Sommer 2019, Tag 1: Von Bad Lippspringe nach Schwerte / Ruhr

Im Sommer 2019 ging es wieder los. Fast 5 Wochen wollte ich unterwegs sein. Am ersten Tag führte mich mein Weg von Bad Lippspringe aus über Büren, Rüthen, den Möhnesee und Fröndenberg nach Schwerte an der Ruhr.

Einen ausführlicheren Bericht gibt es später bestimmt auch mal – jetzt aber schon einmal ein paar Fotos vom Tag.

Morgens um 4:30 stehe ich auf. Meine Frau will zum Sport – was soll ich also noch zu Hause. Immerhin hat sich meine Abfahrt schon um einen Tag verspätet. Mein Gepäck hatte ich schon am Vorabend soweit gepackt, es musste nur noch auf dem Fahrrad verstaut werden. So mache ich mich an die Arbeit, verabschiede mich für die nächsten 5 Wochen anderthalb Wochen von Andrea, packe weiter und stehe gegen 5:30 fertig vor dem Haus. Andrea ist schon weg, aber unsere Mieterin kommt zufälligerweise mit dem Hund vor die Tür und ist so nett, noch ein Foto von mir und „Blue Steel“ zu machen.

Dann geht es los. Ich folge unserer Straße, biege in Richtung des Bahnradwegs nach Marienloh ab, folge dem Bahnradweg, treffe auf die „Talle“ in Paderborn. Die Aussage von Andrea schwebt mir im Ohr: „Eine Radtour muss zu Hause beginnen und zu Hause enden.“ Ja, sicher. Aber es ist schon ein komisches Gefühl, mit vollem Gepäck und dem Bewusstsein einer langen Tour die Strecken zu fahren, die man so oft im Jahr. Ein sehr komisches Gefühl. 

Am Ende der Talle hätte ich links ab in Richtung des Heinz-Nixdorf-Rings fahren müssen. Es zieht mich aber geradeaus, auf Schloss Neuhaus zu. ich kann nicht die ganzen Flüsse abfahren, wenn ich es nicht einmal schaffe, die Lippe bis zum Ende zu fahren und die Alme am Ende zu beginnen.

Nach gut 30 Minuten Tour stehe ich also an der ersten Mündung meiner Strecke – der Almemündung in die Lippe. Ich genieße die Minuten dort, habe ich doch erst vor 2 Jahren hier mit meinem Vater gestanden. 

Mein Fahrrad genießt die Ruhe vor dem Sturm ebenfalls. Ganz entspannt steht es an der Mündung, lehnt sich auf seinen Fahrradständer. Von hier aus liegen nun 36 Kilometer die Alme aufwärts vor mir, bevor ich Büren erreiche und von dort aus die Möhne ins Visier nehmen werde.

Ursprünglich hatte ich für den Sommer wieder eine Schottland-Tour mit dem Rad geplant – aber es kam dann doch anders. Trotzdem scheint das Schicksal mich immer wieder an Schottland zu erinnern. ich treffe auf Schafe, es regnet manchmal leicht, am Wegesrand stehen Disteln. Zu allem Überfluss imitiert mein Fahrrad auch noch während einer Fotopause das Verhalten meines alten Rads damals in Oban im Jahr 2017. Bei einer Fotopause (ich glaube, es war das Bild von der Distel) bricht der Fahrradständer ab. Dabei bin ich noch nicht einmal 20 Kilometer gefahren. Das fängt ja gut an. Es wird aber die einzige wirkliche Fahrradpanne auf den folgenden 4200 Kilometern sein. Glück gehabt.

Distel am Almeradweg

Ich folge der Alme flussaufwärts. Vorbei an Borchen (wo mich das Schild zum Altenauradweg begrüßt), Alfen, Oberntudorf, Niederntudorf und der Wewelsburg. Die Tour spiegele ich, wie gehabt, auf Facebook wieder. Während ich so dahin fahre, wird einer der Beiträge kommentiert: „Hi Markus, ich sitze gerade in meiner Schule. Komm doch auf einen Kaffee vorbei.“ Wo die Schule ist, weiß ich. Vorher muss ich aber noch an der Wewelsburg mit ihrer wechselhaften, teilweise sehr unschönen Geschichte vorbei. So wie die da wissend ins Tal blickt, könnte man sie für ein Mahnmal halten. „Hey Leute“, scheint sie zu rufen, „denkt dran, was man im dritten Reich aus mir gemacht hat!“

Die Wewelsburg

An Ahden vorbei, immer der Alme folgend, erreiche ich Brenken. Oberhalb von Brenken liegt die Erpernburg, der Stammsitz der Freiherren von und zu Brenken – und die Wohnung der Tante meines Vaters. Er ist dort als Kind oft zu Gast gewesen – ich ebenfalls öfters mal, als ich noch ein Kind war. Aber an vieles dort kann ich mich nicht mehr erinnern.

