Tag 14: Mull

Die Nacht im festen Bett und mit einem festen Dach über dem Kopf hat gut getan. Dem taten auch die 7 Mitbewohner im Zimmer keinen Abbruch. Leise stehe ich nun um 7 Uhr morgens auf, krame die notwendigsten Gepäckstücke für eine Tagesetappe zusammen und fahre die anderthalb Kilometer zum Hafen hinab. Am CalMac-Terminal hole ich mir meine Hin-und Rückfahrkarte für Mull. Ich hatte ursprünglich über eine oder mehrere passende „Insel-Hopper-Karte“ nachgedacht. Höchstwahrscheinlich hätte ich dabei ein paar Pfund gespart. Aber mit der „ich kaufe mir die Karte am Anleger, wenn ich sie brauche“-Methode bin ich flexibler.

Dies soll meine erste CalMac-Überfahrt mit dem Fahrrad sein. CalMac (oder Caledonian MacBrayne) ist die schottische Reederei, die die meisten Inseln in Schottland mit Überfahren versorgt. Schon bei meiner ersten Überfahrt komme ich in den Genuss der CalMac-Vorzüge: sowohl an Bord als auch in jedem (noch so kleinen) Fährterminal gab es offenes WLAN. Heute brauche ich das WLAN aber nicht, da ich im Backpackers gut damit versorgt war.

Im leichten Regen verlasse ich das Terminal wieder und stelle mich an der „Lane“ an. Zusammen mit mir stehen hier noch ein paar andere Radfahrer, einige Fußgänger und ein gutes Dutzend Autos, die nach Mull übersetzen wollen.  Dann geht es an Bord. Zuerst werden die Autos reingelassen.

Ich stelle mein Fahrrad auf dem Fahrzeugdeck ab und fixiere es.

Ich bin kaum auf dem Passagierdeck angekommen, da fahren wir auch schon los. Es geht durch die Bucht vor Oban hinaus in den Firth of Lorn, der sich zwischen Kerrera und Mull erstreckt. Wir fahren an der Insel Lismore und der Öffnung vom Loch Linnhe (das Loch, welches bei Fort Williams beginnt) vorbei, bevor wir den Sound of Mull erreichen. Der Sound of Mull liegt zwischen der Halbinsel Morvern im Norden und der Nordseite der Insel Mull im Süden. Weit fahren wir nicht in den Sound of Mull hinein, denn der östliche Hafen von Mull (Craignore) liegt direkt am Ostende des Sounds. Das Schiff legt an. Ich schiebe meine Fahrrad von Bord und wundere mich. Die Infrastruktur ist hier am Hafen von Mull vergleichsweise gut. Ein Shop, eine Post, öffentliche Toiletten.

Im Spar-Markt nehme ich noch ein paar unerwartete Vorräte auf. Anschließend verlasse ich Craignore, mit einem kurzen Blick zurück zum Fähranleger, in Richtung Osten.

Nach guten 2 Kilometern kommt nordöstlich von mir auf einer Landzunge ein Castle in Sicht. Ich schaue auf die Uhrzeit und die noch zu fahrenden Kilometer  (2 von 80 Kilometern habe ich schon geschafft 😉 ) und beschließe, einen Abstecher zum Castle zu machen.

Eine drei Kilometer lange Single-Road-Stichstraße führt hinauf auf die Landzunge. Aus der Nähe werden die Gerüstbauten sichtbar. Scheinbar renovieren sie das Castle gerade. Meine Karte und die Hinweisschilder am Castle weisen das Gebäude als „Duart Castle“ aus. Die Ursprünge des Castles liegen im 13. Jahrhundert. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde es verlassen und verfiel zusehends. Zu Beginn des 19. Jahrunderts kaufte der damals 70 jährige Fitzroy MacLean, der 26. Clanchef der MacLeans, das Castle auf und renovierte es, damit es wieder zum Stammsitz des Clans werden konnte. Die Renovierung dauerte lange, erst nach 30 Jahren war sie abgeschlossen. Fitzroy MacLean wurde aber die Gnade zuteil, dass er das Renovierungsende noch erlebte, bevor er schließlich mit 101 Jahren starb.

