Tag 18: Oban – Salen

Diese Tour an diesem Tag unterliegt vielen, ständigen Änderungen und Anpassungen. So gut gelaunt ich am gestrigen Tag war – so gefrustet bin ich stellenweise heute. Geplant war die Tour ungefähr folgendermaßen.

Von Oban aus sollte es wieder nach Mull hinüber gehen. Zuerst wollte ich der Nordküstenstraße folgen um dann auf der Mitte der Insel Richtung Süden abzubiegen und in einem Bogen nach Tobermory zu fahren. Von dort wollte ich die Fähre rüber nach Kilchoan nehmen und südlich von Kilchoan auf einen Campingplatz gehen. Je nach Zeit wäre noch der Abstecher zum westlichen Zipfel des schottischen Festlandes vorgesehen gewesen.

Daraus wurde dann aufgrund bewusster Entscheidungen und technischer Probleme folgende Tour:


Mein erstes Ziel am heutigen Tag ist Oban – ich muss zurück zum Backpackers Plus und meine Akkus wieder abholen. Alle Akkus sind aufgeladen. Dann geht es runter zum Hafen. Wieder einmal stehe ich am Schalter. Wieder einmal kaufe ich ein Ticket rüber nach Mull. Wieder einmal schiebe ich mein Fahrrad auf die Ferry nach Craignure.

Die Überfahrt dauert nicht lang, schon bald habe ich wieder Land unter den Füßen. Dieses Mal wende ich mich auf der Küstenstraße nach Osten. Nach 7 Kilometern biege ich recht spontan rechts ab. Etwa einmal in der Stunde fährt von dort am Ende der Seitenstraße (in Fishnish) eine Fähre rüber nach Lochaline über den Sound of Mull. Am Dienstag hatte ich mich in Duart Castle mit der Aufsicht über den Weg von Lochaline nach Salen unterhalten. Er meinte, der Weg durch die Halbinsel Morvern wäre eine sehr schöne Strecke. Also gebe ich ihr eine Chance. Nachteil ist, dass ich dann die Strecke Salen – Kilchoan am nächsten Morgen in Gegenrichtung nochmal fahre, da ich in der Nähe von Salen auf der Karte keinen Campingplatz gefunden habe. Ab Salen geht die Straße nach Mallaig gen Norden ab.

Ich setze also über und denke mir dabei, dass die Fähren immer kleiner werden. 😉

Das kleine Schiff legt nach 20 Minuten im Hafen von Lochaline an. 

Ich schaue mich noch ein wenig am Ziel der Ferry um.

Dann fahre ich die Straße hinauf, die vom Sound of Mull Richtung Norden führt. Nach wenigen Metern reiße ich mein Lenkrad herum. Mein schwer bepacktes Rad reagiert sofort und ich fahre an dem kleinen Knirps von Fledermaus vorbei, der auf der Straße liegt. Eine Fledermaus am hellichten Tag mitten auf der Straße? Das kann nicht gut gehen. Also lehne ich mein Fahrrad an einer Mauer an (der Fahrradständer ist ja kaputt) und opfere mein „Laphroig Destillery Visitor Program“, um den kleinen Kerl von der Straße runter an den Straßenrand zu packen. Dort liegen viele Steine herum, die mehrere Höhlen bilden. Vor einer der Höhlen setze ich ihn (oder sie) ab. Schnell krabbelt er hinein, ohne sich noch einmal umzusehen.

Über die übliche Single-Road geht es nun bergan. Den Anstieg hätte man sich auch sparen können, denn schon 2 Kilometer später geht es wieder bergab. Aber die Aussicht von der Anhöhe ist wieder nicht schlecht.

Gefühlt kann ich bis zum Loch Linnhe gucken – wenn die Berge nicht im Weg ständen. 5 Kilometer weit begleitet mich im Tal unter mir das Loch Aline (passenderweise liegt Lochaline am Ufer von Loch Aline 😉 ) Dann umgibt mich nur noch Landschaft für die nächsten Kilometer. Irgendwann, kurz bevor die Straße einen Knick nach Osten macht, kann man hinter den Büschen auf der rechten Seite das Loch Arienas erahnen. Meine Gedanken sind aber eher bei dem Anstieg, der mich auf den nächsten 10 Kilometern erwartet. Es geht gut 200 Meter hoch.

