Tag 11: Applecross – Dornie


Ich wache auf, lausche wie üblich nach draußen. Es regnet. Das war auch zu erwarten. Meine Strecke heute ist zwar anstrengend, aber eher kurz, daher bleibe ich noch liegen, dussele vor mich hin und lausche immer wieder nach draußen. Schließlich stehe ich auf. Es hat wohl aufgehört – außerdem muss ich zum Klo.

Auf dem Weg zur Toilette komme ich an der Rezeption vorbei. Ein Blick sagt mit, dass diese gleich geöffnet hat.

Nach der „Morgentoilette“ packe ich wie üblich meine Sachen, trockne mein Zelt, packe es getrennt zusammen und schiebe mein Fahrrad über den durchweichten Boden des Campingplatzes zur Rezeption. Eigentlich wollte ich dort nur meinen Aufenthalt zahlen und einmal meine Lowrider-Aufhängung kontrollieren. Als ich mich der Rezeption aufhalte, bekomme ich allerdings mit, dass im Nachbarraum (es ist eine Art „Gewächshaus“, in dem früher mal ein Speiseraum war) ein Heizlüfter für die Motorradfahrer steht. Ich frage nach und kann dort mein Zelt noch einmal zum Lüften aushängen. Ich hänge das geteilte Zelt und ein paar Handtücher und meine Fahrradschuhe im Luftstrom auf und schiebe mein Fahrrad ebenfalls in den Raum, da es hier warm und trocken ist. Da mein Zelt eh noch Zeit zum Trocknen braucht, lasse ich mir beim Fahrrad Zeit. Ich schraube einmal die Metallschellen der Lowrider-Aufhängung komplett ab und überprüfe das Isolierband, welches wir zum Schutz des Rahmens vor einer Woche unter die Befestigungsschrauben des Lowriders geklebt hatten. Teilweise sind sie abgenutzt. Ich ersetze das Isolierband großflächig und schraube die Schellen vorsichtig (sie sollen ja nicht wieder reißen) an. Anschließend wechsele ich die Seiten der Lowrider. Warum? Das wäre zu kompliziert zu erklären, aber ich erhoffe mir dadurch, dass ich die Taschen besser einhängen kann. (Vielleicht mache ich mal ein Foto der Lowrider, dann wird das aufgrund deren Aufbau verständlicher. )

Wo ich schon einmal dabei bin, überprüfe ich auch noch alle Schrauben am Fahrrad und auch die Schrauben an den Gepäcktaschen. Zwischendurch fühle ich immer wieder am Zelt. Erstaunlich, was so ein Warmluft-Heizlüfter erreichen kann. Das Zelt ist nach etwa anderthalb Stunden Fahrrad-Wartung wieder so trocken, dass ich es zusammenlegen und als ganzes im Rackpack verstauen kann. Das ist doch schon einmal sehr gut – der Tag beginnt (trotz der Verzögerung) sehr gut.

Es ist inzwischen 11 Uhr durch. Mein Fahrrad ist gepackt, es kann losgehen. ich verabschiede mich von der Angestellten an der Rezeption atme tief durch und nehme die größte Herausforderung der Tour in Angriff: den Bealach Na Ba, die 626 Meter hohe Passstraße von Applecross aus in Richtung Landesinnere. (Meine Navi gibt mir am Ende sogar an, dass ich bei 674 Metern Höhe war. Ob das stimmt? Wenn ich am Ufer stehe, meint sie auch immer, ich wäre bei etwa 70 Metern über dem Meeresspiegel. Navis halt. *schulterzuck*)
Auf und Abstieg sind jeweils etwa 9 Kilometer lang, teilweise gibt es Steigungen von bis zu 20 % (sagt das Internet) und die Strecke windet sich speziell auf der Süd-Ost-Seite in engen Kurven den Berg hoch. Eng ist es überall, da es nur eine Singleroad ist. 1820 gab es hier die erste Passstraße, damals noch geschottert. Bis in die 70er-Jahre war es die einzige Straße nach Applecross und in den Wintermonaten ist sie oft nicht befahrbar. Für Wohnwagen-Gespanne und große Wohnmobile gilt dies auch im Sommer. Motorradfahrer scheinen diese Strecke zu lieben, Autofahrer sollten hochkonzentriert fahren und Radfahrer – es gibt immer wieder Radfahrer, die als Herausforderung diesen Pass in Angriff nehmen. Ich auch.

