Tag 28: Glasgow – New Lanark – Castle Dangerus – Glasgow

Am Samstag kam ich in Glasgow an. Sonntag und Montag habe ich in Glasgow verstreichen lassen und war mit meiner Frau und Freunden zusammen. Aber irgendwann soll das „Lotterleben“ wieder vorbei sein – ich bin schließlich zum Fahrrad fahren hier.

Mit der Basis Glasgow im Rücken (wir hatten ein AirBnB-Appartement) kann ich mit Minimal-Gepäck wieder auf Tour gehen. Essen, Trinken, Regenklamotten, Werkzeug. Im Vergleich zu dem Schwertransport der vergangenen Wochen ist dies ein ganz anderes Erlebnis. Von Glasgow aus werde ich in den nächsten Tagen sternförmige Abstecher machen.

Tag 28 (Di): der Süden – Lanark und Castle Dangerous
Tag 29 (Mi): Arran
Tag 30 (DO): Forth-and-Clyde-Canal bis zur Ostküste
Tag 31 (Fr): der Norden – Loch Katrine im „Lomond and Trossachs National Park“
Tag 32 (Sa): Bute, eine Insel im Forth of Clyde
Tag 33: (So): Rückfahrt nach Newcastle mit dem Zug.

Diese Liste schreibe ich aus der Rückschau. Eigentlich war ab Donnerstag auch die Rückfahrt an der Küste entlang nach NewCastle geplant. Warum es dazu nicht kam und ich in Glasgow blieb … dazu später.

Von Glasgow nach New Lanark

So breche ich am Dienstag Morgen früh auf und fahre den Clyde entlang nach Osten. Gut 10 Kilometer folge ich ihm

Es ist noch relativ früh, auf dem Weg am Clyde entlang ist kein Verkehr. Auf dem Clyde schwimmen immer wieder Enten und ähnliche Tiere (hätte ich mal in Bio besser aufgepasst) und auch wenn ich mich im „Speckgürtel Schottlands“ zwischen Glasgow und Edinburgh befinde, befinde ich mich plötzlich wieder in der Natur. Ich zwinge mich dazu, die Umgebung nicht mit den Highlands zu vergleichen. Das wäre fies. Aber es ist was anderes als die letzten 3 Tage in Glasgow. Es hat mir gefehlt. Ich bin wieder unterwegs.

Nach 10 Kilometern biege ich in der Nähe von Cambuslang vom Clyde ab … und die Zivilisation hat mich wieder. Cambuslang ist eine Vorstadt von Glasgow, welche auch als eigene Stadt durchgehen könnte. (Bad Lippspringe hat auch nicht mehr Einwohner und besitzt das Stadtrecht.) Ein wenig schaudert es mich nachträglich. Cambuslang hat gut 17.000 Einwohner. Auf Skye, wo ich noch eine Woche zuvor war, teilen sich etwa 10.000 Einwohner die Insel. Dreimal dürft ihr raten, was ich schöner finde.

Ich folge der Navi und den Straßen durch den Ort. 30 Kilometer und mehrer Orte und größere Straßen trennen mich von meinem ersten Ziel: Lanark. Ich fahre ein wenig wie in Trance und merke, dass ich fahre um zu fahren. Die Umgebung interessiert mich nicht sonderlich. Ich schäme mich fast dafür. Aber es ist leider so.

Die Kilometer verrinnen unter meinem Fahrrad. Vor einem Jahr fragte mich Torsten Ising mal, wie ich mir die Einzelheiten meiner Tour so genau merken könne. Teilweise gelingt mir das. Ich schaue mir die Bilder von damals an … und sitze wieder auf dem Fahrrad und spüre, was ich damals gespürt habe. Aber: ich muss leider gestehen, dass ich von der Strecke zwischen Cambuslang und Lanark nicht mehr viel weiß. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich gefreut habe, als ich auf der Höhe vor mir Lanark sehe. (Ich gebe zu – ich habe gerade komoot gefragt, ob Lanark wirklich auf der Höhe lag. Liegt es. Ich gebe mir aber weiterhin Mühe, die Tour realitätsnah wiederzugeben. Vielleicht ist das der Grund, warum ich in der Rückschau so lange brauche.)