Doch die Steigung verblasst sehr schnell vor einem anderen Problem. Wie ich beim Trampeln immer wieder mein Gewicht über die Schuhe in die Klick-Pedale drücke , merke ich mit der Zeit, dass mein Tritt „schwabbelig“ wird. Irgendwas scheint zu wackeln. Ich halte an, kontrolliere meine Pedale, drehe an allen beweglichen Teilen und wünsche mir, dass ich vor meiner Abfahrt eine Ausbildung in einer Fahrradwerkstatt gemacht hätte. Zum Glück habe ich gerade guten Empfang am Handy. (Das verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Um mich herum ist in erster Linie „nichts“ – und ich kann telefonieren und surfen. Aber okay. Das werde ich jetzt nicht hinterfragen.) ich rufe einmal, da es Samstag Vormittag ist, zuhause an. Vielleicht hat Andrea eine Idee. Ich schicke ihr ein Foto und wir sind uns schnell einig, dass da irgendwas locker ist und ich eine Werkstatt aufsuchen solle. „A propos Werkstatt“ – denke ich mir. Ich nutze die Datenverbindung und schreibe eine Bekannte von mir an, die bei der Firma Löckenhoff in Paderborn arbeitet. Sie ist am Arbeiten, ruft mich zurück und verbindet mich direkt mit der Werkstatt. Ich schicke ihr auch das Foto. Die Werkstatt unterhält sich mit mir, lässt sich die Symptome beschreiben und macht eine „Fernwartung“. Ergebnis: ich kann versuchen (soweit es geht) die Pedale an der Außenschraube (ich weiß den Namen nicht mehr) festzuschrauben. Immer wieder. Sinnvoller wäre es aber, eine Werkstatt aufzusuchen, da ein Problem mit dem Innenlager vorliegt.

Ich komme ins Grübeln. Mein nächstes größeres Ziel ist Skye. Da will ich auch hin. Eine Werkstatt finde ich auf jeden Fall in Fort Williams. Wenn ich den direkten Weg dorthin nehmen würde, wäre ich heute Abend da. Aber – morgen ist Sonntag. Da hat die Werkstatt eh nicht auf. Ich traue es auch Skye zu, dass es dort irgendwo einen Fahrradschrauber gibt, der mir das Innenlager wieder fest anziehen kann. Ich beschließe, erst einmal weiter zu fahren. Vorher ziehe ich die Schraubringe (sobald ich wieder weiß, wie sie heißen, ändere ich es im Text) wieder fest und fahre vorsichtig weiter. Erst einmal hält es wieder. Das ist gut so.

Nicht vergessen möchte ich, dass (während ich mit dem Rad am Straßenrand stand) zwei Autos vorbeikamen. Beide Fahrer fragten mich, ob sie helfen könnten. Super. Danke unbekannterweise.

Nun geht es mit nicht mehr so wackliger Pedale und frischem Mut weiter. Die Straße muss ich noch hoch – danach geht es wieder ein paar Meter runter.

Nach einem kurzen Taleinschnitt und der entsprechenden Abfahrt erreiche ich eine Kreuzung. Mein Weg führt mich nach Norden, in Richtung Loch Sunart. Die B8043 (geradeaus) würde zum Loch Linnhe und von da aus nach Fort Williams führen. Ich möchte mein Ziel „Skye“ noch nicht aus den Augen verlieren und fahre gen Norden. Wohl wissend, dass dort eine kurze knackige Steigung auf fast 300 Höhenmeter auf mich wartet. Es könnten die Ausläufer des Creach Bheinn (ca. 850 Meter) sein – des höchsten Bergs auf Morvern, dessen Spitze etwa 5 Kilometer weiter im Osten in den Himmel ragt.

Die vor mir liegende Höhe ist auch genommen. Ich merke sie kaum. (Scheinbar bin ich in Gedanken bei meinen Pedalen. 😉  So hätte ich auch den Applecross-Pass  problemlos befahren.) Dann geht es bergab, fast 300 Höhenmeter auf wenigen Kilometern. Drei Kilometer, um genau zu sein. Hinab zum Loch Sunart.

Das Loch Sunart ist mit 31 Kilometern Länge das längste See-Loch Schottlands.  Einen Teil der 31 Kilometer sollte ich heute noch entlang fahren. Eigentlich war sogar fast die ganze Länge angedacht. Aber daraus wird nichts.

Bevor ich an der Nordküste dem Loch folge, muss ich aber erst einmal an der Südküste bis zum östlichen Ende des Lochs fahren. Aber bevor das passiert, halte ich auf der kurzen Abfahrt an. Regenbogen kenne ich ja. Hier aus Schottland – natürlich auch aus Deutschland. Aber einen „Regenbogenvorhang“, wie er gerade über Strontian hängt, habe ich noch nie gesehen. Sieht aber nett aus. (Nein – ich werde jetzt nicht „Joseph and the amazing colourful Dreamcoat“ verlinken. 😉 )

Mein Weg führt mich an die Ostküste des Lochs. Dort halte ich kurz für meine  übliches Foto vom Kopfende eines Lochs an. Ich liebe diese Fotos und die Perspektive – möglichst weit runter auf Bodenniveau und dann aus der Froschperspektive fotografieren.)  

