Tag 0: Auf zur Fähre nach Ijmuiden

Dienstag morgen, 5:30 Uhr, das Fahrrad landet im Kofferraum meines Autos, denn die ersten 40 Kilometer bis Bielefeld lege ich noch mit dem Auto zurück. Ab dort steige ich in den Zug, der mich über Bad Oeynhausen nach Amsterdam bringen soll. Die Fahrt zum Bahnhof verbringe ich schweigend – oder nervös plappernd. Ich weiß es heute nicht mehr. Es würde beides passen. Ich bin nervös, den 5 Wochen, hoffentlich 3000 Kilometer, einige Strapazen und viel Unerwartetes liegen vor mir. Dazu kommt eine wunderschöne Landschaft, wahrscheinlich viele neue Bekannte und viele alte, bekannte Gesichter, jeden Tag interessante Herausforderungen und die Erfüllung eines Traums. Ich bin aber nicht nur nervös, sondern beinahe andächtig vor dem, was vor mir liegt.

Abfahrbereit am Hauptbahnhof in Bielefeld

Zuerst liegt aber noch der schwerste Schritt der Reise vor mir. Am Bahnhof verabschiede  ich mich von Andrea für die nächsten 4 Wochen. Jeden Abends telefonieren wir, EU sei dank. Keine Frage. Aber wiedersehen werden wir uns erst in Glasgow. Viel kann bis dahin passieren. „Zwei Sachen musst du mir versprechen“,  sagt Andrea zum Abschied. „Lass das Zelt heile – und komm heile wieder.“ Ich gebe mir Mühe.

Die Schaffnerin am Zug ist nett – wir können die Zeit am Bahnhof bis zur letzten Sekunde nutzen. Dann schließt sich die Tür und die Fahrt geht los. Zuerst nur für gut 30 Minuten. In Bad Oeynhausen steige ich in den IC nach Amsterdam. Etwa 4 Stunden Fahrt liegen vor mir. Zeit genug, um die erste Reparatur am Fahrrad vorzunehmen. Am Vortag hatte ich nicht nur letzte Besorgungen gemacht und meine Taschen gepackt, sondern ich habe auch noch neue Mäntel und Schläuche aufgezogen. (Neue Bremsen ebenfalls.) Bei den Straßen in Schottland weiß man ja nie. Beim Hinterrad war ich scheinbar zu brutal und habe den Schlauch gleich profimäßig vernichtet. Das Hinterrad verliert Luft. Also wird im IC mein Fahrrad auf den Kopf gestellt und der Schlauch kurzerhand noch einmal ausgetauscht. Der alte Schlauch kommt ins Gepäck – wer weiß schon, wie viele Platten ich noch bekomme. Vielleicht müsste er geflickt noch einmal eingesetzt werden. (Achtung, Spoiler und Werbung: es sollte  übrigens auf 3000 Kilometern meine einzige Reifenpanne sein. Der Marathon Plus von Schwalbe ist sein Geld schon wert.)

Die erste Fahrradpanne

 

 

Immer wieder komme ich im Zug mit meinen Mitfahrern ins Gespräch. Radfahrer waren dabei, Nicht-Radfahrer, die sich für meine Tour interessierten, Schottlandbegeisterte. Dort im Zug merkt ich immer wieder – ganz normal ist das, was ich vorhabe, scheinbar nicht.

Schließlich komme ich in Amsterdam an. Mein Fahrrad rollt tadellos, ich gelange auch (das hatte mir etwas Kopfzerbrechen gemacht) problemlos durch die Zugangskontrollen am Bahnhof, indem ich einen Rollstuhl-Zugang nutze.

Amsterdam Central – Los geht’s

Dann stehe ich vorm Bahnhof in Amsterdam. Im fahrradgewöhnten Amsterdam falle ich mit meinem schwer bepackten Fahrrad kaum auf. Das scheint hier normal zu sein. Ich orientiere mich kurz, lasse Amsterdam einige Minuten auf mich wirken und dann schwinge ich mich aufs Fahrrad. Noch vor dem Losfahren verharre ich kurz, als ich für mich realisiere: es geht los. Jetzt lebe ich (m)einen Traum. Ich suche nach den richtigen Gedanken für die Abfahrt – es wird dann aber nur ein leise gemurmeltes „Los geht’s!“ Reden halten konnte ich noch nie gut. 😉

Bis Ijmuiden sind es ca. 30 Kilometer. Einchecken in die Fähre ist ab 15 Uhr, bis 17 Uhr muss ich eingecheckt sein. Das sollte problemlos gelingen. Gemütlich rolle ich mit etwas Gegenwind in Richtung Küste. Meine Gedanken gehen ein Jahr zurück. Genau ein Jahr.  Am 25. Juli 2016 kam ich Abends einige Dutzend Kilometer weiter südlich an der niederländischen Küste in Hoek van Holland an. Der Rheinradweg war geschafft. Damals saß ich dort am Meer und nahm mir die Schottland-Tour für 2017 fest vor. Denn hinterm Horizont geht es weiter. 😉 Immer wieder habe ich im Laufe des Jahres gezögert und die Tour verworfen. Nun bin ich schon kurz vor der Fähre.

