Tag 10: Gairloch – Applecross


 

Der Morgen bricht an. Ich liege einige Kilometer westlich von Gairloch in meinem Zelt und lausche nach draußen. Regnet es? Lohnt es sich jetzt gerade, aufzustehen? Es ist jeden Morgen ein Glückspiel. Wenn ich beim Einpacken nicht einige Minuten Regenpause habe, bekomme ich das Zelt nicht vernünftig eingepackt. Für die meisten Zelt-Reisenden ist das wahrscheinlich kein Problem. Mir fehlt dafür einfach die Erfahrung. Es hört sich aber gerade so an, als ob es nicht regnet. Ich stehe erst einmal auf und packe noch im Zelt meine Taschen soweit ein, dass die meisten Sachen schon verpackt sind. Dann mache ich den Eingang vom Zelt auf, schwinge die Beine raus, schlüpfe in die Schlappen, die ich mithabe. Müde schlürfe ich zum Waschhaus und putze mir dort die Zähne. Während des Zähneputzens fällt mir ein, dass ich am Abend vorher im Zelt mein Buff vergeblich gesucht habe. Buff, dass ist eine Art „Schal“, den man sich z.B. über den Kopf ziehen kann. Ich schaue mich im Waschraum um, suche die Kabine, in der ich mich gestern Abend geduscht habe. Ah, da. Auf der Bank vor der Duschkabine liegt er. Danke, wer auch immer ihn dorthin gelegt hat.

Nun geht es zurück zum Zelt. Ich packe alles zusammen. Wieder einmal habe ich Glück. Durch den Wind hier auf dem Campingplatz ist mein Zelt wieder trocken genug. Das ist gut. Heute Abend will ich in den Pub, da freue ich mich über jede Minute, die ich sparen kann. Es ist alles verpackt, mein Fahrrad ist abfahrbereit. Jetzt fehlt nur noch eins. Gestern Abend war es für einen Besuch am Strand schon zu dunkel. Den Besuch möchte ich jetzt noch nachhole. Ich habe wieder „nur“ 106 Kilometer Strecke vor mir, dass sollte ich schaffen. (Man muss halt Prioritäten setzen. 5 Minuten eher  im Pub oder 5 Minuten lang am Strand stehen. 😉 )

Am Strand fällt mein Blick auf die kleine, vorgelagerte Insel. Weiter geht mein Blick – rüber nach Skye. Ich wünschte mir, ich wäre jetzt schon da. Aber nein. Meine Routenplanung gibt das nicht her. nach Skye komme ich in 2 Wochen. 

Es geht nun los. Ich rolle langsam über den Campingplatz, als mir ein kleiner Junge entgegen kommt. Er ist vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Als wir aneinender vorbei sind, drehe ich mich kurz um und sehe, wie er gebannt auf mein Fahrrad starrt. „I like your bike!“, sagt er nur kurz, strahlt und dreht sich um. Danke!

Ich verlasse nun den Campingplatz. Zuerst geht es an der Bucht vor Gairlioch entlang bis ins Ortsinnere. Dort halte ich kurz an einem Shop. Er ist gut sortiert, aber nicht gut genug für mich. Daher improvisiere ich beim Einkaufen ein wenig. ich weiß nicht, wie die Versorgungslage über den Tag hinweg ist. Ich fahre viel über Land. Nur Kinlochewe liegt auf meinem Weg. Und später, an der Bucht vor der Applecross-Halbinsel ein paar kleinere Ansammlungen.

Überrascht bin ich, als ich später, noch in Gairloch, einen McColl-Gemischtwarenladen finde. Dort schaue ich mich noch einmal um und verbessere meine Versorgungslage. Vor der Tür unterhalte ich mich noch ein wenig. Zufällig stehen hier 3 Radfahrer aus Holland, eine Familie, die Richtung Norden weiterfahren wollen. Nach wenigen Minuten verabschieden wir uns, wünschen uns eine gute Reise und brechen jeder in seine Richtung auf.

Etwas außerhalb von Gairloch fällt mir oberhalb von Gaineamh Mhor (einem Strand) eine Kirche auf. Sie steht abseits auf den Klippen und macht dort einen sehr guten Eindruck.

Direkt im Anschluss an die Hügelzunge mit der Kirche schließt sich ein weiterer Strand an. 

