Schottland 2017, Tag 28: North Ayrshire, ein soziales Experiment und der Ausgleich für die letzten beiden Tage

Zuletzt war ich faul – es war aber auch zu angenehm. Ich liege schön im warmen Bett, muss mich abends nicht ums Zeltaufbauen kümmern und mich nicht darüber aufregen, dass morgens das Zelt nass ist. Etwas komisch ist das schon. Vielleicht hätte ich im Sinne der Radtour diese Tage anders nutzen sollen, da es nicht mehr dem Flair hat, den es die ersten 3 1/2 Wochen hatte. Aber zumindest habe ich heute wieder angefangen zu fahren. Es ging heute Richtung Süden. Als erstes Ziel hatte ich mir New Lanark ausgesucht 

New Lanark ist eine Spinnerei, eine Woolen Mill, wenige Kilometer südlich von Lanark, welches ca. 40 Kilometer südlich von Glasgow liegt. New Lanark war nicht nur eine Woolen Mill, sondern auch eine „Arbeitersiedlung“. Gegründet im Jahr 1785 führte der 2. Besitzer Robert Owen (Schwiegersohn des Gründers) tiefgreifende soziale Verbesserungen ein, da er der Meinung war, dass seine Arbeiter in der Baumwollfabrik besser arbeiten könnten, wenn die sozialen Bedingungen besser wären. 

L“Er veränderte Arbeiten und Leben in der Baumwollfabrik, unter anderem durch den Bau einer Schule für die Kinder der Arbeiter, Einschränkung von Kinderarbeit, Abschaffung von Prügelstrafen, Pensionsversicherung und einer Art Krankenversicherung. Auf dem Gelände gab es einen Dorfladen, dessen Preise nur wenig über dem Großhandelspreis lagen. Das „Institute for the Formation of Character“ war der soziale Mittelpunkt in Owens Gemeinde. Dort waren eine Bibliothek mit Lesesaal, sowie eine Werkskantine und Räumlichkeiten für religiöse Versammlungen und andere Veranstaltungen untergebracht. *(Zitat Wikipedia) 

Ich war vor einigen Jahren schon einmal hier, den Besuch der preisgekrönten Ausstellung konnte ich mir sähe sparen. Aber ich finde die Ansammlung der im Tal gelegenen Häuser  und Fabrikgebäuden immer wieder schön.

Weiter ging es, komoot folgend, am Clyde entlang. Der Anblick des Clydes und der Wasserfälle war wunderschön, aber beim Weg fühlte ich mich doch etwas irritiert. Mehrmals musste ich mein Fahrrad Treppen hochtragen. Innerlich gratulierte ich mir, denn die Fahrt nach New Lanark war auch mal als erste Etappe der Strecke von Glasgow nach Newcastle angedacht. DAS wäre schwierig geworden. Aber heute hatte ich  zum Glück nur leichtes Gepäck für eine Tagestour. 

Vom Clyde aus bog ich nach Südwesten ab. Dort lag in 20 Kilometern Entfernung die Ruine von Douglas Castle. „Douglas Castle“ kennen wahrscheinlich die wenigsten. Aber als ich bei Facebook erwähnte, unter welchem Namen das Castle noch bekannt ist, machte man sich gleich Sorgen um mich. Bekannt geworden ist es als „Castle Dangerous“ in der gleichnamigen Novelle  von Sie Walter Scott aus dem Jahr 1832.

Mir persönlich, deswegen hatte ich die Ruine des Castles angesteuert, war der Name aus einem Stück bekannt, welches zum Standard jeder Pipeband gehört. Passenderweise hört dieser 3/4 Marsch auch auf den Namen „Castle Dangerous“.

Es ging aber weiter. Die nächsten 40 – 50 Kilometer waren eher ereignislos. Es ging an der Straße lang, teilweise über schmale Seitenstraßen, selten über Radwege. Zwischendurch lieferte ich mir ein Rennen mit einem ausgebüxten Schaf. Es stand auf dem Weg und kam nicht mehr auf die abgezäunte Wiese zurück. Als es mich sah, rannte es in bester Slapstick-Manier auf dem Weg vor mir weg. Sprang nicht nach rechts oder links. Zuerst wartete ich etwas ab. Dann aber dachte ich mir „Lieber ein Ende mit Schrecken“ und trat Mut möglichst viel Abstand zum Schaf in die Pedale. Kurz bevore ich es überholte, strauchelte das immer schneller werdende Schaf etwas und ich war vorbei. Das Schaf blieb stehen, schaute mir irritiert hinterher und gratulierte mir mit einem verstörenden „Mäh“ zum Sieg.

Ein anderes Mal kam mir eine Kuhherde auf der Straße entgegen. Panisch schleuchte mich der Landwirt zurück. War vielleicht auch besser so. 🙂

Zur Landschaft ist nicht viel zu sagen. Sie war nicht sonderlich eindrucksvoll. Sie war nicht unschön, aber zu (wie soll ich sagen)… zu „gewöhnlich“. Wald, Wiesen, Felder, zwischendurch wirkte es mal kurz wie in der Lüneburger Heide. Ich konnte daher relativ zügig fahren.

Beeindruckend waren zwischendurch immer wieder die Ausblicke Richtung Glasgow und den Bergen rund um den Loch Lomond, die relativ deutlich zu sehen waren.

Nebenbei kämpfte ich gegen den Gegenwind an. Das brachte mich zu einer Planänderung. Eigentlich war angedacht gewesen, über Kilmarnock nach Ardrossan zu fahren, dort mein Rad abzustellen, abzuschließen und mit dem Zug nach Glasgow zurück zu fahren. Am nächsten Morgen würde ich dann von Ardrossan aus Richtung Arran übersetzen.

Der Wind trieb mich dann aber kurz vor Kilmarnock Richtung Nordosten auf Glasgow zu. War mir auch lieber, da ich so mein armes Fahrrad nicht alleine in Ardrossan stehen lassen musste.

Der Tag brachte mit 151 Kilometern und gut 1000 Höhenmetern den gelungenen Ausgleich zu den letzten Faulenzer-Tagen.