Auf dem Weg dorthin mache ich kurz Halt an einem Repro-Service. Ich muss noch mein Ticket für die Fähre ausdrucken. In Papierform habe ich nur die Email mit. Nicht den Anhang. In Ijmuiden mache ich auch noch einmal Halt. Ich kaufe mir 2 Dosen Bier und 2 Spanngurte, da ich nicht genau weiß, ob und wie ich auf dem Schiff mein Fahrrad festmachen muss. (Super Planung, Markus. Wenn das so weitergeht. 😉 )

Vom Zentrum aus rolle ich an der Ij entlang zum DFDS-Anleger. Dort wartet die Princess Seaways schon auf mich. Vor dem Check-In stehen schon 4 kurze Schlangen mit Autos, Wohnmobilen (ist auch die bessere Idee für Schottland als mit Fahrrad und Zelt, denke ich mir) und Lastwagen. Ich traue mich nicht, mich vorne an der Schlange anzustellen und nehme stattdessen brav einen Platz in einer Reihe ein. Die irritieren Blicke der anderen ignoriere ich. Etwas. Vielleicht schauen sie so verwundert, weil ich mich anstelle. Vielleicht auch, weil da ein Verrückter mit dem Fahrrad steht. Vielleicht bilde ich mir die Blicke aber auch nur ein.

Am Check-In. Brav stehe ich in der Schlange.

Ich weiß allerdings, denke ich mir, als ich 30 Minuten später an der Hafenmauer stehe und darauf warte, mein Fahrrad ins Schiff hinein zu steuern, dass ich die letzten Jahre hier immer neidisch auf die Fahrradfahrer geschaut habe. Jetzt nicht mehr. Doch – ein wenig schon, als ich erfahre, dass das ältere Ehepaar mit ihren Fahrrädern nicht erst seit einer Woche unterwegs ist und nun weiter nach Newcastle will.

Das Schiffspersonal winkt uns zu und wir können fast als erstes ins Schiff einfahren. (Nur ein paar LKW-Anhänger stehen schon im Bauch des Schiffes.)

Wir stellen unsere Räder auf einer abgetrennten Ebene am Heck des Schiffes ab, vorsichtshalber schließe ich es am Geländer an, dann trage ich mein Gepäck nach oben. (Wahrscheinlich hätte ich es auch am Fahrrad hängen lassen können – aber man weiß ja nie.)

Das Fahrrad ist im Bauch des Schiffes verstaut.

In der Kabine bin ich überrascht. Ich hatte mich erst vor 4 Wochen endgültig für die Tour entschieden, dementsprechend spät gebucht und eine Innenkabine mit Etagenbetten erwischt. Bekommen habe ich eine Außenkabine mit Einzelbetten. Meine Befürchtung, dass ich nicht alleine in der Kabine wäre, wird auch nicht wahr. Ich wurde aus Kabinenmangel hochgestuft. Ohne Mehrkosten. Okay, vielen Dank, DFDS. Immer wieder gerne. Die Tour fängt gut an.

Ich habe Zeit bis zur Abfahrt und gehe erst einmal duschen. Anschließend steige ich zum Aussichtsdeck, der Sky Bar, am Heck des Schiffes hoch, hole mir eine Dose Fosters und stelle mich an die Reling, während das Schiff langsam ablegt und Kurs auf Schottland England nimmt.

Prost. Ein Fosters in der Sky Bar.

Morgen früh steige ich in NewCastle aufs Fahrrad. Am Abend aber wartet erst noch das üppige Buffet auf mich, welches ich zum Abendessen gebucht habe (35 € mit einem Getränk. Nicht günstig, aber umfangreich. Und lecker.) Ich esse, als ob ich die nächsten Wochen nichts mehr bekäme. Ganz so ist es nicht, aber spartanischer werden die kommenden Abendessen bestimmt.

Abends stelle ich mich, nachdem ich einige Zeit das freie Wlan des Schiffes nutzen konnte (welches es angeblich laut der Schiffs-Crew gar nicht gab) noch einmal mit einem Bier in die Sky Bar. Die Crew packt die Stühle und Tische für die Nacht ein und ich schaue gedankenverloren ins Meer. In der Ferne kommt mir uns Schiff entgegen. Das könnte das DFDS-Schwesterschiff auf der Strecke sein. 5 Wochen, dann würde ich diese Strecke zurück nehmen. Hoffentlich an einem Stück und im Gepäck jede Menge lebenslanger Erinnerungen. Aber das ist erst in 5 Wochen. Dazwischen liegt die Tour. Ich freue mich.


Tag 1