Tag 15: Oban – Tayvallich

Übermäßig viele Höhenmeter sind es auf dieser Etappe nicht – aber es geht immer hoch und runter. Außerdem habe ich etwas Zeitdruck, da ich um 18 Uhr in Tayvallich sein muss. Von dort fährt eine Personenfähre über den Sound of Jura rüber nach Jura – und da möchte ich heute Abend sein.

Ich packe meine Sachen im Backpackers Plus ein, denke mir, dass Andrea es sehr gut ausgewählt hat. Bevor ich fahre, verewige ich mich noch an der Unterschriftenwand. „Rothairachd an Alba 2017“ schreibe ich – „Radfahren in Schottland 2017“.

Mein Weg führt mich durch Oban hindurch, ich fahre noch

einmal am Hafen entlang. An einem Fahrradgeschäft halte ich und kaufe mir die Klingel, die ich neu brauche. Wir kommen kurz ins Gespräch, als der Händler mein vollbepacktes Rad sieht.

Dann verlasse ich Oban gen Osten. Kleinigkeiten fesseln meinen Blick. Vielleicht will ich mich auch nur vor der anstehenden ersten Steigung drücken.

Worauf ich achte, sind aber nur Kleinigkeiten. Auffällige , typische Kleinigkeiten.

Dann geht es hinaus, hinauf und hinab in der Gegens südlich vom Loch Etivé. Bis Taynuilt in 20 Kilometern geht es durch eine Gegend, die nicht mehr so typisch schottisch ist, wie die Highlands. Es sieht hier (und auch im weiteren Verlauf) immer wieder mehr aus, als ob ich mich im Sauerland befinden würde.

Die Hügel der Highlands sieht man nur noch in einiger Entfernung.

Allerdings gibt es hier mehr Schafe. Wieder einmal sind die netten Wollknäuel oft irritiert, wenn ich vorbeifahre. 

Ich glaube, ich habe schon erwähnt, dass ich mich hier (in der Gegend südlich und knapp östlich von Oban) wie im Sauerland fühle. 

Dieses Bild hätte ich auch in der südlich von Bestwig aufnehmen können.Doch immer wieder holen mich Aussichten nach Schottland zurück.Spätestens beim nächsten Cattle Grid weiß ich wieder, wo ich bin. Volle Konzentration – Lenker stabil halten – und  …. es rüttelt mich durch. Dann bin ich rüber. Neidvoll schauen die Schafe hinter mir her. 😉

Am Straßenrand, hier bei einem kleinen Gehöft 4 Kilometer vor Taynuit, gibt es manchmal auch Kunstwerke zu sehen. Die letzten 8 Kilometer ging es sanft bergauf. Gestartet bei Meeresspiegel-Höhe liege ich nun bei ca. 160 Höhenmetern. (Das war aber auch schon der 2. Hügel auf meiner Tagesetappe.) 

Von der Anhöhe aus fällt mein Blick runter aufs Loch Leven bei Taynuit. Da muss ich wieder runter. Ich komme leicht von Süden, fahre nach Taynuit runter und biege kurz darauf wieder nach Süden ab. Eine Querverbindung zwischen den beiden Straßen im Süden gibt es leider nicht. Es gibt zwar ab und zu Wege, die von hier aus nach Osten abgehen – die hören aber dann irgendwann auf.

Vielleicht ist die Erklärung ohne Karte doch zu kompliziert. 😉 Hier ist die Strecke bei Taynuit abgebildet, ich komme von Südwesten und muss nach Südosten weiter. Auf der mittleren Erhöhung befinde ich mich, die rechte liegt nach der Durchfahrt durch Taynuit wieder vor mir. Eine Direktverbindung wäre also gar nicht schlecht gewesen. 

Bevor ich jetzt wieder ins Tal fahre, genieße ich noch den Blick aufs Loch Etive. Dann rolle ich nach Taynuit rein. Ich halte mich für einige Minuten in Taynuit auf und fahre die Straße zum Loch hinunter. Im örtlichen Shop kaufe ich ein wenig ein und erkundige mich nach einem Campingplatz. Nein – ich möchte noch nicht aufhören. Aber wenn ich am Freitag auf dem Rückweg nach Oban bin, könnte die Strecke etwas lang werden. Eine Übernachtung in Taynuit würde daher sehr gut passen. Es gibt aber keinen Campingplatz. Also muss ich am Freitag bis Oban weiterfahren.