Heute ist das Castle weiterhin bewohnt und bietet außerdem eine Ausstellung im Inneren über die Zeit der Renovierung und den Clan der MacLeans.

Und damit verstoße ich gegen meine eisernen Prinzipien – wenn ich mit dem Rad auf großer Tour bin, mache ich kein „Sightseeing“. Besuche von Museen, etc. sind mit vollgepackten Fahrrad für mich eher kompliziert. Aber hier, am Duart Castle, nehme ich mir die Zeit. Ich schließe mein Rad ab, kaufe mir eine Eintrittskarte und betrete das Castle. Die Ausstellung ist unerwartet und interessant. Es finden sich viele Clanfotos aus der Zeit von 1930 bis heute, Gegenstände aus dem Clan-Leben, Alltagsgegenstände und Einrichtungen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert.

Im obersten Stockwerk stehe ich vor einem Schaukasten. Von dem, was dort liegt, muss ich gleich Fotos schießen und Andrea schicken: Pipenoten und ein Dudelsack.

Vom Stewart in der Ausstellung  erfahre ich, dass der Dudelsack gut 200 Jahre alt ist und inzwischen nicht mehr gespielt wird, sondern nur noch ausgestellt wird. Ich male mir aus, wie sich Andrea – der ich diese Info ebenfalls schicken – zuhause aufregt. Dafür ist die Pipe doch viel zu schade.

Ich denke mir allerdings, dass der Stewart nicht damit einverstanden ist, mir die Pipe mitzugeben. Also frage ich ihn auch lieber nicht.

Nach etwa eine Stunde, in der ich viel über das Leben im Castle erfahren konnte, komme ich zum Fahrrad zurück. Ich will jetzt doch weiter. Es geht die Stichstraße zurück wieder ins Landesinnere. Nach 15 Minuten erreiche ich die Kreuzung von vorhin und biege links ab, zurück auf den Rundweg um die Insel. Gut 2 Stunden und 10 Minuten bin ich nun unterwegs und habe mich in der Zeit nur 6 Kilometer vom Start meiner Tour entfernt. Super Schnitt – aber der Umweg war schön. Das Castle hat mir gefallen.

Ich fahre auf der schmalen Single Road und folge sehr grob (mit großem Abstand) dem Verlauf der Küste, bevor ich nach 6 Kilometer wieder ins Innere der Insel abbiege. Um mich herum liegen die typischen Erhebungen der Highlands. Diese sind (wie die gesamte Insel „das Resultat der Erosion der letzten 30 bis 40 Millionen Jahren“. Wäre ich etwas früher dagewesen, hätten die Berge um mich herum höchstwahrscheinlich (wie die meisten Erhebungen der Highlands) die Höhe der Alpen übertroffen. Aber ich musste ja noch beim Castle Duart anhalten. Typisch. 😉 Aber so ist es besser – die Wege sind so flacher.

Beim Abbiegen ins Inselinnere liegt links vor mir die Hügelkette mit den höchsten Erhebungen. Im Hintergrund, von den Wolken und den Gipfeln im Vordergrund verdeckt, liegt die höchste Erhebung der Insel – der Ben More. Im weiteren Verlauf der heutigen Tour werde ich ihn praktisch zu 80% umkreisen – viel von ihm sehen werde ich jedoch nicht. Dafür sehe ich wieder die übliche eindrucksvolle Landschaft der Highlands. Weite geschwungene Täler, mehr oder weniger (hier weniger) große Lochs, verfallene Steinhütten.

