Tag 1: NewCastle – Border Forest Holiday Camp 

Am nächsten Morgen nähert sich das Schiff planmäßig dem Hafen von Newcastle. Eigentlich muss er heißen: „dem Hafen von NorthShields„, einer an der Küste gelegenen und Newcastle vorgelagerten Hafenstadt. Vorbei geht es bei der Einfahrt an Tynemouth Castle, welches in der gleichnamigen Kleinstadt aufgeführt einer Landzunge die ankommenden Fähren begrüßte. Ich beschließe, falls ich gut vom Schiff herunter komme, einen spontanen Abstecher zum Castle und zur Nordseeküste zu machen. Netterweise fahre ich damit auch für einige Kilometer auf dem Nordseeküstenradweg. Mit seinen gut 6000 Kilometer Strecke wäre das auch einmal eine interessante Herausforderung.

Das Schiff legt an, wir Radfahrer gehen als letzte von Bord. Die Einreise-Formalitäten sind aber schnell erledigt, so dass ich zeitig auf britischen Boden starten kann. Wie spontan umgeplant routet mich meine komoot – Navi daher zur Nordseeküste zurück.  Ich helfe noch kurz  zwei anderen Radfahrern, die mit mir zusammen auf dem Schiff waren und den Weg zur Küste nicht genau wussten. Einige Minuten fahre ich hinter ihnen her und gewöhne mich dabei langsam aber sicher an den Linksverkehr. So schwierig ist es nicht – nur etwas ungewohnt. Schließlich stehe ich vor dem Castle.

Tynemouth Castle

Es würde Eintritt kosten (wäre kein Problem), ich müsste mir einen Platz fürs Fahrrad und das Gepäck suchen (ein kleines Problem), aber ich möchte irgendwann am Border Forest Holiday Park ankommen (großes Problem, da ich noch nicht genau abschätzen kann, wie lange ich mit meinem Gepäck brauche werde).  Also halte ich an, genieße die Aussicht auf die Tyne-Mündung und die nördliche Küste und fahre weiter.

Nach einem Kilometer muss ich mich der ersten wirklichen Herausforderung stellen: vormir liegt ein Round-Abouts (oder wie ich sagen würde: ein Turn-Around). Mein erster auf der britischen Insel, den ich mit dem Fahrrad bezwingen muss. Ich atme tief durch und fahre hinein. Die Autos zu meiner Linken, die in den Round-About reinfahren wollen, halten an. Sind sie überrascht? Habe ich was falsch gemacht? Nein, scheinbar nicht. Ich komme wohlbehalten durch den Round-About. Erst nach der Ausfahrt störe ich den Verkehr, denn ich bremse scharf, fahre rechts links ran und mache ein Foto vom Kreisverkehr. Ich bin erleichtert und fahre weiter. Noch weiß ich nicht, was für einem Kreisverkehr ich heute noch begegnen werde. *Spannung aufbau* 😉

Mein erster britischer Roundabout

4 Kilometer folge ich dem Nordseeküstenradweg Richtung Norden, dann biege ich ins Landesinnere ab. Wunderschön klingende britische Ortsnamen säumen meinen Weg: Whitley Bay, Shiremore, Killingworth Village, Hazlerigg Village, Wideopen und Seaton Burn. Seaton Burn habe ich mir als erstes Etappenziel vorgenommen.Hier wollte ich Mittags sein – denn in Seaton Burn gibt es einen „Autohof“. Nicht gegen Mittag, aber auch nicht zu spät, komme ich dort an. Ich folge der Hauptstraße Richtung Norden hin zum „Autohof“. Kurz vor den Autohof treffe ich auf dem richtigen Round-About. Mindestens dreispurig, eine Seite führt direkt auf die angrenzende Autobahn. Ich nehme sicherheitshalber den Radweg und die Ampeln. Heile komme ich am Autohof auf der anderen Seite an. Ich habe ihn mir größer vorgestellt – aber den anvisierten BurgerKing gibt es dort. Ich stelle mein Rad vor einem Fenster ab und stärke mich ein wenig.