Aber ich bin realistisch genug um einzusehen, dass ich nicht sonderlich trainiert bin und außerdem mit 30 Kilo Gepäck herumfahre. Ich habe daher gar nicht die Motivation, den Anstieg komplett im Sattel zu schaffen. Schieben ist auch okay. Für den Weg hoch habe ich so auch gut 2 Stunden eingeplant. Man kann ja nie wissen.

Zu Anfang fahre ich allerdings erst noch. Dabei ziehe ich rein prophylaktisch mein Asthma-Spray aus der Tasche. Bei der Anstrengung am Berg gehe ich doch lieber mal auf Nummer Sicher. Auch wenn ich das Spray in den vergangenen 10 Tagen nicht einmal gebraucht habe (und auch in den kommenden 2 Wochen nicht mehr brauchen werde). Das ist komisch, liegt aber vielleicht an der unbelasteten Luft in Schottland.

Die nächsten 2 1/4 Stunden vergehen im Wechsel von Fahren, Schieben, Pause machen, Fahren, Schieben, Pause machen. Ich komme langsam voran und habe genug Zeit, um nebenbei die Umgebung auf mich wirken zu lassen. Das lenkt auch etwas von den Strapazen ab. Regelmäßig werde ich von Autos und Motorädern überholt. Sie sind sehr geduldig, wenn ich nicht schnell genug den nächsten Passing Place erreiche. Praktisch jedes Mal rechne ich mit nervösen Blicken wegen des störenden Hindernisses auf dem Anstieg – jedes Mal werde ich „enttäuscht“. Ich sehe erhobene Daumen, die Fahrer im Auto applaudieren mir kurz zu oder „salutieren“ vor mir. Ich werde freundlich und motivierend angehupt. Es hört sich jetzt bestimmt nach Eigenlob an (ich weiß, muss sein). Aber ich bin stolz auf mich und fühle mich großartig – nicht zuletzt wegen der Rückmeldungen der anderen Verkehrsteilnehmer. Wieder einmal (oder war es das erste Mal? Ich weiß es nicht mehr) merke ich, dass diese Tour nicht „normales“ ist, sondern dass ich schon eine Leistung vollbringe, auf die ich stolz sein kann. Jetzt aber genug des Eigenlobs. Schließlich mache ich die Tour auch nicht deswegen.
Anfangs habe ich jetzt gutes Wetter. Die Sicht ist vergleichsweise klar und ich kann die Inseln im Minch zwischen der Applecross-Halbinsel und Skye sehr gut erkennen. Hoffentlich habe ich Glück und von der Passhöhe eine gute Aussicht. Das wäre traumhaft.

Nach einer guten halben Stunde erreiche ich die 200 Meter Höhenlinie, nach einer weiteren halben Stunde, in der ich viel geschoben habe, die 300 Meter Höhenlinie. Dort wird das Wetter schon schlechter. Bewölkung zieht auf und sorgt für einen beinahe unheimlichen Eindruck, wenn man vom bröckeligen Straßenrand aus in die Landschaft hineinschaut.

Immer wieder sehe ich kleine Tümpel, als Löcher würde ich sie noch nicht bezeichnen. Um mich herum erheben sich hinter einigen Senken die nächsten Hügel. Ich schaue zurück, mein Auge folgt dem mäanderförmigen Verlauf der Straße hinab zur Küste. Applecross kann ich schon lange nicht mehr sehen, es ist hinter dem Hügel verschwunden. Aber die Meeresenge sehe ich noch. 

Voran geht es den Berg weiter hoch, im Schnitt mit ungefähr 10 % Steigung.
Bald darauf erreiche ich die 400 Meter Marke.

Ich habe beim Fahren dieses Mal Glück, ich kann öfters auf dem Rad sitzen, als ich vermutet hatte, denn von Westen aus, über den Minch, weht ein gleichmäßiger, kräftiger Wind. Vorherrschend fahre ich in östliche Richtung, so dass der Wind mich langsam vor sich hertreibt. Ich beschwere mich nicht und nehme das Hilfsangebot gerne an. Anstrengend ist es trotzdem noch.

Gegen 12:30 kämpfe ich mich (schiebend oder fahrend, ich weiß es nicht mehr) eine enge Serpentine hinauf. Man sieht sie auch oben im Bild. Die Navi spricht auf den nächsten Metern von fast 20 % Steigung, für eine kurze Strecke. Wahrscheinlich habe ich geschoben. Am Ende der Serpentine mache ich in einem breiten, einladend wirkenden Passing Place Halt, stelle mein Rad ab und genieße durchatmend die Aussicht.