Ich quäle mich die Straße rauf. Wie immer: ab und zu leichter Regen – schwere Regengüsse bleiben mir derzeit erspart. Ich bin noch nicht gezwungen, meine Regenjacke an zu ziehen. Ungefähr an der höchsten Stelle der Tour (bei etwa 250 Metern) fällt mein Blick auf eine Ansammlung von Lochs, die wie Perlen an einer Kette hängen und ins Tal (in  meine Gegenrichtung) hinab fließen.   Schließlich – nach etwa 30 Kilometern, ich rolle inzwischen wieder bergab – kommt die Südküste von Mull in Sicht. Es ist eher die Küste von Loch Scridain – wie so üblich einem fjordähnlichen Meerwasser-Loch. Wieder einmal komme ich zu spät. Im 2. Weltkrieg lief hier ein die Ostende brennend auf Land, nachdem sie während eines Geleitzugs von Nordamerika nach England auf eine Mine fuhr. Okay – ich bin ehrlich: ich bin nicht enttäuscht, dass ich zu spät komme. 

6 Kilometer später, ich folgte in Sichtweite dem Coladoir River, erreiche ich das dem Loch vorgelagerte Loch Beg. Kurz vorher passiere ich eine Abzweigung und wähle den Weg nach Westen. Richtung Süden weiterfahrend würde ich nach etwa 25 – 30 Kilometern Fionnphort erreichen. Dieser kleine Ort dient als Hafen zur Überfahrt nach Iona – Iona wiederum ist bekannt als Urzelle des keltischen Christentums. Heute geht es dort nicht hin. aber irgendwann muss ich da einmal vorbei fahren. Zwei Wochen nach meiner Reise auf Mull war Torsten Ising dort und hat einen bewegenden Bericht zu Iona geschrieben. (Auch die weiteren Reiseberichte seiner Tour durch Schottland sollte man sich anschauen.)

Ich biege also gen Westen ab. Vor mir liegen auf den nächsten Kilometern wieder etwa 150 „aufwärtige“ Höhenmeter. Zum Glück muss ich nicht bis auf die Höhe des Ben More. 😉 Bevor ich die Höhe erreicht habe, werde ich auch den Scheitelpunkt meiner heutigen Tour erreichen. Das macht mich etwas nervös, da mein Ziel (17:05 an der Fähre in Craignore) derzeit noch möglich aber schwierig ist. Sagt die Navi. Motivierend ist, dass dies meine letzte ernsthafte Steigung ist und ich danach bergab bzw. in der Ebene fahre.

Am Rande der Straße im Süden und Norden liegen noch vereinzelt Baumbestände. Sehr oft fallen mir aber hier die wahrscheinlich erst kürzlich (in den letzten Monaten?) abgeholzten Wälder auf.

Die wenig erfreuliche „Wir hauen mal die Bäume um“-Ansicht wird bei der Abfahrt von der gerade erklommenen Höhe (die erstaunlich unanstrengend war) belohnt. Vor mir erstreckt sich das Loch Na Keal. Auch dieses Loch ist ein Sea Loch und mutet eher wie eine große Bucht an. Im Loch Na Keal liegen mehrer Inseln. Mehrere dieser Inseln sehe ich bei der Abfahrt runter zur Küste. Außerdem fallen mir die steilen Basalt-Cliffs auf. 

Ich genieße den Anblick bei der Abfahrt und beschließe – ich bin nicht das letzte Mal hier.

Dann befinde ich mich beinahe auf Meereshöhe. Linker Hand liegt das Loch Na Kael neben mir und begleitet mich die nächsten 15 Kilometer. Eigentlich ist es nicht nur das Loch Na Kael, denn dieses Loch bildet auch den Mullschen Ausläufer des Atlantischen Ozeans.

Ich folge der Single Road, werde ab und zu von Autos überholt. Die Autos haben es aber nicht so eilig – und das, obwohl Reiseführer schreiben, dass es auf dieser Rundtour, die ich fahre (und auf der sich die Autos befinden) keine öffentlichen Toiletten befinden.

Dafür gibt es wieder einmal Schafe. Und Lämmer. Vor diesen kleinen Lämmern werde ich am Straßenrand gewarnt. Sie sitzen am Straßenrand und schauen mir wir üblich irritiert hinterher.