Also – ich fahre auf Lanark zu. 2012 (?) waren wir auf unserer ersten gemeinsamen Schottland-Reise hier und suchten einen Campingplatz. Heute suche ich ihn nicht. Er ist noch früh am Tag – und ich habe ein Ziel. New Lanark. Aber zuerst durchquere ich Lanark, die kleine Stadt auf dem Hügel.

In dieser Kleinstadt mit gut 9000 Einwohnern soll unter anderem mal William Wallace gelebt haben. Heißt es. Die Stadt hat mich schon vor einigen Jahren in den Bann gezogen. Die oft dunklen Steine der Mauern, von denen ich immer noch nicht weiß, ob die Farbe eine Spur der Zeit ist oder ob es so sein soll. Die alte, beschauliche Optik in Verbindung mit einer dicht befahrenen Straße aus der heutigen Zeit. Irgendwann muss ich hier auch mal länger verweilen.
Heute führt mich mein Weg in eine Seitenstraße und von dort noch einmal in eine Seitenstraße. Ich finde, für ein UNESCO-Weltkultur-Erbe liegt New Lanark in ziemlich vielen Seitenstraßen. Die Abzweigung in die dritte Seitenstraße verpasse ich, weil ich dem Hinweisschild nach New Lanark für Fußgänger folge. Nach wenigen Metern drehe ich um, nehme die richtige Seitenstraße und nähere mich einer alten Kirche. In der Kirche befinden sich jede Menge alter Gedenktafeln für die Verstorbenen. Ich weiß noch, wie ich hier einmal vorgestanden bin und versucht habe, die Familienbeziehungen der Verstorbenen herzustellen. Bevor ich bei der Kirche bin geht es aber in die nächste Seitenstraße. Und dann, kurz vor dem Parkplatz in eine weitere. Nun bin ich auf der abfallenden Straße, die mich in einer Serpentine hinab nach New Lanark führt. Dann kommen die alten, großen und langen Gebäude von new Lanark in Sicht.

New Lanark – das ist keine Stadt. Oder vielleicht doch. Es ist eine Vision – das mit Sicherheit. Es ist ein Sozialexperiment – zumindest würde man es heute so nennen. Sicherlich war es vor 200 Jahren ein Lichtblick für die Arbeiterschaft und ein Wegweiser dahin, dass „Arbeiter“ keine Leibeigenen sein.

1785 als nicht besonders auffällige Baumwollfabrik an den Fluten des Clydes (der die Maschinen in der Fabrik antrieb, gegründet, wurden die Weichen für die Sozialutopie (hätte ich fast gesagt, aber hier war es keine Utopie, sondern Wirklichkeit) erst an 1800 von Robert Owen, dem Schwiegersohn des Gründers, gestellt: er führte zu einer sozialen Verbesserung der Arbeiter der Fabrik. Es gab eine Schule für die Kinder, die Prügelstrafe wurde abgeschafft, die Kinderarbeit wurde eingeschränkt, es gab eine Pensions- und eine Krankenversicherung. Außerdem gründete er einen Dorfladen mit akzeptablen Preisen, eine Bibliothek, stellte Räumlichkeiten für soziale Veranstaltungen bereit. Das Ganze sicherlich aus einem gewissen Eigennutz – Owen sagte sich, dass die Verbesserung der sozialen Umstände auch zu einer Verbesserung des Produktionsprozesses führen würde. (Eine Erkenntnis, die der damaligen Zeit Jahrzehnte (manchmal danke ich „Jahrhunderte“), voraus war.