Das Wasser im Hintergrund könnte/müsste das Loch Shieldaig sein, evtl. auch das Outer Loch Torridon, den eigentlich schaue ich gerade nach Norden.

Ein Foto mit meinem „Begleiter“ auf der Tour muss natürlich auch sein – wir schauen gemeinsam auf die schon geschaffte Strecke hinab und auf den Minch, der langsam im Dunst versinkt.

Als ich weiterfahre überschreite ich nach wenigen Metern die 500 Höhenmeter-Linie auf der Karte. Noch etwa 130 Höhenmeter und gute 2 Kilometer Strecke liegen vor mir, bis ich oben ankomme.

Der Nebel kommt auf mich zu und wird dichter. Ich halte am nächsten Passing Place und bringe am Lenker meine Fahrradbeleuchtung an. Front- und Rücklicht inkl. des „Revolight“-Weihnachtsbaums erzeugen nun hier auf der Höhe einen neuen Leuchturm. Es ist kalt. Ich würde darauf tippen, dass die Temperatur bei unter 5 Grad liegt. Aber ich weiß, dass es schnell wieder wärmer werden wird, wenn ich den Höhe hinter mir habe.

Weit ist es nicht mehr. Irgendwo hinter dieser Anhöhe kommt ein Parkplatz, der normalerweise als Aussichtspunkt mit Sicht auf Skye dient. Heute nicht. Etwa in der Kurve habe ich die 600.

Vor Kälte und Wind zitternd erreiche ich um 13:10 fahrend(!!) die Spitze des Passes und biege auf den Parkplatz ab. Wie schon gesagt – heute sieht man Skye nicht.

Ich habe Mühe, mein Fahrrad im Wind abzustellen, Kurz lasse ich es los, um meine Wind- und Regenjacke anzuziehen. Dies alleine ist schon ein Abenteuer, denn die Jacke fliegt wie ein Drache im Wind hin und her.

Als das geschafft ist, lasse ich mich neben mein Rad auf die Knie sinken und mache ein schnelles Selfie. Mein, Rad, ich, der Aussichtspunkt und der Nebel. Ein schönes Bild. Dies ist mein aktueller Ausblick über den Minch hinweg.

Bei etwas besserem Wetter sähe der Ausblick rüber nach Skye ungefähr so aus.

 Ich halte mich nicht länger als nötig auf der Passhöhe bei 626 Metern auf. Der Wind lässt nicht nach und ich weiß, dass die nächsten 9 Kilometer anstrengend werden. Ich muss von der Höhe wieder runter auf Meereshöhe. Sicherlich könnte ich mich im Idealfall rollen lassen. Aber den Idealfall gibt es hier nicht.

Schon wenige Meter hinter der Passhöhe beginnt die erste Serpentine. Schmal, enge Kurven. Wunderschön. Ich habe schon gute Bremsen, aber für einen kurzen Moment wünsche ich mir ein Auto. Dann aber bemerke ich wieder einmal, wie gut es ist, dass ich mit dem Fahrrad überall stehen bleiben kann, ohne jemanden zu behindern.

 Ich werfe einen Blick in das unter mir liegende Gletschertal(?). Von hier aus sieht es gar nicht so schlimm aus. Aber hinter dem Durchbruch, durch den man die Bucht sieht, habe ich noch gut 400 Höhenmeter vor mir. Nach unten.

Ich rolle bremsend weiter. Und ich halte an.

Ich rolle bremsend weiter. Und ich halte an.

Hier in der Haarnadelkurve bleibe ich ein wenig länger stehen. Ich möchte den Verkehr, der sich hier gerade staut, nicht auch noch dadurch aufhalten, dass ich im Weg stehe.   Die Stelle ist berüchtigt. Die Kurve ist steil, die beiden Schenkel sind bei der An- und Abfahrt eher unübersichtlich. Es ist aber wieder schön mit anzusehen, wie selbstverständlich die Autos und Motorräder sich gegenseitig durchlassen. Wenn ich damit das Reißverschluss-Verfahren auf deutschen Straßen vergleiche – das ist nicht vergleichbar. Der Straßenverkehr in den Highlands ist sehr kollegial.

Der Verkehr entspannt sich wieder etwas und ich fahre weiter.  Nachdem ich den Durchbruch passiert habe, nutze ich einen Passing Place, um einmal ein paar Bilder den Berg hinauf zu schießen.

