Tag 2: Border – Edinburgh

Der Campingplatz liegt im Tal, abseits der Straße, an einem kleinen Flusslauf. Als mich morgens um 7 Uhr mein Handy weckt, liege ich noch einige Minuten wach und lausche dem Plätschern des Wassers. Dabei rolle ich mich noch einmal in meinen Schlafsack ein. Schlafsack? Eigentlich ist es eher in Trekking- Quilt. Selbstgenäht von Andrea ist er in dieser Nacht das erste Mal in den Einsatz gekommen. Quintessenz: er hielt mich warm. Gut gemacht, Andrea. Meine restliche Ausrüstung kommt aber zu 90% aus dem Fachhandel.

Schließlich stehe ich doch auf  – der Tag wartet mit 110 Kilometer bis Edinburgh auf mich. Ich packe meine Fahrradtaschen wieder. Noch ist es „Arbeit“ – es soll aber in den kommenden Wochen zur Gewohnheit, zur Routine werden. Dann, kurz vor der Abfahrt, schaue ich noch meine Vorräte durch. Ich habe noch eine Handvoll Babybels und Nudeln mit Sauce. Außerdem Energieriegel. Ich esse 2 Babybel zum Starten, dass war es erst einmal. Denn in ungefähr 10 Kilometern wartet die „Carter’s Bar“ auf mich. Die Imbissbude an der englisch-schottischen Grenze. ich freue mich schon auf den Moment, an dem ich die Border überqueren werde.

Vorher halte ich aber noch am Cacleugh Reservoir an. Erinnerungen werden wach an die Osterferien. Damals habe ich in Spindleruv Mlyn auch vorm Start des Elbradwegs Halt an einem Stausee gemacht. Das Cacleugh Reservoir wurde vor gut 120 Jahren errichtet und ist ein „echtes“ englisches Gewässer. gefüllt wird es vom River Rede, der noch diesseits der Border entspringt. Hätte ich mir mehr Zeit genommen, hätte ich vielleicht auch Otter und andere Tiere am Ufer sehen können. Aber ich habe Hunger und will zur Border. Außerdem wartet Edinburgh.

Die Grenze liegt dummerweise auf einem Hügel. Dabei bin ich noch viele Kilometer von den Highlands entfernt. (Wobei: das höchstgelegende schottische Dorf liegt auch in den Lowlands. *schulterzuck*)

Auf dem Weg zu den Borders mache ich wieder Bekanntschaften mit den „Britischen Radwegen“ – bzw. „Nicht-Radwegen“. Ich fahre an einer Landstraße bergan. Ständig werde ich von LKWs überholt, die den Weg von Newcastle nach Edinburgh über die „Landstraße“ abkürzen. Im Schneckentempo kämpfe ich mich den Berg hoch. Dabei ist die Steigung um Vergleich zu dem, was ich noch erleben werde (und problemlos fahren werde) ein Kinderspiel. Irgendwann habe ich mal gelesen, dass man das Training für eine Tour bei der Tour macht. Ich bin also noch im Training.

Probleme mit den LKWs habe ich übrigens nicht. Ich merke schon jetzt, dass das Fahren auf den Straßen nicht so gefährlich ist, wie ich befürchtet habe. Die LKWs nehmen viel Rücksicht auf mich. Das bestätigt sich auch in den kommenden Wochen immer wieder. Nur einmal sollte es kritisch werden. Auf Skye. Aber das war auch kein LKW.

Schließlich erreiche ich die Grenze. Später als gedacht, da ich immer wieder absteige und schiebe.  Die letzten 500 Meter fahre ich aber wieder. Schließlich möchte ich die Grenze „erhobenen Hauptes“ erreichen.

Die Bedienung in der Carter’s Bar guckt mich irritiert an, als ich mit dem Fahrrad anrolle. Scheinbar sind sie eher LKWs, Autos und Busse gewohnt. Neben dem „Borders-Stein“ steht ein Auto mit Merchandising-Artikeln.

Ich frühstücke gemütlich in der Carter’s Bar. Dann mache ich, wie jeder Tourist ein paar Fotos von mir und dem Grenzstein und dem Merchandising-Auto.    Als ich gerade wieder abfahren möchte, hält neben mir ein Bus. Einige dutzend Japaner (Chinesen?) steigen aus und werfen einen Blick aufs Panorama der Grenze. Dann sehen sie mich. Wenige Minuten später wurde ich auf zig japanischen Handys verewigt und die Touristen werden wahrscheinlich inzwischen in Japan von dem Radfahrer schwärmen, den sie an der Grenze gesehen haben. 

Gut 20 Kilometer liegen nun vor mir, bis ich das 300 Meter tiefer liegende Jedburgh erreiche. Einen Großteil des Höhenunterschieds liegt auf den ersten Kilometern hinter der Grenze, die ich (gut verpackt) schnell zurück lege. Irgendwann überholt mich ein Reisebus. In seinen Fenstern sehe ich die japanische Reisegruppe von der Border, die mich anfeuert.

Dann erreiche ich Jedburgh. Schon bei der Anfahrt sehe ich die Ruine des alten Augustinerklosters. Im 12. Jahrhundert gegründet hatte es eine wechselhafte schottisch-englische Geschichte, wurde mehrmals zerstört und wiederaufgebaut und befindet sich nun seit 100 Jahren als historische Ruine unter der Verwaltung von „Historic Scotland“.

Noch in Jeburgh verlasse ich die Hauptstraße und bewege mich an Wiesen und Feldern vorbei Richtung Melrose. Zwischendurch habe ich bei einer kurzen Pause einen schönen Blick auf die Eildon Hills südlich von Melrose. Kurz darauf sollte ich auch in der Nähe der drei Hügel vorbeifahren.

