ab- und wieder aufbauen muss. Denn heute drehe ich nur eine kurze, schöne Runde über Skye.

 


Also – dieser Tag ist ein Lückenfüller. Irgendwie. Er tat/tut aber gut. (Wobei ich rückblickend diesen Tag anders genutzt hätte. Das ärgert mich aber nicht. Warum auch. Ist doch Urlaub.)

Als ich aufwache und aufstehe, regnet es nicht mehr. Es ist bewölkt, aber trocken. Also der Himmel. Aber nicht der Boden. Ich bleibe daher bei meinem Plan, lasse mir etwas Zeit und warte ab, bis sich die Zeltwiese rund um das Sanitärgebäude langsam leert. Dann löse ich die Heringe, hebe mein Zelt an, trage es 15 Meter weiter an die bestmögliche Stelle und versenke die Heringe wieder im Boden. Zelt steht.

Zufrieden schaue ich über den Platz. Dann gehe ich noch einmal zur Toilette und mache mein Fahrrad startbereit. Da das Zelt stehen bleibt, fahre ich heute mit leichtem Gepäck. Lenkertasche und eine Backroller-Tasche muss reichen.

Vorm Sanitärgebäude treffe ich zwei Wanderer, ein Pärchen. Sie machen sich aufbruchbereit und überlegen, wo sie für eine Tageswanderung ihr Gepäck abstellen können. Ich biete mein Zelt an. Sie nehmen es  und stellen ihr nicht benötigtes Gepäck unter. Ich brauche mein Zelt ja nicht. Heute.

Meine Tagesplanung heute: Sligachan – Portree – Struan (Westküste) – Carbost (Talisker) – Glen Brittle – Sligachan.

Gute 100 Kilometer hat die Rundtour. Die Strecke von Carbost bis Glenbrittle würde ich hin und zurück fahren. Mit einem Blick auf die Cuillins (links: red, rechts: black) fahre ich los und lasse die Cuillins hinter mir liegen. 

Es geht die Hauptstraße von Broadford aus nach Portree hoch. Die Straße war ich gestern schon gefahren – bis Sligachan. Jetzt fahre ich sie weiter. Zwischendurch werfe ich immer wieder einen Blick nach hinten, zu den Cuillins. So heißt die Bergkette die den Süden Skyes dominiert. Im Osten liegen die die Red Cuillins, im Westen die Black Cuillins. Warum sie so heißen? Ein Blick bei klarem Wetter aus der Nähe auf die Berge erklären es.  Die Black Cuillins bestehen hauptsächlich aus Basalt und Gabbro. (Grabbo – nie gehört. Es soll ein Magma-ähnliches Gestein sein.) Die Red Cuillins hingegen bestehen hauptsächlich aus Granit, was die rötliche Erscheinung der Berge erklärt.

Aus dieser Entfernung sehen aber alle Berge gleich aus.

Nach einer kurzen Strecke von 13 Kilometern kommt die Bucht von Portree in Sicht. Es handelt sich um ein natürliches Hafenbecken, in dem Portree, die Inselhauptstadt, liegt. Etwa 1/4 der gut 10.000 Einwohner Skyes leben in Portree. Die Anfänge der Stadt liegen schon weit zurück (hier soll St. Kolumban, der Missionar Schottlands im sehr frühen Mittelalter gepredigt haben) – wirklich besiedelt ist die Bucht aber erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts. 

Ich fahre durch die Straßen des Ortes und hinab zum Hafen. Dort liegt eine charakterisch-bunte Häuserzeile. (In zwei Tagen nähere werde ich mich der Bucht von Norden aus nähern, dann ist der Blick auf die Bucht und die Häuser besser. Das Foto wird also nachgereicht.

Während ich mit meinem Fahrrad an der Bucht stehe und ein wenig entspanne  …

… fliegen die Mitbewohner der menschlichen Einwohner Portrees über meinen Kopf hinweg. Wie an jedem Ort an der Küste gibt es auch hier Möwen. Dreiste Möwen.

Irgendwann verliere ich die Lust daran, die Möwen zu beobachten. Auch wenn dies viel Spaß macht. 😉 Ich setze mich auf das Rad und fahre zur Straße oberhalb der Bucht zurück. Von dort geht es ein paar Meter nach Süden und ich stehe hinter und oberhalb der schönen bunten Häuser. Von hier aus sehen sie ganz normal aus.

Nach der Pause in der Bucht halte ich an einem kleinen Co-op in der Durchgangsstraße. Dort kaufe ich mir ein „MealDeal“ – Sandwiches, Chips und ColaLight – und fahre weiter zum „VisitScotland“-Büro. Dort halte ich an, packe meine Vorräte aus, logge mich ins Netz ein und surfe und esse ein wenig.