Ich folge der Straße weiter, zumindest für ein paar Meter. Da sehe ich eine Bank of Scotland am Wegesrand. Bank of Scotland? WLAN? Ich halte kurz an. Aus Alibi-Gründen frühstücke ich ein wenig, während ich ein paar Minuten im Internet verbringe. Aber Halt, ich war ja zum Radfahren hier. Nicht zum Surfen. Also geht es weiter. Wenige Minuten später biege ich ins Landesinnere ab.

Mein erstes Ziel ist das Loch Maree. Nachdem ich bisher auf Radwegen und „normalen“ Straßen gefahren bin, kommt es jetzt bald zu einer Premiere. Der erste „Single Road Track“ liegt vor mir. Ich bin gespannt, wie da das Fahren funktioniert. Die Single Road Tracks sind nicht breit genug für 2 Autos (deswegen „Single Road“), aber auch für ein Auto und ein Fahrrad kann es sehr knapp werden. Daher gibt es in regelmäßigen Abstanden (ich würde mal schätzen „höchstens 500 Meter Abstand) sogenannte „Passing Places“. Dort ist die Straße breiter, man kann links ranfahren und den Gegenverkehr vorbeilassen. Langsam fahrende Fahrzeuge werden auch regelmäßig dazu gebeten, doch bitte schneller fahrende Fahrzeuge durchzulassen. Damit bin ich dann wohl gemeint. 😉

Die Passing Places eigenen sich auch für Fahrräder gut zum Anhalten. Dort haltende Autos werden nicht so gerne gesehen. Aber so habe ich Chance, bei der Anfahrt an das Loch Bad An Sgalaig anzuhalten und wieder einmal die Fels-Loch-Landschaft auf mich wirken zu lassen.

Es liegt schön, aber dieses Loch ist im Grunde genommen mickrig. Zumindest im Vergleich zu dem Loch, welches sich hinter dem nächsten Hügel vebrigt. Dort wartet das Loch Maree auf mich, welches ich gestern schon kurz gesehen habe. Mit fast 28 km² ist es das flächenmäßig viertgrößte Loch Schottlands.

Bevor ich aber zum Loch Maree komme, wird die Straße wieder zweispurig. Ich habe meinen erste Single Road Track geschafft. Sogar ohne Probleme. Einige wenige Autos sind mir begegnet, jedes Mal war es ein entgegenkommendes  Entgegenkommen. Ob die Autofahrer irritiert waren, ein Fahrrad zu sehen, kann ich nicht sagen. Aber sie blieben sogar im Passing Place stehen und ließen mich vorbei. Das Passieren war immer verbunden mit einem kurzen Winken, einem kurzen Gruß. Dann fuhren wir weiter.

Außerdem werde ich vorm Loch Maree kräftig durchgerütteln. Nein, kein Erdbeben. ich fahre über ein „Cattle Grid“, ein Gitter, welches auf einer Länge von ca. 2-3 Meter in die Straße eingelassen ist, um die Schafe auf der jeweils richtigen Seite zu halten. Autos etc. können problemlos passieren. Schafe nicht. Sie schaffen es nicht, über das Gitter zu klettern. Bei Fahrrädern bin ich mir Zeit meiner Tour nicht so sicher: ich habe immer Angst, dass im falschen Moment mein Lenkrad umklappt und mein Vorderrad plötzlich quer zum Gitter steht. Aua. Aber ich komme heile über das Gitter rüber.

Dann kommt das Loch Maree. Meine erste Begegnung mit dem Loch Maree war im Song „Summer walkers“ von Runrig. Dort heißt es:

And it’s up by the Shin
And up by the ‚Naver
And the long winding shores
Of Loch Maree
By Ben Hope and Ben Loyal
By Stack and by Arkle
The road reaches far
Now the summer is here

„Summer walkers“ – eine Hymne auf die schottische Heimat, verbunden mit der Aufforderung, diese auch zu erfahren. Ja, ich bin dabei,

Oberhalb vom Loch Maree halte ich an, stecke mir einen Kopfhörer ins Ohr und suche in der Musikbibliothek auf dem Handy nach dem Stück. Die Playlist läuft anschließend weiter – Runrig, der Soundtrack zu meiner Tour.