Aber auch die erwachsenen Schafe können wie gewohnt den Autofahrer ohne Auto nicht so richtig einschätzen. 😉

Rechter Hand geht es immer wieder steil hinauf. An den Hang schmiegen sich vereinzelte Häuser.Und die Straße.

Irgendwann drehe ich mal um und bewundere den Einschnitt  des Lochs zwischen den Hängen. In Gedanken male ich mir aus, welche Naturkräfte für das Abwaschen der Hänge verantwortlich waren.

Nach 15 Kilometern am sehr schönen Loch Na Kael entlang biege ich wieder ins Inland ab. 7 Kilometer trennen mich von Salen an der Nordküste Mulls. Von dort aus gehe ich in die Zielgerade rüber und zurück nach Craignore.

Auf dem Weg nach Salen habe ich kurz den Eindruck, ich wäre in Australien. In der Nähe der Straße lag das Mausoleum von Lachlan MacQuarie. 1824 in London gestorben war er bis zu seiner Abdankung 1821 für Gouverneur von New South Wales im heutigen Australien und einer der Begründer Australiens. Besonders verehrt wurde er zu seinen Lebzeiten von den ehemaligen britischen Gefangenen, denen er ein gleichberechtigtes Leben in der britischen Kolonie ermöglichte.

 Auf dem Schild steht leider „Nur für Fußgänger“ – also fahre ich weiter.

In Salen biege ich gen Osten ab. Nur noch wenige Kilometer entlang des Sound of Mull liegen vor mir. Ich gebe Gas, auch wenn meine Navi derzeit zuversichtlich ist, dass ich die Fähre erreichen würde.

Trotz der Geschwindigkeit fahre ich aus 2 Gründen vorsichtig. Zum einen will ich nicht am 57. toten Otter seit 2013 Schuld sein, zum anderen setzt just starker Regen ein.

Die Straße werden nass und glatt, ich fahr durch Pfützen. Auch die Autos fahren durch Pfützen. Leider. Aber nass bin ich eh schon.

Die 18 Kilometer am Sound of Mull lege ich in einer guten Stunde zurück. Außer der Küste am anderen Ufer gibt es nicht so viel zu sehen. So komme ich zeitig genug in Craignure an. Während ich warte, wundere ich mich noch über die doppelstöckigen Busse, die hier fahren und derzeit auf Passagiere der Fähre warten.

Um 17:05 Uhr legte das Schiff ab, ich bin an Bord. Wieder ist mein Fahrrad auf dem Fahrzeugdeck festgezurrt. Ich stehe derweil auf dem Oberdeck, schaue zurück nach Mull, zur Insel, die gerade im Regen versinkt. Es wird nicht mein letzter Tag auf Mull gewesen sein. Iona wartet noch auf mich, der Ben More, Tobermory (der Heimat der Tobermory Cat). Ich freue mich auf’s nächste Mal.

Dann gehen mein Gedanken nach vorne. Der Tag war schön – der Abend wird noch schöner, den am Abend will ich wie geplant ins Cuan Mor in Oban. Da freue ich mich drauf. Nach den Abenden on Tour habe ich mir das Essen verdient. 

Im Cuan Mor muss ich wie üblich warten – es ist derzeit ausgebucht. Aber das ist nicht schlimm. Gemütlich hole ich mir einen Drink an der Bar, dann bekomme ich einen Tisch zu gewissen, bestelle und lasse mir das Essen schmecken.

Abends im Backpackers Plus gibt es noch ein Feierabend-Bier. Aber zuviel sollte ich heute Abend nicht trinken, den der nächste Tag wird hart. Zumindest das Wasser auf dem Weg nach Jura. Der einzige Whisky an dem Abend ist dann das Schild über meinem Bett im Backpackers Plus. Den Whisky gibt es dann morgen (auf Jura) oder noch besser übermorgen (auf Islay).

Gute Nacht – ich genieße jetzt die zweite Nacht in einer warmen, trockenen, bequemen Unterkunft.


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