Nach einigen Minuten Pause geht es weiter. Ich möchte nach Westen fahren. Eine kleine Single Road verbindet Portree (quasi den nicht-geografischen Mittelpunkt der Insel) mit dem westlichen Ufer. Auf dem Weg zu den Außenbezirken Portrees komme ich an einer Fahrradwerkstatt vorbei. Diese liegt aber auf der Rückseite des Gebäudes, ich sehe sie nicht und ich denke auch nicht daran, dass ich dorthin wollte. Mein Fahrrad läuft derzeit absolut rund.

Auf den nächsten 10 Kilometern fahre ich gemütlich und ohne Zeitdruck die Steigung hoch. Es geht von fast 0 (Meereshöhe, wobei ich schon etwas höher bin) auf gut 200 Meter Höhe.  Um mich herum liegen geschwungene Landschaften, vereinzelt Häuser. Immer mal wieder sehe ich Schafe am Wegesrand. Dazwischen sehe ich kleinere Abbruchkanten in der Landschaft: dort wird Torf abgebaut. Wahrscheinlich wird es über den Weg, den ich gerade fahre, nach Westen gebracht. Denn dort im Südwesten liegt die einzige Destillery Skyes – Talisker. Aktuell ist meine Planung noch, dort vorbeizufahren. Eine Führung brauche ich nicht. Dafür reicht die Zeit heute nicht. Muss sie auch nicht.

Ich nähere mich der Küste. Die Straße fällt vergleichsweise steil ab. Die Steigung von über 10 Kilometern wird zu einem Gefälle auf gut 3 Kilometern Strecke. Ich fahre an einige Kühen vorbei. Dann, auf einem kleinen Sattel angekommen, habe ich  einen atemberaubenden Ausblick hinab zur Küste. Sie liegt etwa einen Kilometer vor mir – und 150 Meter unter mir. Ich bereite mich auf eine schöne Abfahrt vor, steige kurz in die Pedale und … halte wieder an. Es wackelt. In den Pedalen. Im Innenlager. Ich fluche, nehme mein Handy. Wieder einmal habe ich Datennetz. Google wird nach „bicycle Repair Skye“ befragt und gibt mir als Antwort, dass es in Portree eine Werkstatt gibt. Sie hat bis 17 Uhr geöffnet. Es ist 16:10. Ich zögere. Eigentlich kann ich die Strecke bis Portree in der Zeit nicht mehr schaffen. Was habe ich für Alternativen. Ich fahre zurück, die Werkstatt macht wegen mir Überstunden und ich fahre an der Ostküste zurück nach Sligachan. Den Weg, den ich gekommen bin. Oder ich fahre weiter, streiche Talisker und die Abfahrt nach GlenBrittle 🙁 und halte mich stattdessen direkt auf Sligachan. An der Hauptstraße liegt eine Bushaltestelle. Ich könnte morgen mein Fahrrad und alle Klamotten in den Bus packen und so nach Portree fahren. Gut 25 Kilometer liegen noch vor mir. Ich entscheide mich für Lösung B. Also geht es nun entlang des Tals hinab zur Küste. Die Aussicht ist sehr schön, die Fahrt hinab auch.

Nur wenige hundert Meter nachdem ich die Küste erreicht habe, wackelt es immer mehr. Drehe ich doch um? In der Nähe sehe ich ein Wohnhaus. Ich halte an und leihe mir eine Rohrzange oder etwas ähnliches. Damit kann ich die „Außenringschraube“ (ich weiß immer noch nicht, wie das Ding heißt 😉 ) wieder fester anziehen.

Ich bedanke mich und fahre weiter Richtung Süden, wieder auf die Cuillins zu.

Es geht wieder leicht berghoch. Anstrengend ist es nicht, auch wenn ich vorsichtig trampele. Immer wieder kann ich zwischen den Hügeln am Straßenrand hindurch hinunter zum Loch Harport schauen. Loch Harport ist abermals eines der länglichen Sealochs und trennt die Halbinsel von Minginish optisch halbwegs vom Rest von Skye ab. Gegenüber von mir liegt Carbost mit der Talisker-Destillery, weiter im Süden GlenBrittle und kurz davor die Fairy Pools.

Nach 8 Kilometern steht am Wegesrand eine Holzfigur. Ich habe mich schon mehrmals gefragt, was er da macht. Er steht da wie Jesus, aber Jesus sieht eigentlich anders aus. Ich komme wieder ins Grübeln. Sehr sicher sind die Pedale gerade nicht, aber es hält derzeit. Biege ich doch rechts ab. Probehalber fahre ich in Richtung Talisker.