Frisch gestärkt mache ich mich auf den Weg Richtung Süden. Als nächstes erwartet mich der schon erwähnte Anstieg auf 200 Meter Höhe, welcher mich rüber zum Loch Awe bringt. Vorher komme ich aber noch am Loch Tromlee vorbei. Das Loch (eigentlich sind es zwei kleine Löcher, die mit einem kurzen Zwischenstück verbunden sind) ist so klein und unbedeutend, dass es noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag dazu gibt. 😉 Aber einen Roman gibt es seit 2017 zu dem Loch. „The Mystery of Loch Tromlee“. Das Buch hat nur 37 Seiten – ich lese bei Gelegenheit mal die Kindle-Version.

A propos „37“ – Ich fahre nun wieder bergab auf das 37 Kilometer lange „Loch Awe“ zu. Bevor ich das drittgrößte Loch Schottlands erreiche, passiere ich noch Kilchrenan. Okay, „passieren“ ist wieder übertrieben. Es sind wieder nur einige Häuser, die an mir vorbeifliegen. Dazu kommt das Kilchrenan Inn. Ich überlege kurz, ob ich mich dort ein paar Minuten hinsetze. Da fällt mein Blick auf das Schild, welches vor dem Inn steht: „Kilchrenan Primary School“, verbunden mit einem Wegweiser. Ich folge dem Wegweiser einmal, um einen Blick auf die Primary School zu werfen. 2 Klassenräume, 2 Lehrerinnen. Eigentlich kann es sich nur um jahrgangsübergreifendes Lernen Handeln. Die Schule ist irgendwie knuffig. Wer einmal näheres wissen möchte – man findet die Schule auch im Internet: http://www.kilchrenan.argyll-bute.sch.uk/

Nach dem kurzen „Bildungs-Stop“ geht es weiter. Nach wenigen hundert Metern folge ich dem Hinweisschild gen Dalavich und dem darunter hängenden Hinweis auf dir Route NCR 78. Bis Dalavich sind es noch 7 1/2 Kilometer Meilen. Das Umrechen klappt nach 2 Wochen beinahe automatisch. 7,5 Me sind ungefähr 12 Kilometer.

Vom Loch Awe sehe ich erst einmal nicht viel. Der Weg führt über die übliche Single Road zwischen Bäumen (linker Hand) und Wiesen (rechter Hand) vorbei. Erst nach gut 4 Kilometern öffnet sich oberhalb vom Loch Awe der Blick auf das Loch. Ich bin etwas verwundert. ich hatte von „steilen Hängen“ gelesen – hier sieht es aber eher so aus, als ob das Loch in einer sanften Kuhle liegt.Den Blick aufs Loch muss ich die nächsten Kilometer im Kopf behalten, denn linker Hand wurde es wieder waldig. (Komisches Wort. 😉 )

Lochs sind schön – ich liebe die Blicke in so ein Tal hinein. Aber die moosbewachsene Szenerie hier im Wald war auch … sehr schön. Fast unheimlich. 

Dann kam, ich hatte gerade wieder einen Anstieg erklommen, das Loch Awe wieder in Sicht. Hallo, Loch. Auch hier – keine steilen Hänge. Komisch. Vielleicht gibt es die nur im Norden, wer weiß.Es geht wieder bergab und ich erreiche schließlich Dalavich. Dalavich ist ein sehr junges Dorf eine sehr junge Siedlung. Gegründet erst zu Beginn der 50er Jahre als Ansiedlung für den Holzabbau wohnen dort derzeit 70 (in Worten siebzig) Einwohner. Vom Gefühl her gibt es im Ort mehr Ferienwohnungen als normale Wohnhäuser – aber ich kann mich auch täuschen. Eine Schule gab es auch mal. Sie wurde aber geschlossen, weil zuletzt (1997) nur noch 5 Schüler dort zur Schule gingen. Sagt die Wikipedia.

Was es heute noch gibt: einen  Shop. Es ist der wahrscheinlich kuffigste und sympathischste Shop, den ich jemals gesehen habe. Kombiniert ist der Shop mit einem Café, es gibt dort leckeres Aran-Eis. Im zweiten Raum stehen die Waren teilweise auf dem Fußboden herum – ich mag den Shop. Und ich mache hier bestimmt nochmal irgendwann halt.

Für heute kaufe ich mir aber nur was zu trinken …

… mache ein paar Fotos …

und esse mir ein Eis.

Dann geht es weiter am Loch Awe entlang. Wie man am nächsten Foto sieht – es ging mal wieder bergan.

Eben hatte ich mich noch beschwert, dass ich vom Loch zu wenig sehen würde. Nette Arbeiter haben scheinbar meine Beschwerde erhört, und die Bäume neben der Straße abgeholzt, damit ich freies Sichtfeld habe. 