Ich fahre aber schnell weiter. Noch trennen mich geschätzte 50 Kilometer von meinem Ziel hinter dem Zusammenfluss des Lochs Sunarts mit dem Sound of Mull. Ich erreiche wieder eine Kreuzung. Wieder einmal geht es Richtung Fort Williams und Richtung „Meine Richtung“. „Die Pedale sind gerade okay und der Laden hat morgen eh nicht auf – sage ich mir. Ich biege nach Westen ab, meinem Ziel entgegen.

2 Kilometer später erreiche ich Strontian. Und jetzt weiß ich auch, warum ich immer Strontium sagen möchte. Ich als „Nicht-Chemiker“ und „Nicht-Sachkunde-Lehrer“ (nicht dass Strontium in der Grundschule eine relevante Rolle spielen würde) konnte das Wort zwar nicht einordnen. Aber trotzdem hatte ich immer „Strontium“ im Kopf.

Später, zuhause, lese ich mir auch mal den Wikipedia-Eintrag zu Strontium durch. Es ist ein Erdalkali-Metall. Und es wurde 1791 entdeckt. In Strontian. Soviel habe ich verstanden.

Früher war Strontian ein wichtiger Bergbau-Ort, als solcher wurde er auch Anfang des 18. Jahrhunderts gegründet. Heute ist er hauptsächlich Einkaufs-und Schulort für die umliegenden Gehöfte. Schreibt die Wikipedia. Einkaufen werde ich hier auch. Ich nehme Vorräte und Cola light und einen  Schoko-Riegel auf. Aufhalten werde ich mich aber nicht länger – denn immer noch habe ich gut 40 Kilometer vor mir. Ich bin spät gestartet (das ärgert mich) und hatte die Panne zwischendurch (das ärgert mich auch – aber das lag nicht in meiner Hand). Jetzt muss ich durchziehen.

Das mache ich auch. Es geht entlang der Nordküste des Loch Sunart. Immer mit Blick aufs Loch. Ich gebe Gas – bis plötzlich mein rechter Frontroller hinter mir liegen bleibt. „Verdammter …“, nein. Ich bin im Urlaub, ich rege mich nicht auf und was immer auch passiert, passiert, weil es passieren muss. Ganz ruhig. Ich halte an, krame einen Reserve-Metallring aus der Tasche, schraube den Frontroller komplett ab, … Etwa 30 Minuten kostet mich die Reparatur. Zwischendurch kommt ein junges, deutsches Pärchen auf ihren Rädern vorbei. Wir unterhalten uns – sie erzählen mir von einem Campingplatz in einigen Kilometern Entfernung. Sie selbst wollen da nicht hin – sie campen wild. Ich nicht. Aber ich beschließe, dass ich nach diesem grandiosen Tag meinen Stolz in die Fahrradtasche stecke und den Campingplatz ansteuern werde.

Auf der Karte steht er als „Resipole Farm Holiday Park“ – vielleicht bin ich deswegen nicht auf die Idee gekommen, dass dort ein Campingplatz sein könnte. Aber eigentlich wäre es eh nicht mein Ziel gewesen. Das lag weiter draußen. Nach dem Tag heute ist es aber genug. Gut 10 Kilometer später steuere ich den Campingplatz an.  Die Besitzerin hinter der Rezeption ist nett. Platz ist noch da. Nur Bier gibt es nicht. Auch okay, ich werde es wohl überleben. 

Ich baue mein Zelt auf, dusche mich, esse zu Abend und gehe telefonieren. Erst mit meinen Eltern, dann mit Andrea. Zu erzählen habe ich heute Abend viel – und ich brauche ein wenig mentale Unterstützung. Denn auch wenn ich wieder viel Schönes gesehen habe (der Weg durch Morvern war wirklich interessant), eine Fledermaus (möglicherweise) gerettet habe, viel Unterstützung durch Freunde und Passanten erhalten habe – der Tag war komisch. Im Blog habe ich damals geschrieben „Den Tag könnte man streichen.“ Nein, streichen nicht. Auch „Niederlagen“ sind wertvoll. Denn an Niederlagen und Problemen wächst man. Auch wenn es mir persönlich lieber gewesen wäre, wenn ich nicht gewachsen wäre, sondern die Westküste erreicht hätte. Schwamm drüber.

Endgültig entschädigen für den verlorenen Blick auf den Atlantik wird mich der Mond, der über dem Loch Sunart scheint. Traumhaft.

So geht ein nicht so erfolgreicher Tag zu Ende. Auch der nächste Tag wird tendenziell nicht immer so, wie er sein sollte. Mal schauen.

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