Nach gut 30 Minuten „Downhill“ auf der Singleroad habe ich das enge Tal hinter mir und nähere mich der offenen Bucht. Noch ca. 300 Höhenmeter liegen unter mir, die ich auf den nächsten 5 Kilometern ausrollend hinter mich bringen kann.

Hinter einer weiteren Kurve kommen mir 2 Frauen entgegen. (Ich weiß gerade nicht mehr, ob die zu Fuß unterwegs waren oder eine Pause mit ihrem Auto machten. Jedenfalls standen sie am Straßenrand, so dass ich sie ansprechen konnte. Das Ergebnis des kurzen Gesprächs ist mal wieder ein Foto von mir auf dem Fahrrad. Ein Kilometer weiter in Richtung Passhöhe, wäre das Bild bestimmt schöner gewesen, aber so geht es auch.

Dafür sieht man hier schon die Bucht, das Lochcarron. Mit etwas Phantasie kann man im Hintergrund, unter den Wolken, Broadford sehen. In diesem Ort auf Skye gibt es einen der besten Fish’n’Chips, die ich je gegessen habe. Aber dazu komme ich erst in 2 Wochen. 😉

Etwa 50 Minuten nach der Passhöhe erreiche ich wieder Meereshöhen-Niveau. Hier ist es weniger neblig, es ist wieder wärmer (aber immer noch maximal 15 Grad). Regenwolken ziehen aber weiterhin über den Himmel.

Am Straßenrand steht wieder einmal ein Schaf, ansonsten ist die Strecke eher ruhig und unauffällig. Auf den nächsten 10 Kilometern bis zu meinem nächsten Zwischenziel Lochcarron (der Ort, nicht das Loch) kommt noch einmal ein kleinerer Hügel (etwa 150 Höhenmeter).
Vorher feiere ich noch ein schönes Ereignis. Auch wenn ich die Fahrt nicht wegen der Kilometer mache (ich glaube, dass schrieb ich schon einmal), freue ich mich natürlich über die gefahrenen Kilometer.  Ich habe heute 25 Kilometer gefahren und befinde mich in der Nähe von Ardarroch, als mein Tacho kurz davor ist zu „Nullen“. Die ersten 1000 Kilometer Schottland liegen nun hinter mir. Kaum zu glauben, dass ich schone in gutes Drittel der geplanten Strecke gefahren bin.

Hinter Ardarroch kommt der schon erwähnte langgestreckte Hügel. Ich fahre gemütlich den Berg rauf und freue mich auf eine schöne Abfahrt zum Lochcarron runter und nach Lochcarron rein, als der lange befürchtete Regen einsetzt. Das erste Mal an diesem Tag bin ich bis auf die Haut durchnässt. Ich triefe regelrecht. Im Nachhinein frage ich mich, ob das Lochcarron nicht vielleicht doch von einer Monsterwelle getroffen worden war oder ob es wirklich „nur“ ein Regenschauer war. Der Schauer war nicht lang, aber kräftig.

Zügig fahre ich nach Lochcarron rein und hoffe auf einen  Supermarkt oder ein Geschäft, um mich ein wenig unterzustellen. Da lässt der Regen schon wieder nach. Unterstellen wäre also nicht mehr nötig – eine Pause wäre trotzdem schön. Ich habe den Eindruck als ob ich schon aus Lochcarron wieder raus bin, da kommt doch noch an einer langgezogenen Uferzeile die Möglichkeit zur Pause. Links der Straße, gegenüber dem Ufer des Lochs, liegt ein kleines Café-Restaurant: das Waterside- Cafe. Ich stelle mein Rad am Eingang ab und gehe rein, in der Hoffnung noch einen Platz zu finden. Den gibt es auch. Ein kleiner Tisch an der Rückwand des kleinen Ladens. Zusammen mit mir sitzen zwei chinesische oder japanische Gesellschaften bzw Familien im Raum. Es ist recht unruhig. Das stört mich aber nicht. Denn es ist außerdem warm, ich kann meine nasse Jacke ausziehen und mich setzen und es gibt Fish’n’Chips und was zu trinken. Sehr gute Idee.

Ich lasse mir die Fish’n’Chips schmecken. Sie schmecken gut – die in Broadford und die von Macs Fish’N’Chips finde ich allerdings noch besser. Aber sie sind gut und tun gut.

Nach einer gefühlten Ewigkeit mache ich mich wieder auf den Weg. Gute 35 Kilometer liegen noch vor mir und es ist schon 15 Uhr durch.