1968 geschlossen, zerfielen die Gebäude. Einige Jahre später wurde der „New Lanark Conservation Trust“ gegründet und die Anlage unter Denkmalschutz gestellt. Die Ernennung zum Weltkulturerbe gab es 2001. Ich finde, es ist ein würdiges Weltkulturerbe. … Auch hier bin ich nicht zum ersten Mal. Beim letzten Mal habe ich mir mit Andrea viel Zeit für New Lanark gelassen. Heute verweile ich hier ein wenig, esse mir ein Eis und studiere in Ruhe die Schilder mit Aussprüchen von Robert Owen.

Dieser Spruch hätte bei den Brexit-Abstimmungen auf jedem Plakat stehen sollen – aber zumindest in Schottland hat man ihn beherzigt. Leider ohne Erfolg.

Ich schiebe mein Rad an den massiven Gebäuden entlang, an denen immer (noch) gearbeitet wird. Die Autos passen auch hier nicht ganz ins Bild – aber sie passen zur Weiterentwicklung, so wie New Lanark immer eine Weiterentwicklung war.

Schließlich führt mein Weg mich (über Treppenstufen) von New Lanark weg. Ich folge dem Wanderweg am Clyde entlang. Ein letzter Blick zurück zeigt mir die Anlage von New Lanark. Ohne Autos. So wie sie hier vor 200 Jahren gestanden hat. Mein Blick schweift über den Clyde. In der „Factional“-Background-Story zu Annie MacLeod ist der Clyde ihr Grab. Annie MacLeod ist die Protagonistin einer Multimedia-Tour in New Lanark. Die Tour ist in die Vergangenheit ist eindrucksvoll und dreht sich um die 10-jährige Annie MacLeod aus New Lanark. Laut der Hintergrund-Story soll sie (wie viele andere Kinder aus New Lanark) im Clyde ertrunken sein und erscheint den Besuchern der Tour daher als Geist.

Von New Lanark zum „Castle Dangerous“

Mein Weg führt mich nun den Clyde entlang nach Süden. Es sind nur zwei Kilometer – aber sie sind interessant. Mir gefällt die Optik des Clyde-Ufers. Mir gefällt nicht die Tatsache, dass komoot meint, ich wäre auf einem Fahrradweg.

Zuerst führt der Weg über angelegte Holzplanken, auf denen mir immer wieder Fußgänger begegnen. (Okay, ist ja auch ein Wanderweg.) Ich fahre, schiebe und trage mein Fahrrad den Clyde hinauf und freue mich, dass ich die Tour in Glasgow gestartet habe und heute Abend dort wieder ankommen werde. Es war mal geplant, dass ich diese Tour mit vollbepacktem Rad gefahren wäre – das wäre mir nicht gelungen. Definitiv nicht. Leider gibt es von den Anstiegen ohne Rampe fürs Fahrrad keine Fotos, da ich dort mit Tragen beschäftigt war. Wenn ihr mir nicht glaubt .. fahrt selber mit dem Fahrrad hin. 😉

Aber hinfahren und dort wandern, sollte man mal. Neben mir gluckert und strömt der Clyde, stürzt mehrere Meter in die Tiefe, drängt sich durch das schmale Tal. Ein Genuss, kann ich nicht anders sagen.

Dennoch bin ich irgendwie froh, als ich nach 2 Kilometern mein Fahrrad über einer Brücke schiebe (nicht die auf dem Foto) und wieder einen richtigen Weg unter den Füßen hatte. Es geht nun über Feldwege weiter gen Süd-Westen. Irgendwann erreiche ich die B7078 unterhalb der M74, die von Glasgow aus gen Süden führt. Dieser „Doppelader“ folge ich nur wenige hundert Meter, denn biege ich auf einen Abstecher ab. Der kleine Ort „Douglas“ erwartet mich – genauer gesagt „Douglas Castle“ in der Nähe des Ortes.
Als ich gestern Abend in einem Facebook-Post von dem geplanten Ziel erzählte, reagierte eine Bekannte von mir entsetzt:

Ich konnte das Entsetzen nicht ganz nachvollziehen. Bisher kannte ich das „Douglas-Castle“ nur als „Castle Dangerous“ aus dem gleichnamigen Dudelsack-Stück. Aber selbstverständlich habe ich dann etwas recherchiert, um meine Kenntnisse der englischen Romantikzu erweitern.