Die Strecke ist meistens gut zu befahren. Manchmal sind es schlammige, steinige Waldwege. Aber wenn man einmal von der Fuhrt und der Brücke absieht, gibt es keine größeren Hindernisse auf dem Weg.

Auf Höhe der Eildon Hills geht es wieder bergab. Dabei habe ich immer wieder schöne Ausblicke auf Melrose, Melrose Abbey und das Tal des Tweeds. Ich lasse den kleinen Ort Melrose jedoch rechts liegen und fahre übert Tweedbank nach Galashiels rein.

In Tweedbank steht ein Zug am Kopfbahnhof, auf den ich zufahre. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, mein Fahrrad in den Zug zu packen und mit ihm nach Edinburgh zu fahren. Aber dann denke ich daran, dass ich auch beim Rheinradweg am ersten Tag geschummelt habe und fahre weiter. Linker Hand geht es nach Abbootsford ab, dem ehemaligen Sitz von Sir Walter Scott. Es täte mich reizen – aber ich will ja noch (mit dem Fahrrad, nicht mit dem Zug) Edinburgh erreichen.

Stattdessen nehme ich mir ein wenig Zeit für Galashiels, umkreise die Innenstadt und genieße die Bausubstanz. Schöne alte, kleine und größere Häuser gibt es hier. In der Innenstadt finde ich einen Shop, in dem ich mir Wasser, Cola Light und Baguettes kaufen kann. Das sollte mein Mittagessen werden.

Bei der Weiterfahrt, als ich Galashiels nach Norden verlasse, treffe ich noch auf einen McDonalds. Aber jetzt bin ich satt.

Den McDonalds sehe ich kurz darauf noch einmal, denn ich muss umdrehen und einen kleinen Umweg fahren. Vor mir führte der Radweg eine Brücke hoch – über eine Treppe. Okay, normalerweise hätte ich mein Fahrrad jetzt geschultert. Aber nicht mit dem vielen Gepäck.

Ich verlasse Galashiels nun auf der gut befahrenen A7. Leider lassen sich die nächsten 5 Kilometer nicht anders zurücklegen. Aber dann biege ich von der A7 ab und folge für die nächsten 20 Kilometer einer wenig befahrenen kleinen Straße, die sich westlich des Flusses Gala entlangschlängelt. Immer wieder fahre ich durch kleinere Orte mit knuffigen, kleinen Primary Schools. (Einige Wochen später nutze ich einmal die Chance, um mir ein Klassenzimmer durch Fenster anzuschauen. Die Klassenzimmer ähneln unseren in deutschen Grundschulen, sind aber kleiner.

Der Weg schlängelte und wellte sich über die Hügeln des südlichen Schottlands. Den Fluß Gala und die A7 habe ich oft im Blick. Nach insgesamt 85 Kilometern am heutigen Tag wechsele ich wieder auf die A7 zurück.

Zuerst gibt es noch einen kleinen Seitenstreifen zum Fahrradfahren. Im Laufe der folgenden 10 Kilometer verschwindet aber auch dieser. Gefährlich wird es trotzdem nicht. Wie schon am Morgen bemerkt halten die überholenden Autos viel Abstand von mir. (Vielleicht sind sie geschockt, weil sie sowas exotisches wie einen Tourenradler noch nie gesehen haben. 😉 )

Der A7 folgend komme ich nach Mittelerde. Zumindest erinnert mich „Midlothian“, der Bezirk südlich von Edinburgh, immer an den Namen des Elbenwaldes, in dem Galadriel wohnt.

Schon bald erblicke aus der Ferne Arthur’s Seat in Edinburgh. Grinsend muss ich daran denken, dass dieser Hügel mit King Arthur nichts zu tun hat. Sein Name rührt daher, dass der Hügel Sitz der Bogenschützen („Archer“) war.

Bei Kilometer 95 poltere ich einen Borstein hinab. Mein rechter Backroller kommentiert dieses Ruckeln mit einem „ich verliere dann mal eine Schraube“. Die Schraube finde ich auch nicht wieder. Damit ich weiterfahren kann ohne dass mir die Fahrradtasche abfällt hilft nur eins: Kabelbinder! Mit Kabelbinder befestige ich die Halterung der Tasche wieder an der Tasche und zurre alles fest. Vorsichtig geht es weiter. (Und die ToDo-Liste für Edinburgh hat einen Punkt mehr: Schraube kaufen.)

Ich nähere mich dem Ziel. An Arthur’s Seat komme ich heute aber noch nicht vorbei. Morgen mache ich aber einen kleinen Schlenker dorthin. Stattdessen führt mich mein Weg (bzw. meine Navi) netterweise immer wieder von der A7 herunter und durch die Vororte von Edinburgh. Der Weg durch den Rand des politischen Zentrums Schottlands verläuft ereignislos. Interessant finde ich nur, dass ich endlich einmal auf ausgewiesene Radwege treffe.

Gegen 20 Uhr komme ich am „Mortonhall Caravan and Camping Park“ an. Die Übernachtung ist teuer – ich zahle fast 25 Pfund für die Nacht. Dafür sitze ich auf einem großen, gut ausgestatteten Campingplatz. Sogar ein Restaurant  gibt es. Aber als ich dort um 21 Uhr sitze und etwas zu Essen bestellen möchte, heißt es „Zu spät, die Küche ist schon geschlossen.“ Okay, dann bleibt die Küche kalt (da ich wieder den Gaskocher nicht anbekomme).

Ich unterhalte mich noch ein wenig mit meinem Nachbarn, einer Familie aus Deutschland, und telefoniere dann mit Andrea. Dann ist dieser zweite Tag mit 110 Kilometern und ungefähr 800 Höhenmetern vorbei.


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