Frisch gestärkt und getrocknet komme ich gut voran. Netterweise hat der Regen auch nicht wieder angefangen. Ich schieße am Ufer des Loch Carrons vorbei, linker Hand wechseln sich ein Golfplatz, ein Friedhof, diverse Häuser, eine Schule ab. Nach 15 Minuten und 5 weiteren Kilometern verlasse ich die Straße und biege nach rechts  ab, um am Südufer des Lochcarron weiterzufahren. Ich erreiche Strathcarron, ein Mini-Örtchen mit Hotel und einem Bahnhof.

Von dort ab begleitet mich auf den nächsten 14 Kilometern auch wieder einmal eine Bahnschiene. Die Eisenbahnstrecke kenne ich schon. Ich hatte sie zwischen Contin und Ullapool schon gesehen. Dort hatten sich unsere Wege aber nach wenigen Kilometern wieder getrennt, als ich in Richtung Nordwesten abgebogen war. Die Linie führte damals in Richtung Südwesten nach Kyle of Lochalsh weiter. Daher treffen wir hier wieder aufeinander. (Nein, ich ärgere mich nicht über den gefahrenen Umweg. 😉 )

Die Fahrt geht am Loch Carron weiter. Das Loch Carron ist wieder einmal eines der Salzwasser-Küsten-Lochs. Berühmt ist es für seine „Flame Shell“-Population. Flame Shell? Irgendwer hat es mal mit „Feuermuscheln“ übersetzt.

Die 14 Kilometer am Südufer entlang ähneln einer Achterbahnfahrt. Es geht immer mal wieder hoch, mal wieder runter. Allerdings sind es meistens nur wenige Höhenmeter. Ein bis zwei Dutzend maximal. Erst gegen Ende, kurz bevor ich nach Süden abbiege, führt mich die Straße auf etwa 100 Meter hoch.

Links befindet sich meistens eine Felswand, rechts von mir liegt das Loch. Zwischen mir und dem Loch führt immer wieder die Eisenbahn entlang. Die Straße selber wird derzeit an mehreren Stellen verbessert. Mehrere Male stehe ich vor einer Baustelle. Manchmal kann ich vorsichtig durchfahren, manchmal gibt es eine Ampel. Ja, richtig gelesen. Eine Ampel!!! Um die Autofahrer hinter mir nicht zu ärgern winke ich sie, in der ersten Reihe stehend immer erst durch, bevor ich selber in die Baustelle fahre. Ich trete dann in die Pedale, aber selbst wenn ich es nicht schaffen würde: für ein Fahrrad ist am Baustellenrand immer Platz genug. Es passt aber jedes Mal.

Schließlich komme ich nach 80 Minuten, in denen ich den Blick auf Loch trotz der grauen Wolken immer wieder genieße, an der Abbiegung Dornie / Kyle of Locharsh an. Ich schaue auf die Uhr. Es war mal angedacht, den Weg an der Küste entlang bis Kyle of  Lochalsh zu fahren. Aber es wird mir zu spät, daher nehme ich den direkten Weg nach Dornie. Dort geht es über einen kleinen Pass auf etwa 220 bis 240 Meter Höhe hoch.

Bevor ich dem Weg folge werfe ich noch einen Blick aufs Loch Carron. Über dem Ort Lochcarron scheint inzwischen wohl wieder die Sonne. 

Für die nächsten 9 Kilometer brauche ich ungefähr 45 Minuten, dann habe ich die Anhöhe geschafft und bin auf der anderen Seite beim Loch Alsh angekommen. Das Loch Alsh ist wieder einmal ein Sea Loch, welches passenderweise bei Kyle of Lochalsh gegenüber der Insel Skye ins Meer fließt.

Im Osten ist das Loch ein Zusammenschluss aus dem Loch Duich und dem Loch Long. Das östliche Ende vom Loch Duich ist mein heutiges Ziel. Dort liegt ein Campingplatz. Aber vorher möchte ich in Dornie halt machen. In Dornie gibt es eine kleine Bäckerei. Gegründet von deutschen Auswanderern gibt es dort die leckersten Gepäckstücke und außerdem leckeres Brot und leckere Brötchen nach deutschen Rezepten. Nichts gegen die einheimischen Brotsorten – aber nach anderthalb Wochen möchte man auch mal wieder ein leckeres Graubrot.