Ab jetzt geht der Weg bergab. Nur noch eine kleine Erhebung kurz vor Tayvallich liegt vor mir. Netterweiser führt der Weg nicht nur bergab, sondern ich fahre auch näher am Ufer des Loch Awe entlang. Über eine gut asphaltierte Single-Road geht es relativ ereignislos bis zum Ende des Loch Awes weiter. Ab und zu sehe ich interessante Motive. Bäume, Felsen.

Ich verlasse schließlich nahezu auf Loch-Höhe das Loch und folge dem River Ford, dem südlichen Zufluss des Loch Awes. Am River Ford liegt Ford, ein kleiner Ort mit wenigen Häusern, die sich in der Nähe der Kreuzung zur B840 an der kleinen Straße entlangziehen. Dort bleibe ich an einer kleinen Kirche stehen. Mir gefallen diese kleinen Gotteshäuser besser, als die Kirchengebäude in Deutschland. Allerdings wären sie wahrscheinlich auch größer, wenn hier mehr Menschen leben würden.

An der Kirche treffe ich zwei Straßenarbeiter. Wir kommen ins Gespräch – mein Schottisch wird scheinbar inzwischen immer besser. (Sprich: ich habe verlernt, Englisch zu reden.) Sie fragen, wo ich herkomme, wo ich hergefahren bin, wo ich hin will. Dann geben sie mir noch Getränke-Tipps für Islay (Okay, was sollte man in Islay auch trinken. 😉 ) und Restaurant-Tipps für Glasgow. ich kann mich an die Tipps nicht mehr erinnern, aber in Glasgow war mit Sicherheit das „Baffa“ dabei. 

Ich fahre weiter, die Strecke wird wie geplant flacher und ich folge der B840., vorbei am kleinen Loch Elderline. In einigen Metern Entfernung der Straße erheben sich immer wieder kleine Berggipfel.

Sie sind nett, ich richte meinen Fokus aber auf die nähere Umgebung und erfreue mich mal zwischendurch an den Mauern neben der Straße. Eigentlich kann ich sie nicht gebrauchen, da meine Devise auf den schottischen Straße lautet „Wenn du den Eindruck hast, dass hinter dir ein Auto nicht ausweicht – weichst du in den Straßengraben aus.“ Hier müsste ich zusätzlich über die Mauer springen. Schön sind sie trotzdem.

Dann befinde ich mich plötzlich nach einer Kreuzung auf der A816. Dies ist die direkte Verbindung von Oban nach Kintyre und nach Lochgilphead, der Verwaltungssitz von „Argyll und Bute“, dem Council, in dem ich mich derzeit befinde. Die A816 verlasse ich daher schnell wieder, bevor es mir zu viel Verkehr gibt. Auf einem „Wanderweg“ (würde ich sagen, ich kann ihn aber befahren) umfahre ich Kilmartin und halte wenige Meter später (hinter der Kilmartin Primary School) am „Nether Largie South“ an.  Dabei handelt es sich um eine Megalithen-Anlage – eine von vielen in der Gegend. Ich nutze kurz die Gelegenheit und krabbele in die langgezogene Steinkammer hinein. Dort halte ich mich aber nur kurz auf, denn eine französische Familie möchte auch hinein. Leider – denn draußen hat er gerade angefangen zu regnen.

Ich gebe Gas, die Straße ist recht gut und ich erreiche nach gut 8 Kilometern bei Belanoch den Crinan Canal. Dieser 200 Jahre alte Kanal durchschneidet auf ca. 15 Kilometern nördlich der Kintyre-Halbinsel das Land und verbindet im Endeffekt den Forth of Clyde mit dem Jura Sound. Früher war er eine wichtige Ergänzung zum Caledonian Canal und stellte eine schnellere Verbindung hin nach Glasgow her. Die Alternative wäre die Umkreisung Kintyres gewesen. Auch hier sehe ich heute nur noch private Schiffe, als ich mir den zeitlichen Luxus gönne und am Canal entlangfahre, statt die direkte Verbindung nach Tayvallich zu wählen.

Es sind ca. 4 Kilometer schöner Umweg bevor ich mich der letzten Anhebung nähere. Diese führt mich rüber zur Landzunge (okay, es ist eigentlich mehr als eine Landzunge) die zwischen dem Loch Sween und dem Jura-Sound liegt. Dort, am Loch Sween, liegt das kleine Dorf Tayvallich. Es ist ein Küstendorf, gelegen an einem natürlichen SeeLoch-Hafen. Von dort gibt es eine Schnellboot-Verbindung für 20 Pfund rüber nach Jura. Mit diesem Schnellboot will ich gleich fahren. ich bin pünktlich genug in Tayvallich, habe noch Zeit um im kleinen Shop einzukaufen und eine Postkarte an Andrea zu schicken.