Das Loch Maree erstreckt sich unter mir über fast 20 Kilometer Länge. Ich befinde mich an der breitesten Stelle des Lochs. Ca. 5 Kilometer weiter im Westen ist der Ausfluss in der River Ewe, der anschließend ins Loch Ewe fließt. (Siehe Tag 9). Mein Weg folgt dem Loch Maree am Südufer gen Osten. Für einige Kilometer werde ich dabei noch die Inseln im Loch im Blick haben. Die Inseln sehen unbewohnt aus – sie sind es auch. Aber irgendwo hinter den Bäumen verbergen sich u.a. eine Kapelle, ein Friedhof und eine heilige Quelle. Das Wasser im Loch Maree soll angeblich heilende Kräfte besitzen. Ich fühle mich derzeit fit und probiere es nicht aus.

Auf halbem Wege das Loch herunter stolpere ich über ein Hinweisschild. Jetzt erinnere ich mich wieder deutlich daran, dass ich hier schon einmal mit dem Auto war. Die „Victoria Falls“ hatten wir damals kurz besucht. Ich weiß noch, wie verwundert ich damals war, denn die Victoria Falls hatte ich anders in Erinnerung gehabt. Aber hier gibt es sie scheinbar auch.

Loch Maree, Blick auf die Inseln
Loch Maree, Blick nach Nordwesten

Was es hier auch gibt sind die schottischen Midges . Das erste Mal auf meiner Tour mache ich mit den Midges Bekanntschaft. Jeder Versuch, am Ufer des Loch Maree kurz stehenzubleiben, wird von den kleinen Mücken torpediert. Wie die Fliegen Mücken stürzen sie sich jedes Mal auf mich. Nur wenn ich unterwegs bin, bin ich schneller. Daher bleibe ich nach Möglichkeit in Bewegung und genieße die in tiefen Wolken liegende Landschaft vom Rad aus.

In den Wolken liegt auch die Spitze vom Slioch, dem höchsten Berg im Umkreis des Loch Maree. 981 Meter ist er hoch, ein schottischer Munro. Dabei soll er aber aus östlicher Richtung vergleichsweise einfach zu erwandern sein. In gut 5 Stunden kann man an der Spitze sein und die Aussicht genießen. Ich verzichte drauf und fahre weiter.

Slioch, 981 m hoch
Slioch, 981 m hoch

Schließlich verlasse ich das Ufer vom Loch Maree wieder und erreiche um 13:15, nach gut 40 Kilometern, den kleinen Ort Kinlochewe. Kinlochewe bedeutet soviel wie „Ort am Kopf von Loch Ewe“. Moment, mag sich jetzt der ein oder andere fragen. Loch Ewe? War das nicht die Bucht, die ich am Vortag passiert habe? Die liegt doch 30 Kilometer entfernt. Ja. Aber bis vor gut 300 Jahren gab es noch ein zweites Loch Ewe – bis es aufgrund der Verwechslungsgefahr in … Loch Maree umbenannt wurde. Scheinbar hat man damals vergessen, auch den Ort in Kinlochmaree umzubenennen. *schulterzuck*


Kinlochmareeewe ist sehr touristisch ausgerichtet. Es ist mit seinen 100 Einwohnern ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in den Highlands, Ausgangspunkt für viele Wanderungen und verfügt über alles, was Touristen brauchen. Ein Hotel, ein Restaurant eine Tankstelle mit Shop und kleinem Café. Dort lasse ich mich jetzt erst einmal nieder und mache Mittag. Noch ca. 65 Kilometer liegen vor mir, aufgeteilt in 2 Etappen. Die erste Etappe geht wieder zurück nach Westen zur Küste, die 2. Etappe ist dann die Umkreisung der Applecross-Halbinsel. Ich stärke mich mit Cola Light, Kuchen Sandwich. Schokoriegel nehme ich auch wieder an Bord. Die Wasserflaschen fülle ich auch frisch auf. Nach einer gefühlten Stunde geht es unter den skeptischen Blicken einiger Motorradfahrer (ja, ich weiß, ich muss irgendwo meinen Motor verloren haben) weiter.

Schon nach wenigen Metern im Ort biege ich rechts ab. Noch ist die Straße zweispurig, in Kürze wird sie aber wieder zu einer Single Road. Etwa 16 Kilometer trennen mich vom Upper Loch Torridon, etwa 30 Kilometer vom Loch Shieldaig. Dort beginnt die Applecross Halbinsel.

