Schottland 2017, Tag 29: „Due to the weather…“ (16.08.) 

„. .. Könnten sich die Abfahrzeiten der Fähre von Lochranza nach Claonaig verschieben.“

Schön, stört mich aber nicht. Ich wollte eh nicht nach Claonaig übersetzen. Heute lag eine Rundfahrt über den Norden von Arran an, anschließend ab 16:10 sollte es von Ardrossan (gegenüber der Insel Arran)  mit dem Fahrrad zurück nach Glasgow gehen. Den Hinweg hatte ich mit dem Zug gemacht, da ich sonst heute gute 180 Kilometer gefahren wäre. 

Der Zug setzte mich pünktlich um 9 Uhr in Ardrossan ab, von dort waren es nur wenige Kilometer bis zum Hafen, an dem schon die Calmac-Fähre lag. Sie war ziemlich groß, dachte ich mir. Inzwischen weiß ich, warum sie so groß ist. Aber dazu später. 

Mit der Fähre fuhr ich gemütlich rüber nach Arran. Arran, so heißt es, wäre Schottland im Mini-Format. I’m Norden erinnert Arran stark a an die Highlands, im Süden mehr an die Lowlands. Berühmt ist Arran für seinen Käse, sein Eis und sein Bier. Das Arran widerlegt, ähnlich wie das Bier von Skye, die These, dass Schotten kein Virus brauen können. Ich habe mir sagen lassen, dass der Whisky von Arran auch gut schmeckt. Da kann ich aber nichts zu sagen. 

Bei strahlendem Wetter kamen wir auf Arran an. Wie immer verließen wir Radfahrer zuletzt die Fähre, wünschten uns „Gute Fahrt“ und machten uns auf den Weg. 

Aufgrund meines Faibles für die Highlands habe ich mich für die Nordhälfte der Insel entschieden. Eine komplette Umkreisund wäre auch möglich gewesen, aber ich wollte für den Rückweg die Fähre um 15:15 Uhr ab Brodick erreichen. Außerdem wollte ich „the string“ abfahren, eine Straße, die die Ostküste mit der Westküste an der schmalsten Stelle verbindet. Auf Karten sieht es so aus, als ob sie Arran wie ein Strick zusammenzieht. Innerhalb von gut 10 Kilometern geht es von 0 Metern auf 230 Meter hoch. Und wieder runter. 

Ich fuhr also an der Küste entlang, freute mich über viele schöne Fotomotive und Ausblicke auf Kintyre (von der Westküste aus)… da fing es an zu regnen. Ich schlüpfte in die Regenjacke und behielt sie bis zum Ende der Tour an. Es regnete praktisch durchgehend. Nicht nur der leichte Nieselregen fiel vom Himmel. Auch der harte, stechende Regen mischte sich dazwischen und schlug mir ins Gesicht. Die Überquerung des Nordens (ein leichter Anstieg auf 120 Meter) gelang trotzdem recht problemlos. Ich war nicht so schnell wie der Radler vor mir. Aber der wollte auch die Fähre in Lochranza erreichen und dann über Claonaig, Tarbert etc. nach Glasgow zurück. (So eine Tour hatte ich auch schon mal angedacht.) 

In Lochranza machte ich kurz Halt am Castle und an der Bucht. Der Dauerregen verhagelte aber die Motivation, lange zu bleiben. Fotos gab es trotzdem. Etwas länger blieb ich bei der Sandwich-Bude am Ortsausgang. Ein Sandwich aß ich zwar nicht (auch wenn es lecker klang), aber ein „Mint Chocolat Arran Eis“, dafür musste die Zeit reichen. Zeit hatte ich auch noch. Laut meiner Navi sollte ich um 14:35 wieder in Brodick ankommen. Um 14:55 Uhr musste ich da sein. 

Als ich mich aufs Fahrrad schwang sah ich das zu Anfang beschriebene Hinweisschild zur Fähre in Lochranza. Noch schmunzelte ich. 

Aus dem Schmunzeln wurde aber schon bald ein durch die Anstrengung verzehrtes Gesicht. Denn der Wind kam auf. Von vorne, von der rechten Seite (vom Meer), selten vom Land, etwas öfter aus Norden. Der letztere schob mich manchmal an. Aber meistens kam er aus Südwest und ließ mich teilweise beim Fahren stehenbleiben. (Ich hoffe, ihr könnt euch da vorstellen.) Dazu kam der schon erwähnte Regen. Meine Hoffnung lag auf dem „String“, den dieser führte mich in Nordost – Richtung. Die müsste ich den Wind im Rücken haben. Durch die Turbulenzen kämpfte ich mich bis zur Abzweigung zum String hin. Von der Umgebung sah ich nicht viel. Zum einen lag Kintyre eh hinterm Regen versteckt. Außerdem fuhr ich überwiegend mit gesenktem Kopf, um mein Gesicht vor dem Regen zu schützen. 

Die Abzweigung kam, der Aufstieg begann. Erst langsam, nach 4 Kilometern stärker. Beim Abbiegen in den String hatte ich 15:00 Uhr als Ankunftszeit. Als ich oben ankam, stand die Ankunftszeit bei 14:50 Uhr, denn der Rückenwind ließ mich nicht im Stich. Er trieb mich geradezu den Berg hoch. Auf ihn vertrauend konnte ich sogar zwischendurch anhalten und Fotos machen. Flott ging er auch wieder abwärts. Ich erreichte, wie gesagt, um 14:50 Uhr den Hafen und freute mich. Hätte ich die Fähre nicht erwischt, wäre ich anschließend ab Ardrossan doch mit dem Zug gefahren. Denn die nächste Fähre fuhr erst um 16:40 Uhr, Ankunft um 17:35 Uhr. Warum ich das so genau weiß? Ganz einfach. Ich kam am Hafen an, traf einen Mitarbeiter und sagte ihm „I want to take the next ferry“ and he told me „That is at 16:40. The ferry at 15:15 didn’t go.“ 

Ich hatte mich also durch den Sturm gekämpft und bin den Berg hochgerast – um dann jetzt anderthalb Stunden zu warten. Okay, wartete ich halt. Ich zog die nasse Jacke und den nassen Pullover aus und setzte mich hin, holte mir zwischendurch noch einmal warmen Burger und warme Chips und ging schließlich an Bord. In der Bordbar sitzend übermannte mich schnell Müdigkeit und ich schlief ein. 

Erst kurz vor Ardrossan wachte ich wieder auf. Im Magen hatte ich ein mulmiges Gefühl. Das Schiff kämpfte mühsam gegen die Wellen an. Die 15:15 – Fähre, die kleiner war als die aktuelle, hätte bei der Tour bestimmt mehr Probleme gehabt. Aber auch unser Schiff folgten den Wellenbewegungen mit starken Ausschlägen. Dabei befanden wir uns schon im Hafenbecken von Ardrossan. Irgendwo klirrten Gläser, dann ertönte di Stimme des Kapitäns. Wir durften zu unseren Fahrzeugen. 

Auf dem Hafengelände in Ardrossan stürmte es auch. Schnell fuhr ich zum Bahnsteig des Zuges nach Glasgow, der schon auf uns wartete, stieg ein und fuhr (ohne ein schlechtes Gewissen zu haben) mit dem Zug zurück. Das Wetter heute war definitiv kein Fahrrad-Wetter. Nicht einmal in Schottland. 🙂 

Der Abend endete gemütlich und warm als Ausgleich zum Tag im „Baffa“, einem kongenialen italienischen Restaurant in Glasgow.