Das Buch wurde 1891 von Sir Walter Scott geschrieben und war der letzte Roman, den er zu Lebzeiten veröffentlichte. Es spielt um das Jahr 1306 herum in South Lanarkshire nach dem Tode von William Wallace. Eine deutsche Zusammenfassung des Buches gibt es scheinbar nicht, die englischen verstehe ich nicht – denn scheinbar verstehe ich nur „Scotish English“. 😉 Aber eine gute Freundin von mir, Meike, war so nett und hat mir eine Übersetzung der Zusammenfassung des Buches geschickt. Also: worum geht es in dem Buch?

Castle Dangerous ist eine Art mystizierender Geschichts-Roman, der zur Zeit von Robert Bruce und seinem Kampf um die schottische Unabhängigkeit von Edward I (Edward Longshanks) spielt. Vordergründig eine Liebesgeschichte, die Geschichte von Lady Augusta, einer schönen Jungfrau, die sich verpflichtet hat, einen englischen Ritter zu heiraten, der den Titel bekommen soll (und sie), wenn er das gefährliche Schloss ein Jahr und einen Tag lang halten und halten kann. Das versucht dann u.a. ein gewisser John de Walton, Engländer. Es geht dann um die vielen Gefahren, denen er trotzen muss, unterstützt von seinem Leutnant Aymer de Valance. Der lädt dann einen reisenden Minnesänger ein, auf der Burg zu bleiben, was zu einem Streit zwischen den beiden englischen Rittern führt (warum, konnte ich nicht eruieren, der Minnesänger spielt dabei eine dubiose Spionage-Rolle). Und dann gibt es noch einen fiesen Douglas, ein schottischer Clan-Chef, der sich das Schloss unter den Nagel reißen will, Währenddessen taucht der „Sohn“ des Minnesängers, „Augustine“, in einem nahe gelegenen Kloster auf. In Wirklichkeit ist Augustine die oben geanannte Lady Augusta, die gekommen ist um zu sehen, ob de Walton sein Versprechen, das Schloss zu halten, einhält. Sir James Douglas, der glaubt, dass das Schloss, das einst von seinem Vater gehalten wurde, tatsächlich seins ist, ist ein Unterstützer von Bruce. Schließlich kommt es zu einem seitenlangen Schwertkampf zwischen Douglas und de Walton, der das ganze Wirrwarr nicht versteht Es kommt die Nachricht, dass die Streitkräfte von Bruce die des Grafen von Pembroke in der Schlacht von Loudon Hill besiegt haben, was bedeutet, dass die Suche nach Unterstützung durch englische Verstärkungen, auf die de Walton gesetzt hatte, nicht kommt. Tatsächlich befiehlt Pembroke de Walton, das Schloss Douglas zu übergeben. Zu diesem Zeitpunkt übergibt der letztere die Hand von Augusta an seinen jüngsten Feind, und obwohl er das Schloss nicht besessen hat, sind die Liebenden vereint. So oder ähnlich. Klingt nach so einer typischen mittelalterlichen Verwicklungssage

Jedenfalls erreiche ich (im Gegensatz zu den englischen Truppen) nach einem kleinen Umweg durch das Dorf „Douglas“ den Ort des Castles. Also … den Ort, wo es mal gestanden hat. Nachdem es im Jahr 1755 durch einen Brand zerstört worden war, wurde es kurz danach wieder aufgebaut. Es sollte das größte Castle Schottlands werden. (Ich weiß nur, dass auf dem Weg dorthin der Bauherr starb. Ob es noch das größte Castle wurde … keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht.)
Im Jahr 1938 musste das Castle abgerissen werden, nachdem es durch den Bergbau in der Gegend instabil wurde. Geblieben ist nur … ein Turm. Bzw. die Ruine des Turms.