Es regnet wieder einmal, ich verschwinde wieder in meiner Regenjacke und fahre ansonsten aber minter vor mich hin. Immer wieder zeigen sich für kurze Minuten auch weiße Wolken und blaue Himmelsflecken. Aber vorherrschend ist der Regen. (Auf den Bildern sieht es nicht so aus. Zum Fotografieren habe ich fast immer die trockenen Momente genutzt.)

Die Gegend um mich herum wird sehr einsam. Aber vergleichsweise häufig werde ich von Motorrädern auf ihre Route-500-Tour überholt. Der ein oder andere winkt mir aufmunternd zu. Ansonsten habe ich jede Menge Natur um mich herum. Natur – für die ich hier bin.

Obwohl ich die Strecke zwischen Shieldaig und Kinlochewe vor einigen Jahren bereits mit dem Auto gefahren war, hatte ich sie nicht so schön in Erinnerung gehabt. Sie war für mich auf meiner Tour eher eine „Muss sein – Abends bin ich dann in Applecross“-Route. Vielleicht liegt es wieder einmal daran, dass ich jetzt auf dem Fahrrad sitze und mich direkt in der Natur befinde. Unmittelbar.   

Vom Liathach, einem 1055 Meter hohen Bergmassiv zu meiner Rechten kann ich nicht viel erkennen. Zumindest erkenne ich die Spitzen nicht. Gut zu sehen ist allerdings das in einem Tal liegende Loch Clair.

 

Ab und zu bricht wieder mal die Sonne durch die Wolken.

 

Von Kinlochewe aus ging es noch ca. 50 Meter in die Höhe, nun musste ich wieder bis auf Meereshöhe hinab.

Schließlich erreiche ich nach insgesamt etwa 6 Stunden Fahrtzeit wieder das Meer. Nein, eher das Upper Loch Torridon. Vor mir breitet sich das Loch aus. Über eine schmale Enge im Westen ist es mit dem Loch Shieldaig verbunden, von dort erreicht das Wasser das Outer Loch Torridon und von dort aus das Meer.

Am Ufer des Lochs nutzen einige Schafe die Ebbe aus, um am Rand des Lochs entlang zu wandern. Ich beobachte die Herde einige Minuten dabei, wie ihr Weg mal zögerlich, mal mutig durchs Wasser führt.

Auch aus der Ferne, 45 Minuten später, meine ich sie noch zu sehen. Die Fahrt ist anstrengender. Die Straße am Ufer geht immer mal wieder in die Höhe und dann wieder hinab. Gefühlt habe ich an dem Tag wesentlich mehr Höhenmeter gemacht als die 740, die mir meine Navi am Ende des Tages anzeigt.

Vielleicht ist es auch nur so anstrengend, weil die Anstiege in der Regel kurz und knackig sind. Umso mehr genieße ich es, in der Höhe stehe zu bleiben und den Blick hinab übers Loch schweifen zu lassen.

Upper Loch Torridon mit Torridon

Kurz hinter Shieldaig, einem kleinen Fischerort, biege ich nach rechts ab und fahre damit auf die Küstenstraße rund um die Applecross-Halbinsel. An der Kreuzung bleibe ich kurz stehen. Beim Umschauen meine ich, an einem Baum ein Eichhörnchen gesehen zu haben. Ich schaue intensiver hin, kann es aber nicht mehr sehen. Als ich wieder unterwegs bin werde ich von einem Rennradfahrer überholt. Der Fahrer ist gute 20 Jahre älter als ich, aber topfit. Zumindest rast er ohne sichtbare Anstrengung die Küstenstraße auf und ab.

Loch Shieldaig und Sheildaig

Mich trennen noch gut 40 Kilometer von meinem Ziel in Applecross. 40 Kilometer, die es in sich haben. Anfangs mache ich noch ab und zu halt, schaue übers Outer Loch Torridon und das angrenzende Loch Shieldaig sowie die Meeresengen zwischen den drei Löchern.