Dann kommt auch schon das Schnellboot. Wir binden mein Fahrrad auf dem Deck fest, packen meine Taschen in die Passagierkabine. Eine zweite Mitfahrerin und ich erhalten Schwimmwesten und dann steuert die Nussschale hinaus ins Loch Sween.  Die See wird unruhiger …

… und immer wieder geht mein Blick nach hinten zu meinem Fahrrad. Es ist noch da.

Die Scheiben werden mit feinen Tröpfchen bedeckt. Ob das am Regen oder an der Gischt liegt, kann ich nicht sagen.

Neugierig versuche ich dem Gespräch zwischen dem „Fahrer“ (?) des Bootes und der jungen Frau auf der anderen Seite der Sitzreihe zu folgen. Manchmal geht es, oft bin ich überfordert. Währenddessen schmettert das Boot mit hoher Geschwindigkeit über die Wellen. Jede Welle, in die wir reinfahren, haut mit einem heftigen Schlag gegen das Boot. Ich kämpfe ein wenig mit der Seekrankheit. Aber nur ein wenig.

Die Fahrt rüber nach Jura dauert nicht einmal eine Stunde. Sie kostet 20 Pfund – das ist im Vergleich zur Überfahrt mit CalMac nach Islay teuer. Es gibt auch kein Wlan an Bord. Aber die Fahrt mit der Fähre, die vom Jura Development Trust angeboten wird, ist ein Erlebnis. Wenn man Jura besucht und kein Auto braucht, ist diese Ferry auf jeden Fall eine Alternative.

Ich erreiche schließlich Jura. Es ist vergleichsweise trocken, wenn auch bewölkt.

Vom Anleger der Fähre aus sehe ich das große, weiße Gebäude der Jura Distillery (Islay-Whisky mag ich lieber 😉 ). 

Daneben liegt das Jura Hotel. Es ist mein Ziel. Nein, ich möchte nicht im Hotel übernachten, aber das Hotel bietet auf der vorgelagerten Wiese Möglichkeiten zum Zelten sowie an der Seite des Hauses Toiletten und Duschgelegenheiten an.

Ich baue auf der nassen Wiese (sehr nassen Wiese, durchgeweichten Wiese) mein Zelt auf. Der Boden des Zeltes wird wie gehabt durch die Rettungsfolie geschützt, die mir nach wie vor gute Dienste leistet. Dann gehe ich duschen. Im Duschraum befindet sich auch ein Trockner (wird nicht genutzt, da ihn andere Gäste schon in Beschlag nehmen). Aber ich finde viele Möglichkeiten zum Aufhängen meiner nassen Klamotten im Duschraum. Es ist hier heiß und stickig drin – morgen sollten sie wieder trocken sein. (Sind sie auch.)

Dann spaziere ich ein wenig über die Straße am Ufer entlang. Es gibt die Distillery, das Hotel, eine Community Hall, einige Häuser. Aber nicht viele. Zwischendurch schaue ich immer wieder auf mein Handy. Der Empfang hier ist nicht besonders. Irgendwann gehe ich rüber zum Hotel und setze mich in die Bar. Im Nachhinein kaum wiederzugeben ist der Versuch, heute Abend noch zu telefonieren. An einer Stelle im Ort habe ich ab und zu Empfang. Die dichten Wolken über Jura machen das Telefonieren aber schwierig bis unmöglich.

Schließlich gehe ich in die Telefonzelle des Hotels und rufe zuhause an. Die Pfund-Stücke rattern nur so durch. Andrea und ich können uns nur wenige Minuten unterhalten. Dann ist die Verbindung weg. Ich will gerade enttäuscht die Telefon-Kabine verlassen … da klingelt das Telefon. Also: nicht mein Handy, sondern das in der Kabine. Wie schon in Applecross hat das Telefon scheinbar seine Nummer übertragen. In der Leitung ist daher … Andrea. Wir ignorieren die Telefonrechnung ein wenig und tauschen uns aus. Noch anderthalb Wochen, bis wir uns in Glasgow wiedersehen.

Nach dem Telefongespräch gehe ich irgendwann zum Zelt zurück. Mein Weg führt mich noch einmal zum Klo – die Sachen sind schon fast getrocknet. Dann geht es ins Zelt. Mit einem Blick auf mein Fahrrad denke ich mir noch „Gut dass ich in Stirling vorgesorgt habe.“ Denn bei der wilden Überfahrt auf der Ferry sind mir zwei der vier Halterungen des Lowriders wieder gerissen. Als grenzenloser Optimist denke ich mir „Gut dass nicht alle gerissen sind – dann legen meine Lowrider jetzt im Loch Sween. Dann schließe ich das Zelt und rolle mich in meinem Quilt ein. Gute Nacht!