Um kurz vor 12 (wesentlich später als geplant, vielleicht sollte ich besser wieder umkehren) erreiche ich Büren.

Jesuitenkirche in Büren

Unterhalb der des Ortes mache ich kurz Rast und verschlinge langsam ein Käse-Wurst-Brötchen. ich muss mich schließlich stärken.

Es geht weiter – aber bevor ich der Straße hinter Büren hinauf auf die erste Anhöhe (380 Meter, ein Kinderspiel) folge, halte ich an einer Grundschule im Ort an. Im Schulleitungsbüro treffe ich meine Bekannte – sie ist wirklich am Arbeiten. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen einer Schule wie ihrer und einer kleinen Schule wie der im Altenautal. Ich kann früher in die Ferien. (Ja, jetzt darf jeder einmal auf dem Lehrer-Ferien-Klischee herumhacken. 😉 )

Den Kaffee lehne ich dankend ab, aber wir unterhalten uns einige Minuten. Dann lasse ich sie mit ihrer Konrektorin weiterarbeiten und fahre wieder los. Der Anstieg wartet. Es geht den Berg hoch und auch wieder etwas herunter. Dann bin ich in Rüthen, der Stadt auf dem Berg. So habe ich sie immer genannt, wenn wir früher meine Großeltern in Warstein besucht haben und an der Stadt vorbeigefahren sind. Ich fahre etwas ziellos durch Rüthen, komme im Westen an einen Friedhof, folge komoots Angaben weiter ins Tal – und denke, ich bin wieder einmal auf dem West Highland Way. Danke komoot. Langsam rolle ich bremsend ins Tal hinab, weiche den unschönen Stellen auf dem Feld(weg) – ich weigere mich, den Begriff „Weg“ zu benutzen – aus, steige auch zweimal ab. Schließlich komme ich am Fuße des Abhangs wieder an einem richtigen Weg an. Rückblickend gesehen war es eine gute Übung für Monschau, die Weißmain-Quelle und die sächsische Saale. Nur noch wenige Meter trennen mich von der Möhne.

Die Strecke an der Möhne entlang kenne ich schon von Ostern. Es fährt sich gut, auf einem ruhigen Weg. Manchmal geht es durch die Ortschaften, die an der Möhne liegen. Bei Sichtigvor komme ich an einem alten Eisenbahnwagen vorbei. Wenn ich es richtig erkenne, kann man den Wagen von Innen anschauen – aber heute nicht. Macht nichts.

Pause in Belecke

Dem Mündunggebiet der Möhne in den Möhnesee nähere ich mich dieses Mal am Südufer. Dann passiere ich die Kanzelbrücke. Ostern bin ich hier zum Ausruhen und Genießen stehen (und liegen) geblieben. Heute ziehe ich durch, da ich eine lange Etappe vor mir habe und mich noch nicht wieder so gut einschätzen kann.

Dem Südufer folge ich bis ich mich gegenüber von Körbecke befinde.

Dort nehme ich die Fußgänger-/Radfahrerbrücke über den Stausee und fahre am Nordufer weiter bis zur Staumauer. Dort mache ich Mittag und genieße eine Currywurst/Pommes.

Mittagspause an der Möhnetalsperre

Ich genieße auch den Blick auf die Staumauer. Kenner der Staumauer würden mir wahrscheinlich sagen können, ob die hellere Stelle im Bild die im 2. Weltkrieg zerstörte und ersetzte Stelle der Mauer ist.

Möhnetalsperre

Hinweisschilder sagen mir zumindest, als ich weiterfahre und mich unterhalb der Staumauer befinde, dass ich an einem Kloster vorbeikomme, welches bei der Zerstörung der Staumauer zerstört wurde. Krieg ist Scheiße.

Altes Kloster unterhalb der Möhnetalsperre. Bei der Sprengung der Staumauer wurde es zerstört.

10 Stunden bin ich unterwegs, es ist früher Nachmittag und ich erreiche mit Neheim die nächste Mündung meiner Reise. Die Möhne fließt an dieser Stelle in die Ruhr. Etwa zwei Drittel der Strecke habe ich auch geschafft. 100 Kilometer liegen nun hinter mir – 50 noch vor mir. Über Wickede/Ruhr und Fröndenberg geht es ab jetzt an der Ruhr entlang. Kurz vor Wickede stehen wieder die Kamele (oder sind es Dromedare?) in ihrem Gehege am Straßenrand – allerdings weit entfernt unter einer Baumgruppe. Erinnerungen an den Ruhrtalradweg mit Vater, Bruder, Neffe und Nichte kommen auf. Und Erinnerungen daran, dass wir wegen mir die Tour damals 20 Kilometer vor der Rheinorange abbrechen mussten, weil es mir nicht gut ging. (Offiziell heißt es nach wie vor, wir hätten wegen des herannahenden Gewitters abgebrochen. Aber das glaube ich immer noch nicht.) Ob ich dieses mal auch abbrechen werden? Oder ziehe ich die Tour durch? 4200 Kilometer und 5 Wochen sind schon eine massive Herausforderung – das muss ich mir nun schon, am ersten Tag eingestehen. Ich weiß aber, dass ich nicht alleine fahre. Mich begleiten meine Freunde bei Facebook, Instagramm, Whatsapp, … die reges Interesse an meiner Tour zeigen und mich immer wieder motiveren.