Aber mit der Zeit lässt das Umschauen nach. Das Wetter wird wieder schlecht, ich habe Wind. Hauptsächlich Gegenwind, egal in welche Richtung ich fahre, der Regen peitscht mir ins Gesicht, das Wasser fließt an aller erdenklichen Stellen an mir runter. Fieberhaft erwarte ich immer wieder die Abbiegung Richtung Süden. Aber jede Kurve ist nur eine weitere Kurve auf dem Weg nach Nordosten. Schließlich, es sind noch 20 Kilometer, dreht sich der Weg gen Süden. Der Wind hört trotzdem nicht auf. Ich verfluche das Wetter, trete in die Pedale, freue mich auf das Bier im Applecross Inn am Abend. Und verfluche das Wetter wieder. Die Schafe am Wegesrand bemitleiden mich. Zumindest bilde ich mir das ein. Sie drängen sich in Erdkuhlen und hinter Erdwälle, um zumindest nicht nur nass zu werden. Ich kann das nicht. Also beiße ich die Zähne zusammen, verfluche das Wetter, verfluche den Tag, an dem ich auf die Idee mit dieser Radtour kam. Aber das gehört dazu. Das weiß ich. Eigentlich nehme ich meine Gedanken auch nicht ganz ernst. Außerdem motivieren mich die anderen Verkehrsteilnehmer, die mich überholen. Immer wieder sehe ich erhobene Daumen in meine Richtung gehen. Man könnte meinen, wir wären bei Facebook. 😉

Selten habe ich die Möglichkeit, Fotos zu schießen. Sehnsüchtig geht mein Blick und der Focus meiner Kamera im Handy rüber nach Skye. Skye scheint ausnahmsweise mal etwas in der Sonne zu liegen. Ich hoffe auf die vorherrschende Windrichtung. Hoffentlich kommt der Wind von Westen. Ja, tut er. Ich bin noch gute  10 Kilometer von Applecross entfernt als das Wetter etwas besser wird. Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Bis 19 Uhr hat die Rezeption am Campingplatz geöffnet. Ich würde gerne bis dahin ankommen. Aber es ist schon 18:00 Uhr durch. Wird wahrscheinlich kapp werden. In der Regel ist das aber auch kein Problem. Zelt aufbauen und am nächsten Tag zahlen geht auch.

Ich mache mir dennoch etwas Stress. Auch wegen der Rezeption. Aber ich möchte auch endlich aus meinen nassen Klamotten raus. Die letzten 2 Stunden hätte ich mir auch schenken können.

Trotzdem: jetzt wo das Wetter wieder besser ist, habe ich auch wieder ein Auge für die Umgebung, die in der letzten Stunde nur so an mir vorbeigerast ist. Überall sind aber Zeichen des Regens zu sehen. (Oder ich bilde es mir nur ein.) Der Wasserfall, der schnell dahinplätschert. Der Strand, der von breiten Flüssen durchzogen ist.

Um 18:50 erreiche ich die Bucht von Applecross. Die Häuserzeile mit dem Applecross-Inn wirkt schon so nah, wie sie unter mir liegt. Aber es sind noch bestimmt 5 Kilometer bis dorthin. Ich nutze den Abhang, trete nebenbei in die Pedale und erreiche Applecross um kurz nach 19 Uhr. Nun nur noch den Hang hoch zum Campingplatz, der oberhalb der Bucht liegt. Die letzte Kurve, noch ein Cattle Grid, welches mich durchschüttelt. Geschafft. Ich bin da. Die Rezeption ist schon geschlossen. Sie schließt um 18:30 Uhr. Okay, das hätte ich nicht mehr schaffen können. Aber wie es sich gehört hängt dort ein Zettel „Please pick a pitch an pay tomorrow when you leave.“ (Einmal hatte ich sogar auf den Äußeren Hebriden vor einigen Jahren einen Campingplatz gesehen, bei dem stand: „Wähl einen Platz und wirf das Geld morgen früh bei Haus Nummer xyz in das Gurkenglas.“ 😉  )

Bevor ich meinen „Pitch“ suche, suche ich das Klo auf. Ich ziehe meine nassen Klamotten aus und hänge sie überall auf, damit sie trocknen können. Als nächstes baue ich mein Zelt auf, wobei es schwierig war, einen trockenen Platz zu finden. Der Besitzer eines Campervans kommt zu mir rüber, fragt, ob er mir helfen kann. Ein junges Pärchen aus Deutschland, welches mit dem Motorrad unterwegs ist, kommt zu mir. Wir unterhalten uns kurz und sie erzählen mir, wie sie mich auf der Fahrt die Küste hinab bedauert haben, als sie mich überholt haben. Dann steht mein Zelt. Es wird heute Abend eher kompliziert sein, trockenen Fußes ins Zelt zu kommen. Aber das wird mir schon gelingen. Außerdem weiß ich jetzt schon, dass das Zelt morgen früh wieder zerlegt eingepackt werden muss. Leider.