In Dornie, nach weiteren 4 Kilometern, komme ich wieder einmal triefend nass an. Schon bei der Abfahrt zum Loch Alsh begann der der Regen wieder. Und er hielt an und wurde kräftiger. Danke, Regen. So stand ich gegen 19 Uhr tropfend vor der Tür der Bäckerei. Ich klopfte. Allerdings nicht bei der Bäckerei, sondern an der Terrassentür. Denn ich wollte nicht nur die Bäckerei (dafür war es aber eh schon zu spät) besuchen, sondern auch einen alten Kollegen aus unserer Pipeband. Thomas, so heißt der Auswanderer, hatte jahrelang bei der Highland Dragon Pipe Band gespielt, bevor er seine Zukunft hier in Schottland in Dornie gesucht und gefunden hat. Während ich vor der Tür stehe erschnuppere ich einen unerwarteten Duft. Es riecht nach Pizza. Nach frischer Pizza. Aber noch bevor ich weiß, wo der Geruch herkommt, öffnet sich die Terrassentür und eine Frau steht in der Tür. Ich kenne sie von früher vom Sehen. In meiner Fahrradklamotten erkennt sie mich aber nicht mehr. (Hätte mich auch ehrlich gesagt gewundert.) Sie erklärt mir auf Englisch den Weg zur Pizzeria im Garten (daher der leckere Duft) aber ich schüttele freundlich den Kopf, stelle mich vor frage nach Thomas. Als ich sage, woher ich ihn kenne lächelt sie. Nein, der schlafe gerade. Aber gegen 20 Uhr wäre er wohl wieder unten. Ich bin ein wenig enttäuscht, denn ich will noch gute 15 Kilometer weiterfahren. Als ich ihr sage, dass sie Thomas schön grüßen solle, weil ich zum nächsten Campingplatz am Ende der Bucht weiterfahren will, guckt sie mich verwundert an. „Warum nimmst du nicht den Campingplatz hier an der Straße. Keine 5 Minuten von hier“, sagt sie. „Bau dein Zelt auf und komm später einfach wieder.“

Okay – gesagt, getan. Ich fahre ein paar hundert Meter weiter und finde zu meiner Verwunderung wirklich einen Campingplatz vor. ich wusste auch von ihm – aber hatte nur die Information, dass es ein Platz für Caravans wäre. Nicht für Zelte. Macht aber nichts. Der Platz ist sehr rudimentär. Ein paar Toiletten-Dusch-Kabinen, am unteren Ende des Platzes weitere Kabinen. Dafür ist er sehr günstig. Außerdem ist die Lage sehr gut. In Fußreichweite zu einem Pub und zu einer Pizzeria. Und: in Sichtweite zu einem der berühmtestens schottischen  Castles, dem Eilean Donan Castle im Loch Duich.

Es regnet nach wie vor. Nachdem mein Zelt steht (gut dass Innen- und Außenzelt zusammenhangen), ich geduscht und meine nassen Klamotten in 2 Dusch-/Toiletten-/Waschkabinen verteilt habe rufe ich kurz zu Hause an. Dann gehe ich zurück um Manuela und Thomas zu besuchen. Es wird ein schöner Abend im Warmen. Zwischendurch gehe ich noch einmal kurz zum Zeltplatz zurück, da mir Thomas anbietet, meine nassen Sachen im Badezimmer zu trocknen. Ich könne sie morgen abholen, wenn ich zum Frühstücken komme. Sehr gerne. Danke.
Lange sitzen wir zusammen, unterhalten uns über die Pipeband, über alle möglichen anderen Themen, essen eine Pizza aus Jo’s Pizza (die neu gegründete Pizzeria hinterm Haus). Es ist ein schöner Abend. Als ich schließlich zurück zum Zelt gehe und dort noch ein Bier trinke, hat der Regen erst einmal aufgehört. Ich telefoniere noch einmal mit Andrea, dann lege ich mich wieder ins Zelt.

Es war ein recht harter Tag. 1100 Höhenmeter (in beide Richtungen) auf gute 60 Kilometer ist eine Menge. Zweimal bin ich in heftige Regenschauer geraten. Durch die späte (aber notwendige) Abfahrtszeit hatte ich außerdem etwas Zeitdruck.  Aber … der Tag hat auch eine Menge geboten. Nette, motivierende Leute am Bealach na Ba, leckeres Essen in Lochcarron, wieder viel Natur auf 600 Meter Höhe und auf Meereshöhe und einen wunderbaren Abend bei Thomas zu Hause. Eigentlich habe ich keinen Grund, mich zu beschweren. Morgen geht’s weiter – und endlich beginnt der Tag mal mit einem Frühstück.

Bald schon schlafe ich ein. In Sichtweise vom Eilean Donan Castle. Gute Nach!


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