Aber – noch ist das nicht nötig. Ich denke (noch) nicht darüber nach, abzubrechen. Die Strecke, die ich fahre, kenne ich wie gesagt schon. Trotzdem fliegt sie nicht einfach an mir vorbei. Ich mag den Ruhrtalradweg. In meiner persönlichen TopTen der Radwege in Deutschland steht er ganz oben. Immer wieder sehe ich etwas, was ich bisher noch nicht bemerkt hatte. Sei es, weil es mir vorab entgangen war – oder weil es noch nicht da gewesen war. So zum Beispiel das Hinweisschild, dass ich die Hälfte des Ruhrtalradwegs erreicht hatte. Nach 134 Kilometern kam ich dort an. (Okay: 1. war ein ähnliches Schild schon länger dort gewesen. 2. Bin ich nicht 134 Kilometer Ruhrtalradweg gefahren.)

Die Hälfte des Ruhrtalsradwegs hbe ich erreicht – allerdings bin ich ihn dieses Mal nicht von Anfang an gefahren.

Über sehr gut zu fahrende Wege schieße ich meinem Ziel „Hohensyburg“ entgegen. Der Radweg ist relativ wenig frequentiert. Mag daran liegen, dass es Dienstag und nicht Wochenende ist. Mag auch daran liegen, dass es „feste “ Etappen auf diese Strecke gibt. Arnsberg – Hagen – … . Wenn man sich an diese Etappen hält, sollte man um diese Uhrzeit nicht mehr da sein, wo ich jetzt bin. Meiner Reisegeschwindigkeit von 18-20 km/h ist das egal. Es sind noch gute 20 Kilometer. ich liege gut in der Zeit.
(Reisegeschwindigkeit: ich muss immer irgendwie zwischen „Theorie“ und „Praxis“ unterscheiden. Mein Tacho zeigt in der Regel (gefühlt) immer die 18 – 20 km/h an. Als Durchschnitt gibt mir komoot in der Regel gute 16 km/h an. Warum auch immer. Und effektiv kann man sagen, dass ich ca. 12 – 14 km pro Stunde fahre, da ich mir immer mal wieder etwas Zeit lasse. So sitze ich für meine üblichen Tagesetappen gute 10 Stunden auf dem Sattel.)

Die Ruhr

Ich überquere immer mal wieder die Ruhr. Inzwischen ist sie sehr breit geworden. (Ist sie auch tief? Ich könnt mein Rad hineinwerfen, um es zu testen. 😉 )
Die letzten Kilometer führen mich noch einmal am Ufer der Ruhr entlang. Dann fahre ich an Westhofen vorbei (das ist einer der Orte, die man nur aus den Verkehrsnachrichten kennt. Vor mir sehe ich schon die Syburg und erahne den Campingplatz. Bevor ich aber den Anstieg zum Campingplatz in Angriff nehme (ich kenne ihn von meiner ersten Ruhrradweg-Fahrt) halte ich noch an einer Tankstelle. Ich brauche was zum Trinken. Und ein paar Chips.

Dann kämpfe ich mich den Anstieg hoch und erreiche schwer atmend den Campingplatz unterhalb der Syburg und oberhalb des Hengsteysees. An der Zeltwiese angekommen muss ich erst einmal nachdenken. Mit der Zeit würde es zur Routine werden – aber heute ist es das noch nicht. Wo stelle ich mein Zelt auf, damit ich morgens möglichst viel Sonne bekomme und mein Zelt vor der Abfahrt möglichst trocken wird.

Beim Zeltaufbau helfen mir 3 Kinder aus dem Sauerland, die mit ihren Eltern einen Teil des Ruhrtalsradwegs fahren. Das finde ich cool. (Also: das Fahren. Das Helfen aber auch.) Die jüngste Tochter erzählt mir dabei die wichtigsten Infos der Familie 😉 und anschließend sitze ich nach der Dusche und einem Telefonanruf zu Hause noch mit einem Bier mit den Eltern zusammen. Schließlich gehe ich ins Bett. Der Tag hat früh begonnen und war lang. Aber schön. Der nächste Tag wird auch so werden. Lang – und schön. Ich freue mich drauf.

 

Tag 2: Schwerte – Duisburg – Meerbusch

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