Das Zelt steht, ich gehe zum Klohaus zurück. Dort ist auch die Dusche. Einen Fön finde ich dort auch. (Meinen hatte ich leider zwecks Gepäckverringerung in Stirling meiner Kollegin mitgegeben.) Ich föne meine Schuhe, damit sie wieder halbwegs trocken werden, dann stopfe ich sie großzügig mit Papier aus. Es wird aber nicht viel helfen. Bevor ich nun in die Dusche steige, will ich erst einmal telefonieren. Ich nehme mein Handy – und habe keinen Empfang. Super. Aber zum Glück gibt es eine Telefonzelle neben dem Klohaus. Ich werfe meine Pfundstücke rein, rufe zuhause an. Andrea geht dran, wir sagen „Hallo“, ich sage „Hier ist Mistwet…“ und das Geld ist verbraucht. Frustriert denke ich mir „Super Tag“. Da klingelt das öffentliche Telefon. Irritiert nehme ich ab. „Hello, Markus Kremer here!“ „Hallo, hier ist Andrea!“ Scheinbar kann man hier auch anrufen und das hat Andrea geistesgegenwärtig getan. Wir telefonieren einige Minuten miteinander, dann gehe ich endlich duschen.

Eigentlich könnte nach der Dusche, sauber und trocken, der Tag vorbei sein. Aber ich bin hier in Applecross, der Heimat des „Applecross Inn“. Das „Applecross Inn“ ist ein kleiner Pub an der Bucht. Bei gutem Wetter kann man vor der Tür sein Bier trinken und mit etwas Glück den Ottern zusehen, wie sie über den Steinstrand laufen.

Im Dunkel gehe ich den Trampelpfad hinab und überlege mir kurz, wie ich die eben noch sauberen Schuhe bis morgen wieder sauber bekommen möchte. Aber nein, sage ich mir. Der Tag war stressig/anstrenged/nervig/ätzend – zumindest die letzten 3 Stunden, um die Schuhe kann ich mich morgen kümmern. Doch davon lasse ich mich jetzt nicht mehr runter ziehen. Wenige Minuten später sitze ich im „Applecross Inn“, vor mir eine Tüte Chips und ein frisch gezapftes … Bier (ich weiß leider nicht mehr, was es war) und ich denke an einen wunderschönen, leicht verregneten Tag zurück. Der Blick nach Skye rüber, der Junge auf dem Campingplatz, die Kirche auf der Landzunge, der Blick übers Loch Maree, die Victoria-Falls, die supernette Bedienung in Kinlochewe, das Tal auf dem Weg nach Torridon, der leichte Nieselregen auf einer wunderschönen Küstenstraße, der Anruf von Andrea. Jetzt ist es wieder besser. Ich nippe an meinem Bier, schaue mich um und denke mir: kann der Tag noch besser werden?

   

Ja, er kann es. Nach anderthalb Stunden verlasse ich das „Applecross Inn“ wieder. Ich beschließe, den Weg außen herum zum Campingplatz zu nehmen und der Straße zu folgen. Kurz vor der Abzweigung den Hang hoch befindet sich linker Hand eine Wiese. Ich höre komische Geräusche. Grunzen. Schnaufen. Rupfen. Irritiert schaue ich mich um. Keine 10 Meter von mir entfernt steht eine Herde mehr oder weniger stattlicher Hirsche. Leise bleibe ich stehen und beobachte sie ein wenig. Irgendwann gehe ich weiter und bin kurz danach beim Campingplatz. Über den Schlamm, der sich um mein Zelt ausbreitet, rege ich mich nicht mehr auf. Warum auch. Bald liege ich unter meinem Treking-Quilt und träume. Vom Regen? Ich weiß es nicht mehr.


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