Ich gebe zu, ich war etwas enttäuscht. Ich hatte mir mehr unter dem „Castle Dangerous“ vorgestellt. Aber es liegt dafür gut. Ein wenig Genugtuung für diese „Enttäuschung“ habe ich einige Monate später erfahren, als wir in der Band beschlossen haben, das „Castle Dangerous“-Set aus dem Programm zu nehmen. 😉
Dort am Castle treffe ich eine Familie aus der USA. Sie sind in Edinburgh im Urlaub und wollten einmal den Stammsitz ihrer Familie besuchen, denn sie gehört zum Clan Douglas. Daher sind sie von Edinburgh aus mit einem Taxi hier hin gefahren. … Okay, ich hätte einen Mietwagen genommen. Oder ein Fahrrad. Aber wo sie schon einmal da waren, habe ich Fotos von denen gemacht – und die Familie von mir.

Vom „Castle Dangerous“ zurück nach Glasgow

Nach einiger Zeit breche ich auf. Mein Rückweg steht quasi bevor. Noch schwanke ich ein wenig – angedacht war mal, bis Ardrossan an der Küste zu fahren, dort das Fahrrad stehen zu lassen und mit dem Zug ohne Fahrrad zurück zu fahren. Am kommenden Tag wäre ich dann mit dem Zug wieder nach Ardrossan gefahren, um von dort nach Arran überzusetzen. Aber … wollte ich das wirklich? Mein Fahrrad alleine lassen? Im Endeffekt entscheide ich mich dagegen und steuere mit einem Umweg über Moscow wieder Glasgow an. Also – Moscow in Schottland. Nicht das andere, das große, das mit dem roten Platz.

Auf dem Weg dahin passiert nicht viel, dafür bin ich lange unterwegs. Fast 50 Kilometer lang ist die Strecke, bevor ich wieder gen Norden in Richtung Glasgow abbiege (und durch Moscow kam).
Zuerst fahre ich ca. 10 Kilometer in Reichweite der M74, die von Süden aus auf Glasgow zu führt. Dann erreiche ich Lesmahagow (muss man nicht kennen) und biege von dort aus nach Westen ab, folge vielen kleineren Straßen und Feldwegen.

Während ich so über einen der Feldwege fahre, taucht vor mir ein Schaf auf. Im Gegensatz zu den anderen Schafen hier in der Gegend, hält es sich VOR dem Zaun auf dem Weg auf. (Im Gegensatz zu den anderen schottischen Gegenden, die ich kenne, haben die Schafe hier ihre Weide – und nicht große, von einem Cattle Grid abgesperrte Bereiche.) Das Schaf sieht mich – und läuft davon. In allerbester Slapstick-Marnier rennt es auf dem Weg vor mir weg. Immer weiter. In meine Fahrtrichtung. Erst folge ich ihm langsam. Dann denke ich mir „Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken (für das Schaf) ohne Ende“ und trete in die Pedale. Ich werde schneller, nähere mich dem Schaf, überhole es. Es ist ziemlich panisch, gebe ich zu. Aber was sollte ich machen. Das Schaf wäre wohl nie auf die Idee gekommen, nach rechts oder links auszuweichen. (Hätte es auch nicht gekonnt.) Ich überhole also das Schaf, es bleibt erschrocken stehen und lässt mich passieren. Kaum bin ich vorbei, trottet es zum Straßenrand und beißt in das dort wachsende Gras, um sich zu stärken. Alles okay, würde ich sagen.

Beim nächsten tierischen Zusammentreffen bleibe ich allerdings stehen. Nicht freiwillig (okay, doch schon irgendwie), denn ein Landwirt, der gerade seine Kuh-Herde über die Straße treibt, kommt winkend auf mich zu. Ich solle stehen bleiben. Ob er Angst um mich oder seine Kühe hat – ich weiß es nicht.