 

Aber schon nach 2 Kilometern bleibe ich erneut stehen. Mach keinen Unsinn, sage ich mir, genieß lieber die Zeit auf dem Campinplatz. Ich drehe um und nehme die Straße, die mich auf Sligachan zurollen lässt. Aber wie immer kommt natürlich vor dem Vergnügen die Arbeit – bevor ich sie herunterrolle, muss ich sie erst auf der anderen Seite hochfahren. *seufz*

Einen Kilometer vor dem Ziel des Tages halte ich wieder an und genieße den Blick von der Anhöhe aus hinüber zu den Cuillins

Zwischen den Bergen führt das Glen Sligachan hindurch. Dort führt ein sehr schöner Wanderweg hindurch bis nach Elgol. (Also optisch schön, nicht von der Qualität des Weges her. Der ist teilweise etwas schwierig zu finden.) Ein weiterer Weg führt von Sligachan rüber zu den Fairy Pools und ein dritter führ über die Berge hin zum Loch Coruisk, einem der wahrscheinlich abgelegensten Löcher Schottland. Man kommt nur zu Fuß und mit dem Boot dorthin. Auch leider nicht mit dem Fahrrad.

Ich lasse die Cuillins noch ein wenig auf mich wirken und fahre schließlich weiter.

Kurz vorm Campingplatz halte ich noch einmal an – so wie es alle Touristen machen. Dort, nur wenige Meter neben den Sligachan Hotel, liegt die alte Brücke von Sligachan, die heute als parallele Fußgängerbrücke dient.

Das Wasser fließt von hier aus am Campingplatz vorbei ins Loch Sligachan.

Ich komme zeitig am Campingplatz an. Das ist gut. Passend zu dem Halt eines Busses, der zwischen Portree und Broadford fährt, stehe ich an der Bushaltestelle beim Sligachan Hotel und erkundige mich, ob man im Bus ein Fahrrad mitnehmen könne. Der Fahrer bestätigt. Okay – der Tag morgen kann als wie geplant starten.

Zurück im Zelt gibt es noch Abendessen. Das Zelt habe ich inzwischen wieder für mich. Meine „Taschengäste“ haben ihre Taschen abgeholt.

Nach dem Essen gehe ich nochmal auf eine „Soup of the day“ rüber ins Sligachan Hotel.

Nein, um bei der Wahrheit zu bleiben, es ist ein Skye-Bier, welches ich trinke. Und bei diesem Programmpunkt am Abend streikt meine Erinnerung. (Ich hoffe nicht wegen des Bieres.) Sitze ich dort alleine oder sind wir zu zweit? Oder saß ich am Vortag zu zweit da? Benjamin, weißt du es noch?

Denn als ich gestern (oder heute) am Sanitärgebäude des Campingplatzes stand, sprach mich ein Motorradfahrer an. „Hallo, auch hier?“ Ich guckte verwundert. Kennen wir uns? *grübel* Welchen Motorradfahrer kenne ich, wo habe ich ihn schon einmal gesehen. Er sah mich grinsend an und sagte dann „Islay“. Wir verabreden uns (an einem der beiden Tage) noch auf ein Bier im Sligachan Hotel und treffen uns kurz darauf. Gemeinsam gehen wir rüber. Es wird/wurde ein interessanter Abend. Wir tauschen uns über gefahrene Kilometer und Erfahrungen aus. Ich gebe ihm den Tipp mit Manuela’s Wee Bakery für die Weiterfahrt. Unter anderem erzählt er mir, dass er mich bei der Anfahrt zur Kintra-Farm auf Islay von hinten für eine Frau gehalten hat. Warum? Ich trage beim Radfahren mein Haar normalerweise offen und nur durch ein Buff auf dem Kopf gehalten. 😉
Außerdem trinken wir im Sligachan Hotel das ein oder andere Bier. Und bleiben in Kontakt. 

Am nächsten Tag sehen wir uns noch auf der Strecke. Benjamin, wenn du das liest – vielleicht weißt du noch, ob wir uns am Montag oder Dienstag getroffen haben.

Auch wenn ich im Nachhinein nicht mehr genau weiß, wann das Treffen Abends stattgefunden hat – ich schrieb schon einmal, dass diese Begegnungen mit netten Leuten das Salz in der Suppe des Touren-Radelns ist. Und so ist es immer noch.

Irgendwann gehe ich in Richtung Zelt, schaue noch einmal zu den Schatten der Red Cuillins rüber, die jetzt, um diese Uhrzeit, auch eher Black Cuillins sind (Wie heißt es so schön „Nachts sind alle Cuillins grau“ – oder ging das Sprichwort anders. 😉 ) Dann rolle ich mich ins Zelt, und schlafe ein. Meine Gedanken beim Einschlafen sind schon am nächsten Tag. Und auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wann ich mit Benjamin im Hotel gesessen habe – ich weiß noch, dass ich in der Nacht sehr unruhig geschlafen habe. Weil ich doch irgendwie nervös war. Wie würde es morgen weitergehen. Nach dem Werkstattbesuch.

Tag 19 Tag 21