Dann geht es weiter. Ich bin faul, möchte nicht warten und riskiere die Einfahrt in den Kreisverkehr. Etwas mulmig ist mir schon, aber ich komme gut an meiner Ausfahrt an.

Bevor ich etwas weiter südlich im Ort die Hauptstraße gen Westen verlasse, gehe ich noch einkaufen. Cola, irgendwas für Abends. (Ich weiß nicht mehr genau, was ich gekauft habe. Macht aber nichts.)

Im kleinen Örtchen Belsay (okay, Ort ist wohl eher übertrieben – ich habe nur eine Handvoll Häuser gesehen) mache ich wieder Halt und betätige mich beim Losfahren das erste Mal als Verkehrshindernis. Passiert halt, dass man auf der rechten Seite fährt. Warum steht da auch kein „Bitte Links-fahren“ -Schild. 😉

Wenige Meter später kommt der erste Hinweis darauf, dass ich mich Schottland näherte. Ich sah ein Hinweisschild mit dem Ortsnamen „Scots Gap“ und war froh, dass meine Englischkenntnisse nicht ausreichen um das Wörtchen „Gap“ passend zu übersetzen.

Scots Gap

Bevor ich einige Kilometer später Scots Gap passiere, treffe ich auch schon auf die ersten Schafe am Wegesrand.

Vorbei geht es an wunderschönen aber in die Jahre gekommenen Bruchstein-Häusern. An den Wänden hängen Ranken, Bäume und Briefkästen.

Nach 70 Kilometern (ich bin inzwischen gute 7 Stunden unterwegs und habe für den ersten Tag nicht mehr so viel Lust), meint meine Fahrrad-Navi, dass sie mich vielleicht etwas aufmuntern könnte. Sie scheucht mich einen „gut zu befahrenen“ Schotterweg hinab auf ein Farmgebäude zu und sagt mir dann „Bitte folge dem Weg“ – aber der Weg geht nicht weiter. Knurrend drehe ich mein Fahrrad und schiebe wieder den Berg hoch. Von dort bleibe ich auf der Straße und komme nach einer schönen Schussfahrt in das Dörfchen Elsdom. Ich bleibe kurz an der Dorfkirche stehen und fahre dann weiter. Das „Border Forest Holiday Camp“ wartet schließlich auf mich.

 

 

Noch vor dem nächsten Ort sehe ich an einer Einmündung ein Straßenschild, welches mich an meinem Orientierungssinn zweifeln lässt. Aber vielleicht ist es auch ein anderes „NewCastle“.

Den nächsten Ort finde ich etwas brutal – er heißt Otterburn. Ich muss kurz an Andrea denken und male mir aus, wie sie bei ihrer Otterliebe auf diesen Ort reagiert hätte. Ich sehe aber nirgendwo brennende Otter, dafür abermals eine schöne Kirche und ein … nennen wir es mal „Herrenhaus“.

Kurz nach Otterburn biege ich auf die „Zielgerade“ ein, die aber noch etwa 10 Kilometer lang sein sollte. Ich habe nicht mehr viel Lust an diesem Tag. Es ist feucht und schon fast 19 Uhr. Munterer werde ich erst wieder, als ich in Rochester am „Last Café in England“ vorbeifahre. Bald (nein, morgen) bin ich in Schottland.

5 Kilometer später biege ich nach links in die Einfahrt zum „Border Forest Holiday Camp“ ab. Im Internet stand etwas von „keine Tourer“, aber ich hatte  mich per Email erkundigt und war willkommen. Ich klingele an der kleinen Hütte am Eingang zum Campingplatz. Ein Mann erscheint, erklärt mir alles und beschreibt mir den Platz für mein Zelt.

Handyempfang habe ich kaum, aber am Eingang gibt es etwas Wlan. Dort schaue ich nach dem Zeltaufbau und dem Duschen nach, wo ich am nächsten Tag hinfahren möchte.

Das anschließende Kochen fällt ins Wasser. Es regnet stark und ich bekomme den Kocher nicht an. Die Küche bleibt also kalt.

Müde falle ich an dem Abend auf die Luftmatraze. Ich bin stolz auf die 90 Kilometer, die hinter mir liegen – und freue mich auf die 2900 Kilometer, die noch vor mir liegen.


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