Von diesen tierischen Begegnungen abgesehen ist die Landschaft, die sich mir bietet, vergleichsweise langweilig unspektakulär uninteressant bekannt. Ich finde gerade kein Wort, mit dem ich es beschreibe und der Landschaft trotzdem gerecht werde. „Bekannt“ trifft es vielleicht. Die Landschaft wirkt, als wäre ich in der Soester Börde unterwegs. Oder im Warburger Land. Oder auch in der Paderborner Hochebene. Vorsichtig wellt sich die Umgebung und Bäume, Felder und einsame Hütten wechseln sich ab. Trotzdem hat sie immer wieder etwas unbekanntes. Selbst wenn ich mir das Foto oben im Nachhinein anschaue, fühle ich das schottische. Ich … kann es leider nicht anders beschreiben.

Nach etwa 100 Kilometern Tagesleistung erreiche ich wieder bewohnteres Gebiet. Ich fahre durch Darvel und kurz danach durch Newmils. Hier fällt nun der endgültige Entschluss, dass ich nicht nach Ardrossan fahre, sondern wieder gen Norden abbiege. So führt mich, wenige Kilometer vor Kilmarnock, mein Weg auf Moscow zu.
Die Wikipedia beschreibt „Moscow“ als kleinen Weiler und Pendlersiedlung für Klimarnock und Glasgow. Der Name soll mit dem Moskau in Russland allerdings nichts zu tun haben, es ist wohl eher eine Verfälschung des ursprünglichen gälischen Namens. Kein Zufall ist der Name des Flusses, den ich kurz vor dem Weiler überquere. Er heißt „Volga“. 😉

Hinter Moskau wird es wieder ostwestfälisch. Mein Blick fällt in der Ferne auf die Windräder bei Lichtenau. Fühlt sich an, wie eine Fata Morgana. Dabei ist es gar nicht so heiß. 😉

Schließlich, als mich eine mossbewachse Bank zum Verweilen einlädt, höre ich den Autolärm von der M77, die von Kilmarnock nach Glasgow führt.

Im Dunstkreis des Motorways werde ich die nächsten Kilometer RIchtung Glasgow zurücklegen. So schwenke ich wieder nach Nord-Osten ab. Für 12 Kilometer begleite ich die M77, dann werfe ich einen letzten Blick auf die breite Straße. Im Hintergrund ist schon Glasgow zu sehen, dahinter die ersten sanften Berge.

Ich biege nun in die Glasgower Vororte ab. Über 12 Kilometer folge ich der Ayr Road, der Farwick Road und der Kilmarnock Road hinein ins Zentrum von Glasgow. Die Straße bietet mir einen schönen Eindruck vom abendlichen Vorort-Getümmel Glasgows.

Schließlich werden die Gebäude größer und älter, ich nähere mich langsam dem Zentrum der Stadt. Einen kleinen Umweg zum Ziel, der AirBnB-Unterkunft, nehme ich in Kauf, denn ich will noch einen Abstecher durchs Glasgow Green machen.

Der Obelisk versinkt schon ein wenig im Schatten und erhohlt sich vom Gedränge der Weltmeisterschaften am vergangenen Wochenende.

Nach gut 150 Kilometern und etwa 12 Stunden reiner Fahrzeit überquere ich wieder einmal den Clyde auf dem Weg vom Glasgow Green zur Unterkunft. Wieder einmal bleibe ich stehen und genieße den Blick ins Halbdunkel.

Kurz darauf erreiche ich die Unterkunft. Andrea und Lukas sind noch nicht da – sie sind noch beim Einkaufen. (Glaube ich.) So schließe ich mein Fahrrad schon einmal ab und setze mich vor die Tür.

Nach einigen Tagen Pause in Glasgow war ich heute wieder unterwegs gewesen. Mit leichtem Gepäck ist es die längste Etappe meiner Schottland-Tour geworden. 151 Km mit gut 1000 Höhenmetern – obwohl ich mich schon in den Lowlands befinde.
Einige Höhepunkte gab es bei der Tagesreise – viel Routine war dabei. Aber es war schön, wieder den Sattel unterm Hintern und die Straße unter den Rädern zu spüren. Die nächsten Tage würde ich auch auf dem Rad verbringen. Darauf freue ich mich – morgen ist eine kurze Tour um Arran herum dran.